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„Die unteilbare Autorität des Staates, dem Präsidenten im vollen Umfang vom Volk anvertraut“: de Gaulle in der V. Republik, hier 1959.

Johannes Willms

Der Mythos des Sieges

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Johannes Willms über de Gaulle und die bis heute fatale Sehnsucht nach „la Grandeur“.

Mein ganzes Leben lang hatte ich eine bestimmte Vorstellung von Frankreich.“ Mit diesem Satz beginnt Charles de Gaulle seine Kriegserinnerungen. Frankreich, so sein ihm politisch und persönlich wie ein Wahn folgendes Credo, „konnte nicht ohne la Grandeur sein“. Dieses noch tief im imperialen 19. Jahrhundert verwurzelte Bekenntnis hat unseren westlichen Nachbarn bis heute nicht verlassen. Noch immer glauben seine Eliten, mit dem falschen Glanz von Weltmachtambitionen und militärischem Getöse ihre Herrschaft zementieren zu können.

Eine Lebenslüge, an der Frankreich zu tragen hat

Es gehört zur Tragödie des westlichen Europas, dass seine beiden großen alten Männer, de Gaulle und Churchill, nach ihrem bewundernswerten und – allerdings nur dank der schier unerschöpflichen Hilfsmittel der USA – erfolgreichen Kampf gegen das nationalsozialistische Deutschland, dachten, die Zukunft ihrer Völker sei mit den Ideen einer längst untergegangenen Zeit zu meistern. Ihr Sieg im Kampf gegen Hitler machte sie blind für die reale politische Welt der Nachkriegsepoche. De Gaulle und Churchill nahmen nicht wahr, dass die kolonialen Großreiche ihrer Nationen längst vom Zerfall gezeichnet waren und ihre mit viel Pathos und einem fatalen persönlichen Narzissmus vorgetragenen nationalen Ambitionen nur noch mit den Dollarströmen aus den Schatzkammern der neuen Weltmacht USA einen Schein von Wirklichkeit bewahren konnten. De Gaulle und seine Nachfolger versäumten so die dringend notwendigen sozialen und gesellschaftlichen Reformen, die das Land auf das 21. Jahrhundert vorbereitet hätten. Churchill und die Mehrheit der ihm folgenden Bewohner der Downing Street 10 landeten schließlich mit ihrem pubertären, von sozialer Kälte beherrschten Eton-, Cambridge- und Oxford-Nationalismus beim irrwitzigen Brexit-Desaster, das nicht nur die britische Einheit zu zerstören beginnt, sondern auch das einst so stolze Land eines William Shakespeare und John Locke in der chinesisch-amerikanischen Weltordnung zur Rolle eines Kleinstaates verdammt.

Johannes Willms: Der General. Charles de Gaulle und sein Jahrhundert. C. H. Beck. 640 S., 32 Euro.

In seiner großartigen Biografie bringt Johannes Willms einen Charles de Gaulle in Erinnerung, der 1940 die Kapitulation des Vichy-Regimes nicht akzeptierte und für seine Landsleute durch den unter seiner Führung stehenden Kampf des Freien Frankreich zu einer Jahrhundertgestalt wurde. Ein von patriotischem Pathos, egomanischer Selbststilisierung und autoritärer Staatsauffassung geprägtes Leben schildert Willms. Nach seinem Rückzug 1947 kam de Gaulle 1958 nach dem verlorenen Indochina-Krieg und den zunehmenden Wirren der IV. Republik erneut an die Staatsspitze. Er schuf die V. Republik. 1964 sprach er mit tiefster Überzeugung davon, „die unteilbare Autorität des Staates“ sei „vom Volk im vollen Umfang dem von ihm gewählten Präsidenten anvertraut“ worden.

Er erlöste Frankreich – nach vielen persönlichen, irritierenden politischen Wendungen – von dem Algerien-Drama, schuf die französische Atommacht, schloss mit dem Weststaat des ihm lange verhassten und jetzt geteilten Deutschland einen Freundschaftsvertrag, floh vor den Studenten- und Arbeiterunruhen im Mai 1968 für 24 Stunden nach Baden-Baden in die schützenden Arme der Armee und zog sich 1969 nach einem recht belanglosen, aber von ihm mit politisch selbstmörderischem Gestus provozierten und von den Franzosen abgelehnten Referendum endgültig von der Macht zurück.

Willms zeichnet in seinem Lebensbild einen schwierigen Charakter nach, der auch nach dem Zweiten Weltkrieg „nicht vor der offensichtlichen Geschichtsklitterung zurückscheute, die ausschlaggebende Rolle der Alliierten systematisch zu verkleinern oder kurzerhand ganz zu verschweigen“. Sein „Sehnen nach vergangener Grandeur, das sich im Heimweh nach dem Empire colonial äußerte“, schreibt Willms, der „Mythos dieses Sieges“ den de Gaulle nach 1945 immer wieder beschwor, „begann sich zu einer Lebenslüge auszuwachsen, an der Frankreich bis heute zu tragen hat“. Roosevelt hielt ihn für einen Wirrkopf und ließ Churchill in den Kriegsmonaten wissen, er habe „genug von de Gaulle“, der „unzuverlässig, unkooperativ und illoyal“ sei. Und der britische Premier antwortete, er sei „ebenso wenig begeistert von ihm wie Sie“. De Gaulle selbst sah sich - wie Churchill einmal meinte – „als eine Mischung aus Jeanne d’Arc und Clemenceau“.

„Die Frau ist dazu da, Kinder zu gebären“

Der erste Präsident der V. Republik lehnte nicht nur die Legalisierung der Pille („Die Frau ist dazu da, Kinder zu gebären“), sondern mit aller Schärfe auch das Parteiensystem ab und sah sich mehr als Monarch, denn als liberaler Demokrat. „Nur die Legitimation durch die Volonté majoritaire des Volkes gewährleistete jene Monarchie populaire“, hält Willms fest, „die für ihn die zwingende Voraussetzung für das Wohl Frankreichs war.“

In unseren Tagen des neuen Populismus sind das wohlbekannte Töne. De Gaulles Scheitern sollte uns jedoch vor solchen selbsternannten „Patrioten“ warnen. Gerade auch der Blick auf die aktuelle Lage der westlichen Welt macht Willms’ akribisch recherchierte und spannend aufbereitete Biografie des Generals und Staatsmannes Charles de Gaulle so besonders lesenswert.

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