Das Mutter-Phantom

Iman Humaidan-Junis erzählt in ihrem Roman "Wilde Maulbeeren" auch von der Zeit eines Umbruchs in Libanon

Von ANTON THUSWALDNER

Als sie noch wusste, was sie wollte, hatte Iman Humaidan-Junis, Jahrgang 1956, ein Mutterbuch im Auge. Das ist für eine Gesellschaft wie die arabische, in der Männer den Ton angeben, etwas Besonderes. "Als sie ging", macht sich die Ich-Erzählerin in dem Roman Wilde Maulbeeren bemerkbar, "war ich noch nicht einmal drei Jahre alt." Zwölf Jahre später geistert die abwesende Mutter durch die Träume der sich unglücklich Sehnenden. Ein Geheimnis ist um diese Mutter. "Meine Erinnerung habe ich mir aus dem zusammengebastelt, was ich an Gesprächsfetzen zwischen meiner Tante und Nachbarinnen und Verwandten aufschnappte." Danach ist Melancholie unvermeidlich, die Jagd nach dem Phantom Mutter eröffnet.

Der Makel der Familie

Wer ist diese Frau, die ihr Kind im Stich gelassen hat, welche Dramen haben sich in der Vergangenheit ereignet, an denen das Kind heute leidet? Das ist harter Stoff für eine Gesellschaft, in der Frauen solcher Mut, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen, nicht zugestanden wird. Der Roman ist in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts angesiedelt, in einer Region des Libanon, wo die Drusen die Mehrheit bilden. Diese lehnen sowohl die schiitische wie die sunnitische Koranauslegung zu Gunsten einer eigenen ab - zu ihren Verpflichtungen gehört der unbedingte Gehorsam. Die schöne, ungehorsame Frau, die sich aus dem Staub gemacht hat, um woanders ihr eigenes Leben zu führen, ist der Makel der Familie. Oder wurde sie beseitigt und ein schreckliches Geheimnis lastet auf den Menschen des Dorfes?

Was hat es bloß mit dieser Mutter auf sich? Das ist die brennende Frage, die das Mädchen heimsucht und damit den Leser infiziert. Kaum hat sich die Erzählerin auf die Suche begeben, schweift sie schon ab. Sie lässt sich Zeit, um die Gesellschaft zu beschreiben, in der der Vater eine Figur ist, über den die Geschichte hinwegfährt. Er züchtet Seidenraupen, für deren Endprodukt es bald keinen Markt mehr gibt, und er stellt sich stur, wenn es darum geht, sich auf die neue Zeit einzustellen. Sein Sohn ist ein Taugenichts, ständig auf dem Sprung ins eigene Leben und dennoch wie mit Leim dem Zuhause verbunden, das ihm seine aufwändigen Eskapaden erst ermöglicht. Die Männer sind eine erbärmliche Clique, die Frauen ziehen die Fäden. Aber was haben Männer schon zu bieten, wenn "die Begierde des Weibes einer schlafenden Raubkatze" gleicht? Ein schlechtes Bild muss man nicht als morgenländische Poesie schön reden. Die Metaphernsuche führt auch zu solchen Ergebnissen: "Haut dampfte wie ein erlöschender Vulkankrater", und "wie eine zerbrechliche Kristallschale" wird eine nackte Brust angehoben.

Auch die Familienstruktur zieht die Autorin in Bann, sie lenkt ab mit Hilfe des Großvaters, der aus Argentinien kam, aber im Roman keine große Spur hinterlässt und widmet sich ausgiebig der Beschreibung der Seidenraupenzucht. Das ist nützlich und lehrreich, literarisch gut genutzt ist der Raum damit aber nicht. Und dann und wann ein Satz, der einen auch nicht weiter bringt: "Ich wusste nicht, warum, aber auf einmal musste ich an Mutter denken."

An der Verwirrschraube gedreht

Ach ja, die Mutter! Die Jahre ziehen ins Land, die Erzählerin wird älter, heiratet, bekommt ein Kind. Erwachsen geworden, wächst die Neugier, etwas von der Mutter in Erfahrung zu bringen. Jetzt kommen neue Figuren ins Spiel - "sie ging immer zu einer englischen Familie und einem Pater und zu irgendwelchen anderen Leuten." Das erlaubt der Autorin, die Verwirrschraube anzudrehen. Der Pater könnte der Vater der Erzählerin sein. Oder vielleicht war die Mutter einst in die englische Familie als Liebhaberin des Familienoberhauptes eingebrochen, um mit einem unehelichen Kind zur eigenen Familie zurückzukehren. Humaidan-Junis baut Verdacht um Verdacht auf, dass es dem Leser das Herz zusammenzieht ob der in Aussicht stehenden Verderbtheit.

Aber plötzlich besinnt sie sich als Autorin ernsthafter Literatur und löst kein einziges Rätsel. "Ich suche etwas, was sich in mir angestaut hat. Warum fortgehen, wenn es in der Ferne doch auch nicht zu finden ist? Es ist hier in mir selbst. Weshalb verschließe ich die Augen davor?" Betroffen sehen wir der Läuterung einer jungen Frau zu, die zu sich selber gefunden hat und dadurch jeder Energie beraubt wurde.

Den Roman einer Muttersuche darf man getrost vergessen. Spannender und aufregender ist die Geschichte, die sich nebenbei einstellt, so ungeliebt wie die dreizehnte Fee, weil es der Autorin auf sie nicht ankommt. Erzählt wird der tragische Fall eines historischen Umbruchs, in dem Beziehungen zerbrechen, Altes zerstört wird und neue Verhältnisse sich ankündigen. Bevor die Veränderungen in der Gesellschaft Wirkung zeitigen, proben sie in der Familie den Ernstfall: der Patriarch, der nichts zu sagen hat, aber offiziell als Autorität gehandelt wird, der Luftikus als Symbol einer neuen Zeit, in der die Schwerkraft der Verhältnisse nicht mehr jeden in seine Pflicht nimmt, die bigotte alte Dame, die um ihr Seelenheil bangen muss, weil die strengen religiösen Wertigkeiten an Zugkraft eingebüßt haben. Sobald Humaidan-Junis Wilde Maulbeeren von der überdeterminierten Muttersuche absieht, hat sie auch ihre Sprache unter Kontrolle. Dann ist sie eine klarsichtige Beobachterin, die auch dann ungerührt bleibt, wenn sie zusehen muss, wie ein Scherbenhaufen überkommener Zustände angehäuft wird.

Iman Humaidan-Junis: "Wilde Maulbeeren". Roman. Aus dem Arabischen von Kristina Stock. Mit einem Nachwort von Hartmut Fähndrich. Lenos Verlag, Basel 2004, 127 Seiten, 16 Euro.

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