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Die Silhouette einer Kuh auf einer Wiese in der Schweiz.

Dieter Bachmann "Unter Tieren"

Die Kuh muht nicht

Ein Buch der Reflexion, so wunderlich wie wunderbar: Dieter Bachmanns „Unter Tieren“ ist ein faszinierendes, anrührendes, kluges, universalgebildetes kleines Prosawerk, das nichts zu tun hat mit jenen gerade modischen Büchern, in denen Menschen sich selbst zu Tierschützern erheben.

Von Christoph Schröder

"Das Tier ist der bessere Mensch.“ Dieser Satz, von Tierfreunden oft rührselig hervorgebracht, steht auch in Dieter Bachmanns kleinem Buch. Er steht dort mit Ernsthaftigkeit und Wahrhaftigkeit, so dass man ihn einfach glauben muss. „Unter Tieren“ tritt den Beweis dafür an; es ist ein faszinierendes, anrührendes, kluges, universalgebildetes kleines Prosawerk, das nicht das Geringste zu tun hat mit jenen gerade modischen Büchern, in denen Menschen sich selbst zu Tierschützern mit ethisch-philosophischem Fundament(alismus) erheben. „Das Tier“, so heißt es weiter, „ist die eigentliche Sehnsucht des Menschen.“

Eine Sehnsucht, der Bachmanns Protagonist sich willentlich und hemmungslos hingibt. Hebel heißt der Mann, bei einem im Basel geborenen Autor ist das kein Zufall, sondern eine Reminiszenz an Johann Peter Hebel, dem es die Natur ebenfalls angetan hatte. Bachmanns Hebel ist Versicherungsvertreter kurz vor dem Ruhestand. „Roman“ kann man „Unter Tieren“ nicht nennen; es ist ein Flickenteppich aus Reflexionen, Zeitungsausrissen, Zitaten und Beobachtungen, in dem jede Gattung zu ihrem Recht kommt, und das auf wunderbar leichte, elegante Art und Weise.

Die Affinität des Menschen zum Tier, das ist eine der grundlegenden Erkenntnisse, liegt in dessen Vorsprachlichkeit begründet. Die Laute der Tiere sind nicht Sprache, sondern Laute; erst durch einen Übergriff des Menschen wird aus einem charakteristischen Laut der Kuh jenes Geräusch, das wir assoziieren – wir hören es und denken „Muh“. Die Kuh muht nicht.

Damit verbunden ist der Gedanke der tiefgreifenden Unschuld jenseits aller menschlichen Begriffe: „Das Tier ist sich nicht fremd. Das Tier ist bei sich selbst. Deswegen ist das Tier immer gut. Wobei das Wort gut keinen Sinn macht. Das Tier braucht keine Moral. Es ist kontinuierlich.“ (Und es isst kontinuierlich, weswegen die Geschichte der fünf Meter langen Python, die an einem 30 Kilogramm schweren Kalb erstickt ist, nicht verschwiegen werden soll.)

Abwenden von der Menschheit

Konsequent wendet sich Hebel gegen die Vermenschlichung, also: den Missbrauch, von Tieren in der Literatur, sei es in den Fabeln von Lafontaine oder in George Orwells „Animal Farm“. „Unter Tieren“ ist voll von wundersamen Entdeckungen und überraschenden Perspektiven. Um die zu finden, bedarf es einer so einfachen wie elementaren Bewegung, die Hebel gleich zu Beginn des Buches vollzieht: die des Abwendens, des Wegdrehens von der Menschheit und deren Geschwindigkeit, hin zum eigenen Rhythmus der belebten Natur oder zu dem, was noch da ist, „durch den Teil dieser gebeutelten Welt, der noch übrig blieb von der Schöpfung, so wie sie gemeint sein könnte. Noch einmal alles wahrhaft Lebensschöne, dann zum Hinterausgang hinaus“.

Das hat etwas der Zeit Enthobenes, ja Morbides. So ist Hebels einziger Freund Anderberg ein Eremit, der in seinem abgelegenen Haus in Italien in einem Kästchen sammelt, was er in den Zimmern seines Hauses so auffindet: tote Mücken, Fliegen, Käfer, Spinnen – „Animali morti in casa“. So erhält die Kreatur ihre Würde zurück. Das ist das Mindeste, was man für sie tun kann.

Dieter Bachmann: Unter Tieren. Limmat Verlag, Zürich 2010, 154 Seiten, 21,50 Euro

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