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Mutwillige Flucht in die Opferrolle

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Von: Harry Nutt

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Nach umstrittenen Äußerungen des Schriftstellers Uwe Tellkamp (l.) hat sich der Suhrkamp-Verlag von seinem Autor distanziert.
Nach umstrittenen Äußerungen des Schriftstellers Uwe Tellkamp (l.) hat sich der Suhrkamp-Verlag von seinem Autor distanziert. © dpa

Zur Tradition der Leipziger Buchmesse gehörte stets eine ausgeprägte Debattenkultur - nach dem Tellkamp-Grünbein-Dichtergespräch scheint die Offenheit gefährdet.

Als im Frühjahr 1990 die Leipziger Buchmesse noch in den alten Messeräumen am Leipziger Markt stattfand, schien schon die Enge des Hauses den angemessenen Rahmen zu Diskussion und Austausch zu bieten. Alles war aufregend und ungewohnt in dem noch nicht wiedervereinigten Deutschland, und die Bücherleute schienen dazu berufen, für die bevorstehende gesellschaftliche Erneuerung die passenden Worte zu finden. Die Leipziger Buchmesse, die im Vergleich zu ihrem Frankfurter Zwilling die ökonomisch schwächere ist, feierte sich stets als diskussionsfreudiges Pendant. „Leipzig liest“ lautet das gemeinsame Motto zahlreicher Einzelveranstaltungen, bei denen es nicht zuletzt darauf ankommt, zuhören zu können.

Die unbeschwerte Offenheit aber ist dahin. Als trauriges Beispiel dafür, dass etwas aus dem Ruder gelaufen ist, ging unlängst noch einmal das von Faustschlägen malträtierte Gesicht des kürzlich verstorbenen Trikont-Verlegers Achim Bergmann durch die Medien. Er hatte auf der Frankfurter Buchmesse 2017 gegen die starke Präsenz von rechten Verlagen demonstriert und dafür überfallartig Prügel bezogen. Dass nun auch der Leipziger Messeleitung turbulente Tage bevorstehen, ist mehr als wahrscheinlich, die Chancen, alles richtig zu machen, stehen schlecht. 

So hat die Wochenzeitung „Junge Freiheit“ kürzlich ihre Teilnahme abgesagt, weil ihr Messestand im „rechtsextremen Block“ platziert worden sei. Rufschädigend und wirtschaftlich sinnlos sei das, hatte der Geschäftsführer der „Jungen Freiheit“ daraufhin mitgeteilt. Das Stigma, rechts zu sein, lässt sich niemand gern anheften, und die spektakuläre Absage verschafft vermutlich mehr Aufmerksamkeit als das zähe Absitzen der Zeit in den Messekajüten.

Grünbein kontert Tellkamp

Das unlängst in Dresden abgehaltene Dichtergespräch zwischen dem Lyriker Durs Grünbein und dem Romancier Uwe Tellkamp, beide aus Dresden, beide Autoren des Suhrkamp Verlags, treibt seit Tagen eine Erregungsspirale an, die von Begriffen wie Gesinnungsdiktatur und Meinungskorridor geprägt ist. Tellkamp hatte in scharfer Diktion die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung angegriffen, Grünbein dieselbe verteidigt. 95 Prozent der Flüchtlinge, konterte Tellkamp, seien gekommen, um in unsere Sozialsysteme einzuwandern. 

Der Suhrkamp Verlag ging umgehend auf Distanz. „Aus gegebenem Anlass“ teilte man mit: „Die Haltung, die in Äußerungen von Autoren des Hauses zum Ausdruck kommt, ist nicht mit der des Verlags zu verwechseln.“ Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, die aber schon dadurch eine besondere Schärfe erfuhr, dass sie eilig per Twitter unter die Leute gebracht wurde. Das souveräne Abwägen von Gedanken, das doch die Königsdisziplin von Intellektuellen, Schriftstellern und ihren Verbreitern sein sollte, ist zu einem knappen Gut geworden.

Einer wie Tellkamp sei nun „zum Abschuss freigegeben“, heißt es von rechter Seite prompt, wo man sich wieder einmal bestätigt sieht, dass von Meinungsfreiheit nicht die Rede sein könne. Was für eine fahrlässige Annahme. Der Fall Tellkamp zeigt denn auch, wie furios das Wechselspiel von Stigmatisierung und Selbststigmatisierung inzwischen aufgelegt werden kann. Auf Spruch und Widerspruch folgt immer häufiger die mutwillige Flucht in die Opferrolle, die doch ein fester Bestandteil des kindlichen Streitrepertoires ist.

Tellkamp, Walser und Handke im Gegenwind politischer Debatten

In der langen Geschichte der Auseinandersetzungen um die Äußerungen von Schriftstellern und Intellektuellen stellt der Fall Tellkamp allenfalls eine Randnotiz dar. Martin Walser (für seine Moralkeulen-Rede in der Frankfurter Paulskirche zur Debatte zum Berliner Holocaust-Mahnmal) und Peter Handke (für seine Haltung zum Serbien-Konflikt) befanden sich über Monate im Gegenwind politischer Debatten, in denen auf zum Teil sehr unerfreuliche Weise auch deren soziale Integrität angegriffen wurde. „Zum Abschuss freigegeben“ aber waren sie nie, und bis heute dürfen sie sich der großen Anerkennung des Feuilletons und der Zuneigung des lesenden Publikums gewiss sein. 

Lesen Sie auch: Shermin Langhoff und Durs Grünbein im Gespräch

Peter Sloterdijk, Botho Strauß und Rainald Goetz waren immer wieder einmal Gegenstand von Debatten um literarisches Außenseitertum. Ihre Zugehörigkeit zu einem, zugegeben sehr deutschen, Literaturbetrieb aber steht für sie ebenso außer Frage wie die Uwe Tellkamps. 

Die Dichtung, so meinte Durs Grünbein während des Gesprächs mit Tellkamp gespürt zu haben, habe sich aus dem Saal geschlichen. Vielleicht bietet ja die Buchmesse die Gelegenheit, sie wieder hereinzulassen.

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