Spionage

Die Mutter pellt Eier, der Vater spioniert

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Wenn die Agentenfamilie picknickt: Dirk Brauns verarbeitet in „Die Unscheinbaren“ seine ungewöhnliche Familiengeschichte.

Die prominenteste deutsche Agentenfamilie sind die Guillaumes. Günter Guillaume war persönlicher Referent von Bundeskanzler Willy Brandt, bis er und seine Frau am 24. April 1974 unter Spionageverdacht verhaftet wurden. Beide hatten für das Ministerium für Staatssicherheit gearbeitet. Als sie aufflogen, war ihr Sohn Pierre 17 Jahre alt.

Dirk Brauns’ neues Buch „Die Unscheinbaren“ behandelt eine ähnlich ungeheuerliche Geschichte, auch hier gibt es ein Agentenehepaar, das einen Sohn hat, nur sind sie auf der anderen Seite der Mauer im Einsatz. Das Buch setzt mit der Verhaftung der Eltern in ihrem Haus in der Suderoder Straße in Berlin-Blankenburg ein, mit der Vernehmung des Sohns, dem Kollaps der Großmutter. Krachend bricht der Alltag einer normalen Familie zusammen. Es war eine scheinbare Normalität.

Dirk Brauns’ Buch ist ein Roman, doch der Autor hat darin seine Familiengeschichte verarbeitet. Die Großeltern spionierten für den Bundesnachrichtendienst, flogen auf, wurden zu 15 Jahren Haft verurteilt. Zwei Jahre später konnten sie in den Westen. Der Bundesnachrichtendienst kümmerte sich um seine Leute. Sie hatten zwei Söhne, einer von ihnen ist Dirk Brauns’ Vater. Er war 20, als die Eltern im Februar 1965 aufflogen. Ihm hat Dirk Brauns das Buch gewidmet.

Es spielt Jahrzehnte nach dem Mauerfall in Süddeutschland, wo der jetzt kurz vor der Rente stehende Sohn, ein Tierarzt, lebt. Jetzt recherchiert er über die sechziger Jahre in der DDR – für eine Ausstellung im Berliner Spionagemuseum über den Alltag von Agenten. In diesem Sohn spiegelt sich der Enkel, der Autor Dirk Brauns, der selbst durch die Akten und Archive von MfS und BND gegangen ist. Er hat dabei herausgefunden, wer seine Großeltern verraten hat, doch darum geht es nicht in seinem Buch.

Es gibt darin eine Liebesgeschichte zwischen dem Protagonisten und seiner Jugendliebe aus der DDR, die ein wenig kitschig ist. Die sachliche Recherche führt ihn aber auch zurück zu einer emotionalen Wunde, zu dem Kind, dessen Urvertrauen von den Eltern missbraucht wurde. „Aus meiner Perspektive, der Perspektive des Sohnes, schien diese ganze Sache, so wie sie lief, damit zu tun zu haben, dass ich den Eltern egal war“, lässt Dirk Brauns diesen Sohn sagen.

Als Dirk Brauns sein Buch kürzlich im Berliner Spionagemuseum vorstellte, war auch sein Vater anwesend. Nach den Eltern gefragt, sprach er von Unverantwortlichkeit. 1956 hätten sie mit ihrer Arbeit für den BND begonnen. Damals war er elf, sein Bruder war neun Jahre alt. „Wären sie sofort aufgeflogen, wären wir im Waisenhaus gelandet.“ Tatsächlich wurden in den fünfziger Jahren in der DDR mehrere Spione und auch Spioninnen hingerichtet. Es scheint unglaublich, aber mit seinen Eltern hat er darüber nie gesprochen. Es ist eine Sprachlosigkeit, wie man sie aus Nachkriegsfamilien kennt. Die prekären Punkte in der Biografie blieben unberührt.

Dieses Schweigen hat der Enkel mit seinem Buch gebrochen. Die Spionagetätigkeit erscheint bei Brauns als eine lächerliche Angelegenheit, wenn ein Familienpicknick in Sichtweite von militärischen Sperrgebieten und Kasernen abgehalten wird. Die Mutter pellt hartgekochte Eier, der Vater liegt mit dem Fernglas im Gebüsch. Aus einer „Anleitung für den Geheimschriftverkehr“ wird zitiert. Doch als der Buch-Sohn im Westen dem BND berichtet, geht es um einen Terroristen. Da scheint die Agententätigkeit gerechtfertigt.

An der Spionagetätigkeit der Eltern lässt der Autor aber kein gutes Haar. Dass Idealismus keine Rolle gespielt haben soll, lässt ihr Verhalten nur noch fragwürdiger erscheinen. „Diese Leute sind Profis. Und die Bezahlung ist hervorragend“, sagt die Mutter zum noch zögernden Vater. Selbst bei den politischen Vorbehalten geht es am Ende ums eigene Fortkommen, nicht um den Kampf der Systeme. „Denk an die Kundgebungen, die scheußlichen Ernteeinsätze. Ist das ein Staat für uns? Erinnere dich ans Frühjahr ’53, wie sie unseren Gastwirt an der Ostsee und Tausende andere enteignet und ins Zuchthaus gesteckt haben. (...) Ein paar Jahre nur, dann verschwinden wir in den Westen.“

Natürlich fragt man sich, was in diesem Buch Fiktion ist und was Wirklichkeit. Sind die Zitate aus den Vernehmungsprotokollen der Großeltern, die Brauns anführt, erfunden? Die beiden Söhne aus der Wirklichkeit fügt er zu einem zusammen. Dabei ist die Realität hier fast spannender als die Fiktion, hat doch der Sohn, der mit den Eltern in den Westen ging, möglicherweise selbst für den BND gearbeitet so wie der Buch-Sohn. Der Sohn, der in der DDR bei der Großmutter blieb, hatte anders als im Buch beschrieben, keine Nachteile oder Anfeindungen zu ertragen, wie der Buch-Sohn nach der Verhaftung der Eltern. Sogar studieren konnte er. Diese Aufspaltung einer Familie, was für ein Stoff.

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