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Friederike Mayröcker im Oktober 2019 in der Wiener Staatsoper. Foto: Roland Schlager/APA/dpa
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Friederike Mayröcker im Oktober 2019 in der Wiener Staatsoper.

Lyrik

Nachruf auf Friederike Mayröcker: Auf den Schwingen des Albatros

  • VonBjörn Hayer
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Zum Tod der einzigartigen Dichterin Friederike Mayröcker

Für sie war „jedes Wort ein einziges Wundmal“, wie sie in ihrem letzten Werk „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ (2020) schrieb. Jedes Wort war somit eine Offenbarung, eine Stelle, die Einblick gab in ein privates Reich. Wovon die am Freitag im Alter von 96 Jahren verstorbene Friederike Mayröcker, die Grande Dame der Wiener Avantgarde, Zeit ihres Lebens erzählte, war die subjektive Wahrnehmung ihrer Welt: die Blumen im Garten, das Zwitschern der Vögel, all ihre Lektüren von Friedrich Hölderlin, Jacques Lacan bis zu Marcel Beyer sowie ihre schon 1991 in „Stilleben“ beklagten „Vergreisungstendenzen“. Trotz des eigenen körperlichen Zerfalls entstand selbst noch in der vergangenen Dekade fast jedes Jahr ein neues Buch – getreu dem beharrlichen Motto: „Der Himmel ist namenlos, ohne Grenzen, und alles ist wieder möglich, weil ich schreiben kann“.

Fragt man also danach, was Sprache für die Vielschreiberin bedeutete, so fällt die Antwort eindeutig aus: atmen, existieren, mithin sich von allen Fesseln der körperlichen Existenz losschreiben. Dadurch konnte sie etwa mit dem 2000 verstorbenen Geliebten und Dichtergefährten Ernst Jandl literarisch in Kontakt bleiben, den sie in all ihren Bücher liebevoll mit Du oder einfach als Ely anspricht. Die Kunst der Poesie konnte für sie somit sogar die Barriere zwischen Dies- und Jenseits überwinden. Und wo ihr schon das Dasein schwerfiel, verhalf ihr die Dichtung bisweilen zur Verwandlung der Umstände: „Ich bin krank, ich habe Ausdünstung Wadenkrampf“, hält sie in ihrem wundervollen Spätwerk „ich sitze nur GRAUSAM da“ (2012) fest, „mir schwebt etwas vor, also ins Leere ohne Ahnung was es sein könnte, oder es war der Albatros in dessen Gefieder ich mich festgekrallt hatte.“ Im Angesicht der Vanitas kommt dem Subjekt ein Vogel in den Sinn – ob er es wohl hinforttragen kann aus der Misere?

Ganz gewiss. Denn Mayröckers Texte sind lyrisch-prosaische Ströme, Assoziationskaskaden, die uns von einem Gedanken zum nächsten treiben. Als Quell fungieren Notate, spontane Eindrücke, gesammelte Erinnerungen und andere literarische Klassiker, die die Autorin umgeben haben. Wer einmal einen Blick in ihre Wohnstube erhaschen durfte, konnte daher Berge von beschriebenen Seiten und Büchern gewahr werden. Mayröcker lebte wie keine andere in und mit Literatur. Mehr als 80 Bücher gingen aus diesem wechselseitigen Prozess aus Lesen und Schreiben hervor, währenddessen die 1924 geborene Tochter eines Hutmachers noch 23 Jahre ihrem Brotberuf als Lehrerin nachging.

Fantasien im Halbschlaf

Wie im Rausch hat die auch für den Nobelpreis gehandelte Schriftstellerin die Seiten getippt. Wohl nicht zuletzt deshalb führte sie immer wieder fiebrige Fantasien im Halbschlaf als Inspirationsgeberinnen an. „In meinen Träumen bin ich jung in meinen Träumen bin ich high“, tut sie noch nicht einmal ein Jahr vor ihrem Tod kund.

Lässt man sich auf ihre frühen, sämtliche Gattungskonventionen brechenden Gedichte und Prosabände ein, so äußern sich darin noch stärker Züge der konkreten Poesie und des Surrealismus. Stets durchwandern Leser und Leserin labyrinthische Räume zwischen Realität und Fiktion, Flure, in denen man auf Gemälde von René Magritte oder Salvador Dalí trifft. Nichts ist klar umrissen, alles von spielerischer Unschärfe durchdrungen.

Geleitet wird man dabei von Sätzen voller Metaphern und Lautmalerei. Statt auf lineare Erzählungen setzte sie auf das Fragment. Möglicherweise um Potenzial für die Vorstellungskraft bei der Lektüre zu lassen oder um die Brüchigkeit der Existenz an sich zu dokumentieren. Tatsächlich verbindet die auf den ersten Blick losen Aneinanderreihungen ein starkes Prinzip ihres Schreibens, nämlich die Empathie.

In allem sah Mayröcker ein berechtigtes und schützenswertes Wirken: „Ich hielt den jungen Vogel in der Hand, warf ihn dann leicht empor, ihn das Fliegen zu lehren. Aber er fiel zurück und ich fing ihn behutsam auf (…) Sein einziger Lebenszweck scheint erfüllt, wenn er unser Mitleid zu erregen verstanden hat.“ Gerade diese Stelle aus „Stilleben“ verdeutlicht, dass literarisches Schreiben für die Wienerin auch einer Ethik folgte. Seien es Tiere, Bäume, seien es Romane, Bilder oder Musik – was sie sah und hörte, schloss eine Haltung des maximalen Mitgefühls ein, so weit, bis mitunter der Körper des lyrischen oder erzählenden Ichs in seinen Annäherungsbewegungen geradezu mit der Landschaft verschmelzen konnte.

Am Ende dieses durch und durch von Schöpfungsdrang gezeichneten Lebens bleibt ein Garten humanster Pflege zurück, mit bunten Beeten und einem schillernden Fluss der Worte. Doch für „le kitsch“ – ein Begriff, den Mayröcker gern selbstironisch gebrauchte – ist darin kein Platz. Selbst auch in diesem Biotop steht jeder Blume das Verwelken bevor. Es gilt, „vielleicht 1 wenig die Schönheit (zu) brechen dasz 1 tiefere Schönheit erblüht“. Ihr hat die Poetin einen unschätzbaren Dienst erwiesen. Denn mit ihrer faszinierenden Sprachmacht konnte sie verewigen, was ansonsten der Wind der Zeit verweht hätte.

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