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Murakami gibt einen Schreibkurs

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Die Schreibmaschine des Nobelpreisträgers Gabriel Garcia Marquez.
Die Schreibmaschine des Nobelpreisträgers Gabriel Garcia Marquez. © AFP

Der japanische Bestsellerautor Haruki Murakami erklärt, was notwendig ist, wenn man die Schriftstellerei zum Beruf machen will.

Von Martin Oehlen

Wer ein Schriftsteller werden will, aber nicht so recht weiß, was damit so alles verbunden ist – ja, der geht womöglich in einen Schreibkurs und lässt sich von einem Dozenten auf die Sprünge helfen. Das ist vermutlich eine gute Idee. Nun gibt es freilich eine Alternative dazu: Haruki Murakami, der immer wieder für den Literatur-Nobelpreis gehandelte Japaner, hat soeben einen Band vorgelegt, in dem er ausführlich Auskunft darüber gibt, was es bedeutet, wenn man – so der Titel – „Von Beruf Schriftsteller“ ist.

Das erste Geheimnis, das er in dieser Aufsatzsammlung aus drei Jahrzehnten verrät: Genialität allein reicht leider nicht. Was entscheidend ist, wenn man mehr als nur einen Roman in Umlauf bringen will, also sein Leben als Schriftsteller zu fristen gedenkt: Beharrlichkeit. Denn „es kostet unmäßig viel Zeit und ist ungeheuer anstrengend“, teilt der Autor mit, von Romanen leben zu wollen. Er selbst hat es sich zur Regel gemacht, in Zeiten des Schreibens täglich zehn Blätter japanischen Manuskriptpapiers zu füllen (je Blatt: 400 Zeichen).

Bevor Murakami diese Laufbahn einschlug, leitete er in den 70er Jahren einen Jazz-Klub in Tokyo. Dies tat er vor allem deshalb, weil der Job ihm Gelegenheit bot, seine Lieblingsplatten zu hören. Besonders profitabel war das Lokal freilich nicht. Jedenfalls hätten er und seine Frau, lesen wir, in der Wohnung keine Heizung gehabt – und in kalten Winternächten nur dann Schlaf gefunden, „wenn wir unsere vier Katzen fest im Arm hielten“. Als dann eines Tages die Bank auf Rückzahlung eines Darlehens bestand, schien die Situation für das Paar aussichtslos. Doch dann entdeckten sie bei einem Spaziergang voller Trübsal auf der Straße genau die Summe, die sie der Bank erstatten mussten. Solche „unerklärlichen Dinge“, sagt Murakami, passierten ihm immer wieder. Seine Leser werden an dieser Stelle erfreut aufmerken, denn Katzen und Unerklärliches findet sich in seinen Romanen in schöner Zuverlässigkeit.

Geldsorgen hat Murakami heute gewiss nicht mehr – als globaler Bestsellerautor. Doch ehe es dazu kommen konnte, musste er erst einmal ein Baseballspiel besuchen: „An einem sonnigen Nachmittag im April 1978 ging ich ins Tokioter Jingu-Stadion, um mir das Eröffnungsspiel der Central League anzuschauen, das zwischen den Yakult Swallows und den Hiroshima Carps stattfand.“ Mit einem Bier auf der Hand lag Murakami auf dem Rasen – es gab keine Sitzplätze – und beobachtete, wie der Spieler Dave Hilton ausholte: „Der schöne satte Ton, mit dem der Ball auf den Schläger traf, hallte im ganzen Stadion wider.“ In diesem Moment sei ihm „völlig zusammenhanglos der Gedanke“ gekommen: „Das ist es! Ich werde einen Roman schreiben.“ Es sei wie eine Offenbarung gewesen. Als die Baseball-Saison zu Ende war, hatte Murakami die erste Fassung seines Debütromans „Wenn der Wind singt“ abgeschlossen.

Dabei bediente sich Murakami eines Tricks. Er griff zu einer Schreibmaschine mit lateinischen Buchstaben und legte auf Englisch los – also nicht auf Japanisch und mit japanischen Schriftzeichen. Dieses Verfahren habe ihn gelehrt, dass man auch mit weniger Worten auskommt als man meinen möchte. Die englische Fassung übersetzte er anschließend ins Japanische: „Auf diese Weise kam unweigerlich ein neuer japanischer Stil zustande, der zugleich mein eigener war.“ Später bezeichnet er diesen Stil als „schnörkellos“ und „gut durchlüftet“.

Nun war der Roman da, aber noch nicht die Gewissheit, dass daraus eine Lebensaufgabe werden könnte. Dazu bedurfte es einer kleinen Zutat – der Ermutigung. In diesem Falle sorgte dafür die Tatsache, dass der Roman für einen Nachwuchspreis nominiert wurde. Erst als Murakami davon in Kenntnis gesetzt wurde, erinnerte sich der Jungautor daran, sein Manuskript eingereicht zu haben – eine Kopie davon besaß er nicht. Wäre Murakami nicht nominiert worden, wäre dieses Debüt nie erschienen – und wäre er womöglich heute nicht der Autor, der er ist.

Den Preis hat er dann auch bekommen. Ein bahnbrechendes Ereignis, wie er feststellt: „Er war meine Eintrittskarte in die Welt der Schriftstellerei und änderte alles. Vor mir öffnete sich ein Tor. Solange ich nur diese Eintrittskarte hatte, würde sich alles andere fügen.“ Zwar hatte Murakami in seinen jungen Jahren nie den Plan gehabt, Schriftsteller zu werden, doch nun wusste er, dass er dieser Aufgabe gerecht werden würde. Ja, er hatte „eine recht hohe Meinung“ von sich und stellt fest, „dass man ohne eine gewisse Überheblichkeit nicht Schriftsteller werden kann.“.Wer sich diese Einsicht zu Herzen nehmen will, möge allerdings bedenken, dass Murakami damit nur darauf zielt, sich mutig auf ein Werk einzulassen. Dass der Autor selbst im Umgang ein bescheidener, selbstkritischer, zurückhaltender Zeitgenosse ist, ist weithin bekannt.

Was es sonst noch braucht, um Dichter zu werden? Äußerst wichtig sei es, viel zu lesen. Und dann sollte man sich darin üben, „Menschen, Dinge und Ereignisse, alles um sich herum, ganz gleich, was es ist, aufmerksam und gründlich zu beobachten.“ Das Material müsse dann gesammelt werden, aber ohne aus all den Details Schlüsse zu ziehen. Er selbst, sagt Murakami, achte besonders darauf, „nichts zu erklären.“

Vieles mehr bietet dieser autobiographische Band. Auskünfte über japanische Gesellschaftszwänge und Erfahrungen im Ausland, über Lesertreue und Erzählperspektive, selbstverständlich auch über sein tägliches Laufen. Es findet sich Kurioses wie der Hinweis, dass in japanischen Buchhandlungen „die Werke häufig nach männlichen und weiblichen Autoren getrennt“ stehen. Und es findet sich Grundsätzliches über das Dasein als Schriftsteller: „Einen schöneren Beruf kann es gar nicht geben. Finden Sie nicht auch?“

Haruki Murakami: Von Beruf Schriftsteller. Essays. DuMont, Köln 2016. Übersetzt von Ursula Gräfe. 234 Seiten, 23 Euro.

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