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Hans Sahl starb am 27. April vor 15 Jahren in Tübingen.

Exil-Literatur

Und nach der Bourgeoisie?

Zum Schriftsteller wurde Hans Sahl in einer Zeit, in der die Söhne aus gutem Hause dagegen zu sein hatten, gegen die Bürgertugenden der Eltern, gegen Zylinderhüte und Gehröcke, gegen das Eigentum.

Von UTA BEIKÜFNER

Der Mensch ist gut, behauptete der Schriftsteller Leonhard Frank vor gut neunzig Jahren und die Generation derer, die zwischen den Weltkriegen ihre Jugend feierte, glaubte ihm das. Auch der Kritiker und Autor Hans Sahl, geboren 1902 in Dresden, war davon überzeugt, "die Welt durch Güte verändern zu können". Mit seinen beiden Erinnerungsbänden, "Memoiren eines Moralisten" und "Das Exil im Exil", die unbestreitbar zum Besten der Exilliteratur gehören, startet der Luchterhand Verlag nun eine Neuausgabe seiner Werke.

Zum Schriftsteller wurde Hans Sahl in einer Zeit, in der die Söhne aus gutem Hause dagegen zu sein hatten, gegen die Bürgertugenden der Eltern, gegen Zylinderhüte und Gehröcke, gegen das Eigentum. 1907 war seine Familie, säkularisierte und wohlsituierte Juden, nach Berlin übergesiedelt. Dort erlebt sie erst das Ende des Krieges, dann das Abdanken des Kaisers, später Scheidemann und die Republik. Hans Sahl studiert Kunstgeschichte und Psychologie, geht nach München, Leipzig und Breslau, hört nun auch Philosophie und Germanistik.

Er versenkt sich in den Faltenwurf antiker Statuen, wenig später wird er sich mit der gleichen Intensität in die Mimik der Stummfilmstars versenken. Zunächst versucht er sich als Theaterkritiker, schreibt für den "Berliner Börsen-Courier" und das renommierte "Tage-Buch". Dann entdeckt er den Film, wird Filmkritiker des "Montag Morgen". Der Film war nicht viel älter als er und seine These, dass der Film Kunst und keine Ware sei, war damals ein streitbarer Gedanke. Er brachte ihm die Bekanntschaft mit Stars und Sternchen ein: Asta Nielsen lädt ihn zum Tee, für Sergej Eisenstein spielt er den Liebesboten, Leonhard Frank klopft dem jungen Mann auf die Schulter.

Neben diesen privaten Erlebnissen stellt Hans Sahl in seinem Erinnerungsband "Memoiren eines Moralisten" die Bedeutung des Theaters in der Weimarer Republik heraus, diskutiert äußerst lebendig Thesen, Theorien, Temperamente. Taumelte er doch selbst, vom Expressionismus in Ekstase versetzt, von Premiere zu Premiere, von Künstlerfest zu Künstlerfest. Weder die neue Sachlichkeit noch die Weltwirtschaftskrise vermochte seine Generation zu ernüchtern. Erst der Machtantritt der Nazis bereitete diesem rauschenden Fest ein Ende. Hans Sahl floh über Prag, Paris, Lissabon nach New York. In dem Band "Das Exil im Exil" berichtet er von dieser Zeit. Anders als viele Emigranten verzweifelt er nicht in Amerika. Bald schon tummelt er sich auf den Künstlerpartys an der Ostküste. Er veröffentlichte Gedichte und Essays, lernt Thornton Wilder kennen, übersetzt seine Stücke.

Dabei gründete seine Anpassungsfähigkeit nicht nur in Weltbürgertum. Ursprünglich ein Mann der Linken, hatte Hans Sahl 1937 im Pariser Exil mit der Partei gebrochen. Den Ausschlag gab eine Diffamierungskampagne gegen den Publizisten Leopold Schwarzschild, die Sahl nicht unterstützen konnte. Denn der Künstler war ihm eine moralische Institution, die Kunst gründete auf Verantwortung: "Ich schrieb, weil ich beschlossen hatte, ein Schriftsteller zu werden. Schriftsteller waren bessere Menschen, ich wollte ein besserer Mensch werden, wie alle die anderen besseren Menschen, die Söhne aus gutem Hause, die jetzt auf den Tribünen, in Büchern und Zeitschriften, für eine neue Gesellschaft eintraten, für Freiheit und Gerechtigkeit hienieden. Ich schrieb, weil ich einer von ihnen sein wollte, ein Ausersehener, ein Verkünder, ein Aufteiler, ein Genosse, ein Bruder - ein Mensch..."

Hans Sahl glaubte ein Leben lang, im Besitz einer Wahrheit zu sein, die bedeutete, sich für das Recht und gegen das Unrecht, für den Menschen und gegen den Unmenschen zu entscheiden. Zu handeln aus Verantwortung, zu schreiben, um zu verändern, auch während Vertreibung und Flucht, auch nach dem Sturz des Hitlerregimes. Er blieb ein Demokrat aus gutem Hause, der Amerika als den Ort erlebte, in dem Demokratie nicht nur eine Idee war. Deshalb entschied er sich in den fünfziger Jahren, dort zu leben. Deutschland dagegen war ein Land, in dem an Utopien nur geglaubt wurde. Erst 1989 kehrte Hans Sahl endgültig hierher zurück. Am 27. April 1993 starb er in Tübingen.

Seine Erinnerungen sind ein grandioser Abgesang auf die Kultur der Weimarer Republik, gesungen in den hohen Tönen der Begeisterung und den tiefen Tönen der Verzweiflung. Gesungen für eine neue Generation, von der Hans Sahl in den achtziger Jahren glaubte, dass sie aus den Fehlern der Vergangenheit, den Fehlern seiner Zeit, lernen könnte. Denn der Mensch - ist gut?

Hans Sahl:

Memoiren eines

Moralisten; Das

Exil im Exil.

Luchterhand Verlag, München 2008, 500 S., 21,95 Euro.

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