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Auch über den Dächern von Turin joggt der Schriftsteller und einsame Italienreisende Jan Brandt.
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Auch über den Dächern von Turin joggt der Schriftsteller und einsame Italienreisende Jan Brandt.

Jan Brandt „Tod in Turin“

Nach nichts aussehen

Aus dem Leben eines jungen und wirklich coolen Schriftstellers: Jan Brandts material-, facetten- und fußnotenreiches Spiel „Tod in Turin“.

Es ist ertragreich, wenn Schriftsteller unangenehm vertraute Umgebungen zum Ausgangspunkt für eine Geschichte nehmen. Sei es der Alptraum einer Lesung in der gut ausgestatteten Provinz, wie bei Brigitte Kronauer in „Zwei schwarze Jäger“, sei es das Getümmel in Stipendiatenkreisen, wie soeben erst bei Hanns-Josef Ortheil in ?Villa Massimo?, sei es die Frankfurter Buchmesse, wie bei Marlene Streeruwitz in ?Nachkommen?.

Streeruwitz’ „Die Schmerzmacherin“ war 2011 unter den letzten sechs Nominierten für den Deutschen Buchpreis gewesen, in „Nachkommen“ schickte sie ihre Figur Nelia Fehn in eben dieses Rennen, das schließlich Eugen Ruge mit seinem DDR-Untergangs- und Familienroman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ machte. Auch Jan Brandt, geboren 1974, war damals mit dem umfangreichen BRD-Untergangs- und Familienroman „Gegen die Welt“ dabei und hatte bei der Preisvergabe im Frankfurter Römer das Nachsehen.

Das ist offenbar ein schlechteres Gefühl, als man sich das in seiner Fantasielosigkeit von außen vorstellt, wobei sowohl Fehn als auch Brandt abgeklärt damit umgehen. „Der Literaturkritiker Denis Scheck reichte mir die Hand“, schreibt Brandt, „und sagte: ,Ginge es in der Welt gerecht zu, hätten Sie den Preis gewonnen‘.“ Und ich sagte: ,Ich weiß.‘ Was ich nicht wusste, war, dass, als ich den Römer wieder verließ und an den Frankfurter Gerechtigkeitsbrunnen pinkelte, alles vorbei sein würde, der Hype, die Euphorie ...“.

Aus dem Jahrgang 2011 kommt also ein zweites Nachfolgebuch. Wie „Nachkommen“ ist „Tod in Turin“ zunächst eine Satire über den Literaturbetrieb, seine Protagonisten und Mechanismen und dann ein schillerndes Spiel mit Erwartungen aller Art. Denn eigentlich müsste jedes Wort wahr sein. Könnte jedes Wort wahr sein. Und warnt uns der Lektor, Martin Kordic, vor durch eine kleine, biedere Einleitung, in der er empfiehlt, „Tod in Turin“ als „Fiktion voller Fakten“ zu lesen. Und im Grunde glaubt man da schon kein Wort, glaubt auch nicht, dass Kordic das geschrieben hat, weiß aber auch nicht, was genau man nun nicht glauben will, das mit der Fiktion oder das mit den Fakten. „Materialband I. Turiner Journal 2014“, steht auf der ersten Seite.

Jan Brandt gewinnt den Buchpreis nicht und stellt fest, dass noch am selben Abend sein Verlag, DuMont, wo auch „Tod in Turin“ erschienen ist, das Interesse verliert. Immerhin bringt ihn der DAAD für einige Wochen nach England, wo er Freundschaft mit David Wagner („Leben“) schließt. Auch wird „Gegen die Welt“ ins Italienische übersetzt, was 2014 zu einer Einladung zur Internationalen Buchmesse Turin führt (die just diese Woche wieder stattfindet, diesmal mit dem Gastland Deutschland). „Alle deutschsprachigen Schriftsteller von Weltrang haben über ihre italienische Reise geschrieben“, seitenweise zitiert Brandt – „Auch ich war in Arkadien!“ –, dann heißt es: „Und jetzt ich!“

Trinken, essen, plaudern

In Turin wirkt vieles sehr reell. Es wimmelt von Klarnamen und Begegnungen mit Kollegen aus dem In- und Ausland. Man trinkt, isst, plaudert. Brandt führt teils grauenhafte und teils gar nicht so üble Interviews. Unter den „journalistischen Killerfragen“: „Was wollen Sie damit eigentlich sagen?“ „Wie autobiografisch ist der Roman?“ „Und? Arbeiten Sie schon an etwas Neuem?“ Die meisten Schriftsteller wollen nur wissen, wie man Kontakt zu einem deutschen Verlag findet. Brandt blamiert sich, andere blamieren sich, so ist das Leben.

Man selbst befindet sich dabei permanent auf dem Glatteis, das Brandt so offensichtlich poliert, dass es frech wäre, wenn es hier um solche Kriterien ginge. „Gegen die Welt“ wird nie beim Namen genannt, „Gegen den Wind“, „Witz“, „Wald“, „Wurm“, „Propheten“ oder „die Avantgarde“ oder „Contro il caffè“ ist aber zweifellos das bewusste Buch. Man kann aber nicht sagen, dass Brandt herumflachsen würde. Eher: Dass es egal ist, wie das Buch heißt. Dass Brandt auf einer Ebene besessen recherchiert – Biografien, die bittere Lage der italienischen Kultur, das Sortiment eines Supermarktes, die Reklame in einem Hotelaufzug –, und auf einer anderen Ebene den Dingen lakonisch gegenübersteht. Er nutzt die Macht des Zitats und der reinen Beschreibung zur Bloßstellung, er ist ein ausgezeichneter Beobachter, er spielt mit der sinnlosen Größe des Titels „Tod in Turin“, die er nicht einzulösen gedenkt (stattdessen erfährt man aber einiges über Google-Ergebnisse zu Jo Lendle oder Details über das Abwiegen von Äpfeln).

Aber wirklich aufregend wird „Tod in Turin“ durch die Leerstellen. Nicht die Namensschwärzungen, mit denen es Brandt ernst oder nicht ernst ist, sondern die Auskunftsverweigerung über sich als Schriftsteller. Dabei sagt er sogar etwas: „,Ich bin Schriftsteller‘, sagte ich. ,Ich bin empfindlich und missgünstig.‘“ Oder: „,Ich bin Schriftsteller‘, sage ich. ,Ich schreibe jeden Tag einen Satz und lösche ihn am nächsten Tag wieder.‘“ Er behauptet, er habe rein gar nichts gelesen, außer Science Fiction. Auch erfährt man, dass er einen Suizid durch Hitzschlag erwägt, aber Hunger bekommt. Einmal errötet er, da wird ihm klar, dass er sich mit einem anderen Schriftsteller womöglich anfreunden könnte (überhaupt gibt es eine Traurigkeit im Buch).

Brandt wird fotografiert, will aber nicht posieren. Was er denn machen wolle, fragt der Fotograf. Nichts, sagt er. So, schreibt er, habe das Bild dann ausgesehen: nach nichts. Im Umschlag ist es abgedruckt. Brandt hat recht und nimmt sich sein Recht. Interviews zu „Tod in Turin“, stellte DuMont vorab klar, gibt er keine.

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