Nach dem kurzen Prozess

Sag's mit Quellen: Vittorio Magnago Lamgugnani und Gerd de Bruyn versichern sich auf gänzlich unterschiedliche Weise der Architekturgeschichte und -theorie des 20. Jahrhunderts

Von CARSTEN RUHL

Es ist jetzt mehr als zehn Jahre her, dass Vittorio Magnago Lampugnani, derzeit Professor für Geschichte des Städtebaus an der ETH Zürich, mit viel Säbelgerassel die wohl leidenschaftlichste Debatte der jüngsten Architekturgeschichte entfachte. "Für eine neue Konvention des Bauens" lautete damals der provokative Untertitel seines im Spiegel veröffentlichten Essays, der wegen seiner reißerischen Polemik zu Recht harsche Kritik erntete. Wer nochmals einen Blick auf das Statement Lampugnanis wirft, weiß warum. In einer Generalabrechnung sondergleichen wurde vom damaligen Direktor des Deutschen Architektur Museums (DAM) in Frankfurt mit der Architekturmoderne kurzer Prozess gemacht. Durch die bedingungslose Vergötterung von Fortschritt und Innovation habe diese vollständig abgewirtschaftet. Ihr selbstkritisches Potential liege am Boden.

Die großen Verführer

Die Schuldigen für jenen bemitleidenswerten Zustand waren sogleich ausgemacht. Neben den Verführern der neueren Philosophie, habe vor allem die verantwortungslose Hybris der Architekturkritiker dafür grade zu stehen. Letztere traf der Zorn Lampugnanis vor allem deswegen, weil sie sich als Laien ein Urteil in baukünstlerischen Fragen anmaßten, wo doch allein der Architekt etwas Substanzielles beizutragen vermag. Was allerdings der approbierte Baukünstler da an Baugedanken formulierte, übertraf die schlimmsten Befürchtungen. "Tradierte Gediegenheit" und "praktische Vernunft" wurden von Lampugnani zu den zeitlosen Prinzipien der Architektur erhoben; zuletzt verwirklicht durch die Architektur des Nationalsozialismus.

Mit der neuesten Publikation aus dem Haus Lampugnani - einer bei Hatje Cantz verlegten Quellensammlung zur Architekturtheorie des 20. Jahrhunderts - steht also zu Recht zu befürchten, dass sich der Inquisitor zu allem Überdruss auch noch der Schriften anderer bemächtigt, um sein verstörend fahrlässiges Werk zu vollenden. Doch es kann einstweilen Entwarnung gegeben werden: Lampugnani verzichtet auf eine Einführung, die seine allseits bekannte Position - zuletzt in Verhaltene Geschwindigkeit (Wagenbach, 2002) zementiert - nochmals zur Anschauung bringen würde. In der Anthologie mit ihren über 130 zählenden Textfragmenten haben sogar Querdenker wie Bernard Tschumi, Daniel Libeskind und Rem Koolhaas ihren Platz - allesamt Vertreter einer Architektur, die wohl kaum in Lampugnanis Weltbild integrierbar ist.

Dieser liberale Zug dürfte allerdings weniger der plötzlichen Einsicht als dessen konservativem Theorieverständnis zu verdanken sein. Allein die Reflektionen von Architekten hatten Aufnahme in diesen erlauchten Kreis der "wichtigsten architekturtheoretischen Schriften des 20. Jahrhunderts" gefunden. Auf die Beiträge des interdisziplinären Diskurses wurde getrost verzichtet. Lampugnani beweist damit einmal mehr, dass es ihm nur sekundär um eine wissenschaftliche Dienstleistung geht. Tatsächlich besteht sein eigentliches Ziel erneut darin, die Reinheit des professionellen Architekturdiskurses - seit dem 18. Jahrhundert ehe in Auflösung begriffen - vor dilettantischer Indoktrination zu bewahren. Fatalerweise geschieht dies im Gewand einer Literaturgattung, die eine gewisse "objektive Ordnung" zu garantieren scheint und sich im Falle Lampugnanis als grundlegende Einführung präsentiert.

Allerdings zeigt der Blick auf die zuletzt zahlreich erschienenen Anthologien zur Geschichte der Architekturtheorie, dass Lampugnanis Verquickung von Wissenschaft und persönlicher Überzeugung kein Einzelbeispiel darstellt. Bereits zwei Jahre zuvor machte der Berliner Architekturhistoriker Fritz Neumeyer in seinen bei Prestel erschienenen "Quellentexten zur Architekturtheorie" keinen Hehl daraus, dass es ihm vor allem um die Formulierung eines Katechismus geht. Mit einer an missionarischem Übereifer grenzenden Diktion reduziert er in seinem einführenden Essay die Ideen der Avantgarde auf die "frohe Botschaft vom Fortschritt" sowie das Auslöschen alles Historischen. Damit redet Neumeyer nicht nur dem unverbesserlichen Brechstangen-Revisionismus à la Lampugnani das Wort. Zugleich lässt er der modernen Architektur ihrerseits nicht die Gerechtigkeit einer historisch abwägenen Bewertung zuteil werden, die er selbst bei ihren Wortführern doch so sehnlichst vermisst. Gänzlich unnötig ist es aber, wenn Neumeyer seine seltsame Doppelmoral in eine Warnung gegenüber denjenigen Denkern münden lässt, die aus der etablierten Reflektionskultur von Vitruv bis Semper auszuscheren trachten. Schon die aufmerksame Lektüre seiner Anthologie hätte Neumeyer eines Besseren belehren müssen. Ausgerechnet der von ihm für seine Syntheseleistung so sehr gelobte Herman Sörgel, im Übrigen ein unbelehrbarer Fortschrittsideologe, verdeutlicht, dass "wildes Denken" den Diskurs nur bereichern kann. In seiner 1921 publizierten Architekturästhetik plündert Sörgel nahezu alle geisteswissenschaftlichen Disziplinen von der Kunstgeschichte bis zur Philosophie. Und zwar im vollen Bewusstsein, dass eine zeitgemäße Wesensbestimmung der Architektur als Raumkunst allein mit den Mitteln des tradierten Architekturdiskurses nicht mehr zu leisten war. Neumeyer und Lampugnani hingegen ignorieren noch achtzig Jahre später die Notwendigkeit einer Öffnung, die nicht nur etablierte, sondern auch aktuelle Gedankengebäude mit einbezieht.

Dabei hatten doch amerikanische und englische Architekturhistoriker erst vor wenigen Jahren demonstriert, wie eine um Ausgewogenheit bemühte Auseinandersetzung mit der Architekturtheorie des 20. Jahrhunderts aussehen könnte. Sowohl Michael Hays, Professor für Architekturtheorie an der Harvard University, als auch Neil Leach von der Universität Nottingham plädierten schon Ende der 90er Jahre für einen "outside of mainstream architectural discourse". Dem entsprechend verzichtet Leach in Rethinking Architecture (1997) programmatisch auf einen Aufguss aktenkundiger Autoren und präsentiert stattdessen eine inspirierende Mischung interdisziplinärer Perspektiven, die von geistiger Flexibilität und Interesse am Anderen zeugt.

Für eine "heterogene Architektur"

Was also auf internationaler Ebene schon längst eine Selbstverständlichkeit ist, muss sich hierzulande erst noch gegen die hartnäckigen Ressentiments selbsternannter Gralshüter architektonischer Wahrheiten behaupten. Ein Anfang ist jedoch gemacht. Unlängst brachte Gerd de Bruyn Ketzer und Pioniere in Stellung, um gegen Neumeyer gerichtet, für eine "Theorie der heterogenen Architektur" einzutreten. In seiner Anthologie präsentiert der Stuttgarter Architekturprofessor neben Vertretern der Disziplin "dilettierende" Architekturkritiker und Philosophen von Martin Heidegger bis Jürgen Habermas. Letzterer hatte mit seinem Vortrag "Moderne und Postmoderne Architektur" ein schönes Beispiel dafür gegeben, wie eine differenziert verfahrene Analyse der modernen Architektur aussehen könnte.

Dass man von derartigen Texten nur lernen kann, hat auch Ákos Moravánszkyerkannt. In seiner vorbildlichen Publikation Architekturtheorie im 20. Jahrhundert kritisiert der Professor für Architekturtheorie die Xenophobie des neuerlichen "will to anthology", sowie dessen Illusion einer Objektivität stiftenden Quellenchronologie. Stattdessen fasst er sein im Vergleich zu Lampugnanis Sammlung umfangreiches Material zu thematisch sinnvollen Kapiteln zusammen und betont damit seinen subjektiven Zugriff, anstatt ihn zu verschleiern.

Dass die Anthologie dennoch wissenschaftlichen Ansprüchen standhält, liegt an der undogmatischen Begründung jener Ordnung sowie an den instruierenden Einführungen, die informieren und nicht überzeugen wollen. Es besteht also jenseits aller Stimmungsmacherei noch die berechtigte Hoffnung auf eine nachdenkliche Bewertung der jüngeren Architekturgeschichte. Eine anthologische Bücherschlacht à la Jonathan Swift, in der keine Argumente, sondern allein die Gravität des Dauerhaften zählt, ist der Diskussion jedenfalls abträglich. "Traditionelle Gediegenheit" allein war noch nie ein guter Ratgeber.

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