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Günter Grass (l.) und Dieter Wellershoff bei einer Tagungspause des Treffens der Gruppe 47 im schwedischen Sigtuna 1964.

Gruppe 47

Ein Mythos und die Wirklichkeit

Helmut Böttiger spricht im Frankfurter Literaturhaus über seine Sicht auf die Gruppe 47.

Von Christoph Schröder

Eine doppelte Rückkehr im Frankfurter Literaturhaus: Auf dem Podium saßen Helmut Böttiger, ehemaliger Literaturredakteur der Frankfurter Rundschau und heute freier Publizist in Berlin, und Richard Kämmerlings als Moderator, langjähriger Literaturredakteur der FAZ, heute ebenfalls in Berlin. Helmut Böttiger hat ein Buch geschrieben, darum ging es; ein Glücksfall von einem Buch, wie man ihn selten antrifft: kenntnisreich und unterhaltsam, fundiert und kurzweilig zugleich. „Die Gruppe 47. Als die deutsche Literatur Geschichte schrieb“ erzählt von einem Mythos und transportiert dabei ein großes Maß an gesellschaftlicher Wirklichkeit. Zu Recht ist Böttigers bei der DVA erschienenes Buch für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Er habe, sagt Böttiger, aufräumen wollen mit den Klischees, die sich im Lauf der Jahrzehnte im Zusammenhang mit der Gruppe 47 gebildet hätten, allen voran dem, die Gruppe sei eine unter dem Einfluss von Günter Grass stehende Moraltruppe gewesen, die lediglich leitartikelhafte Literatur hervorgebracht habe. „Ich will keine Ehrenrettung betreiben“, so Böttiger, „ich wollte nur aufschreiben, was da war.“ Er plädiert für Gerechtigkeit, vor allem aber für ästhetische Differenzierung. Seine Beschäftigung mit dem Thema, so erzählt Böttiger, habe tiefe autobiografische Wurzeln: Von Jugend an sei er angezogen gewesen von jener Literatur, deren Verfasser der Gruppe 47 zugehörten.

Was diese Gruppe überhaupt war und in welche gesellschaftliche Großwetterlage sie einzuordnen ist, erläuterte Böttiger anschaulich: In einer nach wie vor von Nazitönen und Antisemitismus geprägten frühen Bundesrepublik sei die Gruppe 47 um Hans Werner Richter und Alfred Andersch die einzige geistige Sphäre gewesen, die in Opposition zum Adenauer-Staat gestanden habe. Wie der sich darstellte, beweist ein in geradezu ungeheuerlicher Weise verunglimpfender Artikel zum 75. Geburtstag von Thomas Mann, erschienen in der FAZ; ein Text, der geradezu völkische Züge trägt.

Umso größer war das interne Beben, als Richter am Mittagstisch nach dem Auftritt des Juden Paul Celan spottete, dieser habe ja geklungen wie Goebbels. Richter witterte in Celans Ausdrucksform das falsche Pathos, das auch die nationalsozialistischen Redner auszeichnete; Celan erkannte in Richters Bemerkung antisemitische Kontinuität. Ingeborg Bachmann und Ilse Aichinger wiederum begannen umgehend zu weinen. Das wiederum überrascht nicht.

Es ging um die Politisierung der Schriftsteller, um die Rolle der Exil-Autoren, immer wieder aber auch darum, dass die Gruppe 47 etwas hervorgebracht hat, was Bestand hat – den so genannten Literaturbetrieb, mit allen Konsequenzen. Dass die Gruppe zunehmend von Verlegern, Lektoren als Marktplatz und von Berufskritikern als Machtbasis übernommen wurde, war ein schleichender Prozess: „Das kritische Gespräch“, so Böttiger, „wurde zum Marktgespräch.“ Die Eventisierung der Literatur, wie sie heute exzessiv zu bestaunen ist, nahm seinerzeit ihren Anfang.

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