Nach Lust und Laune des Dienstherren

Die Journalistin Eva Karnofsky beschreibt das Schicksal eines peruanischen Hausmädchens in Argentinien

Von KERSTEN KNIPP

Mit dem Überfall hatte sie rechnen können, ihm auszuweichen vermochte sie nicht. Irgendwann kamen die Räuber, schlugen sie nieder und raubten ihr die Existenzgrundlage - in diesem Fall den Gefrierschrank, der die Waren frisch hielt, dazu die Tageseinnahmen. In Lateinamerika kann dieser Verlust eine gesamte Existenz zusammenbrechen lassen. Lange Jahre hatte Catalina Vázquez, kurz Cata, dafür gespart, sich zuletzt Geld von ihren Brüdern geliehen, um den Traum von einem eigenen Restaurant zu verwirklichen. Der Traum hielt ein Jahr, bis zu dem Überfall. Versichert war Catalina nicht, es fehlte das nötige Geld; der jungen Frau blieb nichts, als sich nach einer neuen Arbeit umzugehen. Doch in Peru, in Lima, ist Arbeit knapp, zudem auch schlecht bezahlt, daher entschloss sie sich, es als Hausmädchen in Argentinien, in Buenos Aires, zu versuchen.

Karriere im Zeichen der Kündigung

Mit dem Porträt Catalinas hat die deutsche Journalistin Eva Karnofsky das Bild einer Karriere im Zeichen des Nichts entworfen. Nichts, kaum etwas geht voran in diesem Beruf, der sich aus wenig anderem als steten Neuanfängen und wieder neuen Kündigungen zusammensetzt. Eine zu heiß gebügelte Bluse? Kündigung! Eine Beschwerde über den Neffen der Hausherrin? Kündigung! Eine Nachfrage nach höherem Honorar? Kündigung! Die kleinsten Anlässe sind groß genug, die Mädchen vor die Tür zu setzen - es gibt genug andere, die ihren Job schon morgen übernehmen: Eine Million Dienstmädchen arbeiten allein in Argentinien, der Großteil von ihnen stammt aus den Nachbarländern Peru, Paraguay und Bolivien.

20 Millionen Frauen, schätzt man, verdienen sich ihr Geld im Haushalt anderer Leute. Wie es dort zugeht, davon liefert Karnofskys ein eindringliches Zeugnis ab. Die Autorin weiß, wovon sie spricht: Als Journalistin lebte sie selbst viele Jahren in verschiedenen Ländern Lateinamerikas, auch sie selbst nahm in dieser Zeit die Dienste der Haushaltshilfen in Anspruch. Von ihnen und durch eigene Recherchen erfuhr sie, wie es so zugeht in den Häusern der feinen Gesellschaft, die, was die Verhaltensweisen mit Untergebenen angeht, alles andere als fein ist. Und die vor allem - die entsprechenden Passagen gehören zu den nachdrücklichsten des Buches - nicht einmal einen Ansatz von Schamgefühl hat: Toiletten werden nach Benutzung nicht selbst gebürstet, das überlässt man den Dienstmädchen. Ebenso obliegt ihnen, das gebrauchte Kondom beiseite zu schaffen, das beim Liebesspiel des Hausherrn und der Hausdame zum Einsatz kam.

Ein Opfer der Willkür

Sie habe, schreibt die Autorin in ihrem Vorwort, die Geschichte mehrerer Hausmädchen zu einer idealtypischen Erzählung zusammengesetzt. Und sie macht klar, was es heißt, der Willkür anderer Menschen ausgesetzt zu sein. Willkür, weil Cata ohne alle Rechte ist: Sie ist als "Illegale" ins Land gekommen, und als solche muss sie sich durchschlagen. Will sagen: Ohne Krankenversicherung, ohne Rentenkonto, vor allem ohne jeden Anspruch ihren Arbeitgebern gegenüber.

"Ach Cata, man müsste legal sein", seufzt ihr eine Freundin vor; sie sind es aber nicht - und den Launen ihrer Dienstherren darum schutzlos ausgesetzt. Der Lohn kann darum gekürzt werden; er kann einbehalten werden; er kann später oder nur zu Teilen ausgezahlt werden. Zwar gibt es in Argentinien auch ein Gesetz, das die Belange der Hausmädchen regelt - allerdings nur derer, die ordentliche Papiere haben. Doch die haben nur die wenigsten, so dass eine gewaltige Schattenwirtschaft mit Millionenumsätzen entstanden ist, deren Erträge an der Staatskasse verlässlich vorbeifließen.

Und noch etwas zeigt das Buch: "Was es heißt, als Frau mit Universitätsexamen putzen zu müssen." Viele der Hausmädchen, berichtet Karnofsky, hätten in ihrer Heimat einen akademischen Abschluss errungen, der ihnen in Zeiten blühender Arbeitslosigkeit wenig, um nicht zu sagen: gar nichts nütze. Statt Einsatz des Kopfes darum der des Körpers: Bügeln, Putzen, Kochen, oft bis zu 18 Stunden am Tag, mit einem freien Tag pro Woche.

Mit wenigen Strichen führt Karnofsky auch die ideelle Sinnlosigkeit eines solchen Lebens vor Augen, den stumpfen Dienst am Material, der Dienst in einer auch intellektuell äußerst begrenzten Welt. Wenn Sisyphos in die Neue Welt gekommen wäre, er verdingte sich dort als Hausmädchen.

Catalina hat am Ende Glück: Sie schafft den Absprung. Nach vier Jahren hat sie genug zusammengespart, um es in Lima noch einmal mit einem Restaurant zu versuchen - glaubt sie zumindest. Doch die Wirren der Weltwirtschaft machen ihr einen Strich durch die Rechnung. Anfang des neuen Jahrtausends verfügt Argentiniens Wirtschaftsminister Domingo Cavallo, alle Privatkonten einzufrieren und Geld nur noch in begrenzter Menge abheben zu lassen. Bald darauf setzt der Verfall des Pesos ein, Catalina sieht ihre Ersparnisse schmelzen. Was am Ende übrig bleibt, ist nicht viel. Wird es reichen für den Neuanfang? Karnofsky lässt es ihre Leser nicht wissen. Die im Stil des "faction"-Genres durchaus spannend erzählte Geschichte bleibt so offen wie die ungesicherten Existenzen, von denen sie handelt.

Eva Karnofsky:Besenkammer mit Bett. Das Schicksal einer illegalen Hausangestellten in Lateinamerika. Horlemann Verlag, Bad Honnef 2005, 245 Seiten, 12,90 Euro

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