+
In Cape Cod hängenzubleiben, ist nicht das, was Jay sich wünscht.

Paul Theroux

Das Mutterland ruft und lässt nicht mehr los

  • schließen

Reiseschriftsteller Paul Theroux erzählt in einem großen autobiografischen Roman von seiner sehr bösartigen Familie.

Wie gemein! Was für ein Pandämonium an hinterhältigen, streitsüchtigen, launischen, neidzerfressenen, mitleidlosen Heuchlern, das schon auf den ersten Seiten des autobiografischen Romans „Mutterland“ die Bühne betritt. Der Vater liegt siechend im Krankenhaus, die 83-jährige Mutter hat ihre sieben Kinder einberufen. Da sind die beiden korpulenten Lehrerinnen Rose und Franny, der nicht minder verfettete, aber immerhin „mit den Händen geschickte“ Krankenpfleger Hubby, der dröge Anwalt Fred, der windige Diplomat Gilbert, der angeberische Snob Floyd, gefeierter Lyriker und gutbestallter Universitätsprofessor und Lieblingsbruder des Erzählers Jay. Und Angela, die bei der Geburt gestorbene Tochter, die für die Mutter immer präsente Ansprechpartnerin, so real, dass immer ein Stuhl für sie freigehalten wird.

Diese unwürdige Horde „schubsender, drängelnder, alternder, dickbäuchiger Kinder mit Glatzköpfen und ersten Gebrechen“, alle frustriert und intrigant um die Vorherrschaft in Mutters Liebeshierarchie wetteifernd, versammelt sich also ums Krankenbett des Vaters. Der hatte ein Schuhgeschäft, das pleite ging, war ein Geizkragen und Feigling unter dem Pantoffel seiner Frau. Er schlug seine Kinder, weil sie es von ihm erwartete. Aber er wusste auch, wie man liebt und verzeiht. Insofern war er der Stärkere. Jetzt aber bestimmt Mutter, dass sein Beatmungsgerät abgeschaltet wird. „Es ist das Beste so.“ Niemand widerspricht. Man geht ins Restaurant. Jay stiehlt sich davon zurück ins Krankenhaus, hält seinem Vater die Hand, der japst nach Luft, schaut ihn noch einmal mit furchtgeweiteten Augen an und stirbt.

Jay ist Paul Theroux. Der große Reiseschriftsteller versauert gerade in Polynesien, als ihn der Ruf nach Mutterland einholt. Er ist Ende fünfzig, zum zweiten Mal geschieden, abgebrannt. Also bleibt er erst mal dort auf Cape Cod, mietet einen Flachbungalow zehn Minuten vom Elternhaus entfernt. Mutterland hat ihn wieder und er kommt nicht los. Es werden zwanzig Jahre daraus.

Unter Mutters üathetischem Trauerzeremoniell und der Verlogenheit der Geschwister wird die Beerdigung als Schmierenkomödie inszeniert. Die Rituale und Plattitüden erinnern Theroux an das Clan- und Stammesgeprotze im Dschungel von Neuguinea, um dessen „Glückliche Inseln Ozeaniens“ er zuvor herumgepaddelt war. Nichts erscheint ihm jetzt exotischer als die Intrigen und Prahlereien in Mutterland. Die Familientreffen sind Veranstaltungen, um sich gegenseitig etwas heimzuzahlen. Von der nach außen so vorbildlichen Mutter in subtiler Choreografie gegeneinander ausgespielt, gehen die Geschwister bald „wie ein Sack voller Frettchen“ aufeinander los.

Mit 18 hat Jay die Flucht ergriffen. Allen Widrigkeiten zum Trotz – oder als Reaktion darauf? — wird er Schriftsteller. Gemäß jener Dialektik liegt zu Beginn sein schlimmstes und zugleich „bestes Jahr“. Seine Freundin wird schwanger, das Studentenpaar haut nach Puerto Rico ab, er jobbt, sie trägt das Kind aus, das sie sofort zur Adoption freigeben. Mehr als vierzig Jahre später wird dieser Sohn seinen leiblichen Vater aufspüren, der sich gerade wieder in den Fängen seiner Mutter verstrickt hat.

Und kein Ausweg in Sicht. Jay zweifelt an sich, am Schreiben, die Kreativität stockt. Schonungslos rechnet er auch mit sich selbst als einem jämmerlichen Teil einer monströsen Familien ab. Und er entlarvt seine Fiktionalisierungen als Schriftsteller: Schon der Beginn, als „Lehrer in Afrika“, sei ein Euphemismus für den Hallodri gewesen, der nur an sich selbst, Bier und Frauen interessiert war. Offen resümiert er das Scheitern seiner eigenen Familiengründungen, er erkennt in seiner Herzlosigkeit eine Folge der verlogenen Loyalitäten gegenüber der Mutter.

Auch fünf Jahre nach dem Tod des Vaters, die Mutter ist lebendiger und tyrannischer denn je, wohnt Jay in jenem klammen Fertigteilbungalow. Sein neues Buch erscheint, er lässt es der Mutter mit Widmung zukommen, die es demonstrativ desinteressiert und noch ungeöffnet der verhassten Schwester schenkt. Sie wird es auf einer Auktion verscherbeln.

Das gehört noch zu den herkömmlichen Demütigungen. Der Absturz folgt, als Lieblingsbruder Floyd einen bösen Verriss schreibt und das Buch floppt. Es folgen Jahre, in denen die beiden nicht miteinander sprechen. Damit sie sich nicht begegnen dürfen, wird Jay fortan bei allen Familienfesten ausgeschlossen. Er aber bleibt, besucht die Mutter einmal die Woche, bringt ihr Obstkörbe mit. Immer fehlt etwas.

Wieso bleibt er? Was hält ihn in der Diktatur von Mutterland, das langsam zum desolaten Hinterland seines Alterns wird? Ab und zu reist er noch, etwa „Ein letztes Mal nach Afrika“, was auch nur deprimierend ist (Theroux’ Buch erschien 2017 auf Deutsch). Eine Auftragsarbeit, ein Artikel über B. Traven, führt ihn nach Mexiko, dort nistet er sich bei einem ärmlichen Frauenhaushalt dreier Generationen ein, denen er mit seiner Rente der Ernährer sein könnte. Er träumt davon zu bleiben. Das Reisen ist ihm ein Suchen nach Unschuld, nach besseren, freundlicheren Menschen und einer besseren Kindheit. Fort von Zuhause hat man keine Vergangenheit, im Paradies der Fremde könnte man noch einmal neu anfangen.

Und genau da holt ihn das Mutterland zurück. Aber Mutter ist wohlauf, allein die Geschwister werden gebrechlicher und haben keine Zeit, nach ihr zu schauen. Sie wird weniger. Sie wird körperlos, durchsichtig, wie aus Spinnweben bestehend, ihre papierne Haut knistert über Vogelknöchelchen, Flusenhaar wie Flaum auf durchscheinender Kopfhaut, sie sieht aus wie ein „Meisterwerk eines Menschenpräparators“. Selbst ihre Bösartigkeit verschwindet. Sie geht sogar freiwillig ins Altersheim, wo sie sich wie eine Königin huldigen lässt. Zu ihrem 100. Geburtstag vereinbaren ihre Kinder einen Waffenstillstand. Wie langweilig!

Und so ist die Chronik dieser amerikanischen Großfamilie auch die Biografie von Theroux’ Arbeit. Wie der Vater in einer kurzen Phase der Verstellung einen geheimen Zug seines Wesens offenbart hat — als er die Rolle eines aufmüpfigen schwarzen Sklaven für eine Ministrel Show einstudierte —, so ist die Lüge für Jay der Schlüssel zur Schriftstellerei. Mit ihrem Gespinst aus Zuwendung und Ablehnung hat die Mutter ihn die Kunst der Lüge gelehrt. Sie war seine negative Muse.

„Der Mann ist erfunden, die Maske ist echt“, schrieb Theroux in seiner Romanbiografie „Das andere Leben“. Die Fiktionalisierung der eigenen Existenz ist eine gute Übung im Handwerk des Dichtens. Gerade weil Theroux in „Mutterland“ die mittleren Jahre, die Zeit seines Erfolgs, weglässt, ist diese Geschichte einer fatalen Familienbindung peinvoll ergreifend. Irrwitzig komisch, spannend und herrlich unterhaltend ist sie dazu auch noch.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion