Nach vorne offen

  • schließen

Der Finalband von Ulrich Schreibers großem "Opernführer"

Nach 18 Jahren ist Ulrich Schreibers Opern-Großprojekt nun abgeschlossen mit dem fünften Band, genauer gesagt: mit dem dritten, auch wieder Bibelstärke erreichenden Buch des dreigeteilten Band III, dessen Dreieinigkeit sich mit der Oper des 20. (und zuletzt beginnenden 21.) Jahrhunderts beschäftigt. Mithin gilt beiläufig die Hälfte oder mehr dieser gesamten operngeschichtlichen und -literarischen Textmenge Kunsthervorbringungen, die angeblich keine Repertoirefähigkeit mehr gewinnen konnten. Es gehört zu den Erkenntnissen der Schreiber-Lektüre, dass es, außer dem harten Kern der 40, 50 ständig gespielten Opern, weitere innere und äußere Ringe interessanter immer wieder einmal oder doch gelegentlich auftauchender Werke gibt. Erst dieser Reichtum gerade von Stücken aus dem "pluralistischen" und Oper weltweit verbreitenden letzten Jahrhundert konstituiert lebendige Opernkultur(en).

Ohne Spannungsverlust fahndet Schreiber also auch nach Entlegenem in Nord- und Osteuropa oder anderen Kontinenten, bis hin nach "Downunder", wo er eine kuriose Variante selbstreflexiven Musiktheaters namhaft macht: Alan Jones' The Eight Wonder (1995) über das zum australischen Wahrzeichen avancierte Opernhaus Sydney und seine turbulente Baugeschichte mit dem düpierten Architekten Jörn Utzon als tragischem Helden. Kernkapitel des Schlussbandes behandeln Sergej Prokofjew und Leos Janacek; vor allem letzterer wird als ein (mit vier bis fünf Werken) unbezweifelbarer Repertoirepfeiler aus dem vielgestaltigen und oft auch sperrigen Fundus des vergangenen Säkulums gewürdigt. Auch Schostakowitsch und Strawinsky haben in diesem Buch ihren Platz.

Zum Mitdenken für Fortgeschrittene

Bei Strawinsky wäre eine Zuordnung zu Osteuropa sicher weniger zwingend gewesen als bei Rachmaninow (der in seinem Komponieren dezidiert Russe blieb; zudem entstanden seine drei Opern vor der Emigration nach Amerika), und Isang Yun ließe sich ebenso der deutschen wie der südkoreanischen Operngeschichte zuschlagen. Von Rand- und Zwitterphänomenen abgesehen, findet freilich alles in dem geographisch gemusterten chronologischen Koordinatensystem Übersichtlichkeit und Plausibilität.

Man kann dieses Gesamtwerk durchaus wie eine spannende belletristische Attraktion von vorn bis hinten lesen. Schreibers Diktion ist immer fesselnd, in der Nacherzählung von Plots konzentriert-unumschweifig, in den notwendigen und zuverlässigen musikanalytischen Bemerkungen klar verständlich. Sehr nützlich sind die Hinweise zur Rezeptionsgeschichte der einzelnen Opern. In der Faktenvermittlung wirkt Schreiber solide bis hart an die Grenze zur Unfehlbarkeit (die kleinen Irrtümer des 700-Seiten-Textes lassen sich wohl an einer Hand abzählen). Dazu kontrastiert eine das Riskante nicht scheuende Lust am Herstellen von Korrespondenzen auch über weite Distanzen hinweg, so dass ein dichtes Gewebe von intellektuellen Bezügen entsteht. Die Kennzeichnung dieses monumentalen Opernführers "für Fortgeschrittene" ist gut und richtig: Jenes Kanon- und Kreuzworträtselwissen, das man getrost als Besitz nachhause tragen kann, ist seine Sache nicht. Schreiber appelliert implizit ans Mit- und Weiterdenken.

Unmissverständlich ist Schreiber vom Kunstwerkcharakter seiner Forschungsgegenstände, der Opern, durchdrungen; genau das auch gibt seinem schriftstellerischen Timbre die Emphase. Der generöse Impuls einer "Ästhetik des Geltenlassens" scheint im Laufe seiner Arbeit noch zugenommen zu haben. Man könnte sich ohnedies fragen, warum sich ein Einzelner diese Opern-Atlaslast aus vier Jahrhunderten aufbürdete. Eben darin liegt aber der überragende Wert der ganzen Unternehmung. Kein auf eine Periode oder eine Musikregion spezialisierter Fachmann hätte wohl die Fülle weiträumig erhellender Verbindungen herstellen können, die Schreiber mit seiner Gesamtschau leistet.

Berechtigte Grenze: das Musical

Indem er auf dem Kunstwerkcharakter insistiert, weist er immerhin Erscheinungen einer kommerziellen aktuellen Musiktheatralik wie das Musical ab. Eine berechtigte Grenze wird gezogen, wobei durchaus das Problem einer durch das Genre Oper und die kulturelle Tradition nobilitierten Opernart von ebenfalls vornehmlich kommerziell bestimmter, womöglich korrumpierter Faktur (Rossini, Meyerbeer) bestehen bleibt. Doch Schreiber braucht sich nicht darum zu grämen, wenn in 100 Jahren und bei dann viel weitergehenden ästhetischen Beschädigungen die heutigen Musicals einmal als glockenreine Kunstwerke dastehen könnten. Es gehört zur Dialektik seiner Chronisten-Perfektion, dass ein unabgeschlossenes, nach vorne offenes Werk zustande kam.

Ulrich Schreibers Opernführer ist ein Buch von heute, aber eines mit einem weit in die Ferne weisenden Verfallsdatum, nicht zuletzt wegen der unerschrockenen Subjektivität von Darstellung und Urteil. Wie Thomas Mann beim Beginn seiner großen Romane, ahnte Schreiber vor 18 Jahren nicht, auf was für ein immenses Vorhaben er sich einließ und welche Ausmaße es erreichte - erreichen musste, um seinen Anspruch zu erfüllen. Es ist ein Lebenswerk geworden. Erstaunlich und bewundernswert umso mehr, als es als "Nebentätigkeit" eines freiberuflich rastlos tätigen Musik- und Theaterkritikers (bis Ende der neunziger Jahre auch für die FR) entstand. Während Schreibers mammutöse Opernoper unter fünf Buchdeckeln heranwuchs, wurde der Autor - falls er es nicht vorher schon war - zum profundesten aller Opernkenner seiner Generation.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion