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Was nach dem Moped geschah

Längst ist die Bundesrepublik ein Einwanderungsland - aber weiß sie es auch? / Ein Sammelband

Von ROLF WÖRSDÖRFER

Vor gut 40 Jahren erhielt der Portugiese Armando Rodrigues de Sá, der einmillionste "Gastarbeiter" in der Bundesrepublik, ein Moped als Willkommensgeschenk. Die Geste sollte zeigen, dass Arbeitsmigranten hier willkommen sind und gut behandelt werden. Gleichwohl betrachtete die Gesellschaft die Arbeiter als "Gäste", die eines Tages wieder in ihr vielfach mit dem Begriff "Heimat" umschriebenes Herkunftsland zurückkehren sollten. Umgekehrt sahen sich auch die meisten ausländischen Arbeiter in dieser Rolle. Sie dachten zunächst nicht an eine definitive Auswanderung, sondern an einen zeitlich befristeten, selten auf mehr als fünf Jahre angelegten Aufenthalt.

Zwei Kapitel der Einwanderung

Das Moped des portugiesischen Arbeiters ist inzwischen im Bonner "Haus der Geschichte" ausgestellt. Der Betrachter des Exponats erfährt nicht, dass dessen früherer Besitzer 1981 an den Folgen eines Arbeitsunfalls gestorben ist. Die Verletzungen, die er sich im "Gastland" zugezogen hatte, wollte er in Portugal auskurieren. Er wusste nicht, dass die deutsche Krankenversicherung es ihm erlaubt hätte, sich auch dort medizinisch versorgen zu lassen. Als Rodrigues de Sá dann sehr spät doch noch zum Arzt ging, konnte ihm dieser nicht mehr helfen.

Von der nötigen Rekonstruktion dieser Biografie einmal abgesehen, machen Jan Motte und Rainer Ohliger als Herausgeber des Buches Geschichte und Gedächtnis in der Einwanderungsgesellschaft auf zwei sehr unterschiedliche Kapitel der Migration in Deutschland seit 1945 aufmerksam. Zunächst die unter den Schlagworten "Flucht und Vertreibung" bekannte Zwangsmigrationen aus den früheren deutschen Ost- und Südostgebieten. Später die überwiegend vom Mittelmeerraum ausgehende "Gastarbeiter"-Wanderung der sechziger und siebziger Jahre. Beide demografischen Bewegungen haben die Bevölkerungsstruktur der Bundesrepublik nachhaltig beeinflusst. Dies gilt erst recht für einzelne Städte wie dem VW-Sitz Wolfsburg mit seiner überaus starken Präsenz italienischer Arbeitnehmer oder Köln, wo die Entscheidung der Ford-Geschäftsführung zur Einstellung tausender türkischer Arbeiter eines der einschneidenden Ereignisse seit Kriegsende war.

Motte und Ohliger haben Texte versammelt, deren Autoren sich zum Teil auf Umwegen an den harten migrationshistorischen Kern der Problematik heranpirschen. Geht es zunächst darum, die Sozialgeschichte der Wanderbewegungen zu rekonstruieren, soll anschließend die Erinnerungskultur der Einwanderungsgesellschaft aufgearbeitet werden. Wie geht die Gesellschaft mit der Tatsache um, dass die historische Erinnerung nicht nurmehr "deutsch" geprägt sein kann, dass vielmehr die Migrationserfahrung Teil des kollektiven Gedächtnisses eben dieser Gesellschaft wird oder doch zumindest werden sollte?

Anknüpfungspunkte sind der Historikertag von 2002 in Halle und die umstrittenen Diskussionsbeiträge Hans-Ulrich Wehlers zur Frage des EU-Beitritts der Türkei. Ausgebreitet werden Debatten über Filme, Denkmäler, Literatur und "Erinnerungsorte" von Migranten. Erwähnung findet der Hülya-Platz in Frankfurt-Bockenheim, benannt nach einem Opfer des fremdenfeindlichen Brandanschlags, bei dem am 29. Mai 1993 in Solingen fünf Frauen und Mädchen aus der Türkei getötet wurden.

Stellvertretend für zahlreiche andere Beiträge des Bandes sei hier der Artikel über das Projekt eines bundesweiten Migrationsmuseums genannt, das die vielen örtlichen oder regionalen Initiativen bündeln soll. Breit dokumentiert ist ein Ereignis, das für die konfliktreiche Auseinandersetzung der ersten Migrantengeneration mit der Einwanderungsgesellschaft steht: der vor allem von türkischen Arbeitern getragene "wilde" Streik in den Kölner Ford-Werken vom September 1973.

Bettina Alavi fragt, welchen Stellenwert deutsche Geschichtsbücher dem Thema Migration einräumen. Dass noch immer Textbücher erscheinen, in denen Migranten nur am Rande oder überhaupt nicht vorkommen, deute darauf hin, dass bislang kein gesellschaftlicher Konsens darüber bestehe, mit wie viel Stoff aus dem Themenfeld Wanderbewegungen die Schüler konfrontiert werden sollten.

Leerstelle in vielen Lehrbüchern

Inhaltliche Lücken lassen sich bei einem so umfangreichen Thema leicht ausfindig machen: Wünschenswert wäre es gewesen, hätte Constance Carcenac-Lecomte ihren gelungenen Vergleich zwischen den französischen Lieux de memoire (Pierre Nora) und den deutschen Erinnerungsorten (Etienne Francois und Hagen Schulze) auf die italienischen Luoghi della memoria Mario Isnenghis ausgeweitet. Schließlich handelt es sich bei Italien um ein altes Auswanderungs- und ein relativ junges Einwanderungsland mit einer Jahrzehnte übergreifenden Migrationskultur.

Etwas verschroben hört sich der Vorschlag Mottes und Ohligers an, die Bundesrepublik müsse aus pädagogischen Gründen mehr Wert darauf legen, die Verleihung der deutschen Staatsbürgerschaft an Arbeitsmigranten als Festakt oder Ritual zu begehen, damit sie im Gedächtnis des neuen Bürgers als etwas besonderes haften bleibe. Dennoch kann man dieses Buch als Reader nehmen, dessen Materialien in ihrer Summe zahlreiche Anregungen zum Weiterarbeiten geben: Pflichtlektüre für alle im interkulturellen Bereich Tätigen ebenso wie für Geisteswissenschaftler und interessierte Laien, die sich mit Migration und Migrationsgeschichte beschäftigen.

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