Finnische Lebensart: Nach der Sauna ins kalte Wasser.
+
Finnische Lebensart: Nach der Sauna ins kalte Wasser.

"Zwei Kontinente"

Wir müssen reden

  • vonSusanne Lenz
    schließen

Kommunikation fällt den Figuren in Jussi Valtonens finnisch-amerikanischer Geschichte allerdings ziemlich schwer.

Der Autor dieses Buchs, der Finne Jussi Valtonen, hat viele Jahre als Psychologe gearbeitet, bevor er Schriftsteller wurde. Wahrscheinlich hatte er in seiner Praxis genug Fälle, in denen die Probleme darauf beruhten, dass Menschen einander nicht verstehen, selbst wenn sie miteinander reden. Die Schwierigkeit des Einander-Verstehens ist eines der großen Themen seines Romans „Zwei Kontinente“.

In Skandinavien ist der preisgekrönte Autor wohlbekannt, „Zwei Kontinente“ ist sein viertes Buch, aber das erste, das auch auf Deutsch erscheint. 2014 erschien er in Finnland und wurde ein Bestseller. Valtonen schreibt darin über die Fallen und schwarzen Löcher, in denen die Mitteilungen von Menschen aus unterschiedlichen Ländern verschwinden, über die Spiegel, die sie verzerren, die scheiternde Kommunikation zwischen Paaren, Eltern und Kindern, auch politischen Gegnern. Man kennt das, und es ist zum Verzweifeln.

Der US-Amerikaner Joe, ein Jude, lernt die Finnin Alina kennen, sie verlieben sich, sie wird schwanger. Joe lässt die Stellenangebote mehrerer US-Elite-Unis sausen und zieht in die Heimat seiner Frau. Europäer, Finnen insbesondere, werden sich über die Sicht dieses Aliens auf ihr Land amüsieren. Wie er sich erst über die Zwei-Tastenspülung in den Toiletten freut und den subventionierten Lachs in der Mensa, und es dann nicht fassen kann, dass ein mürrischer Alkoholiker ohne Auslandserfahrung die Stelle an der Uni bekommt. Ob er zur Vorbereitung auf den neuen Kontinent nie einen Aki-Kaurismäki-Film gesehen hat?

Aber zurück zur Sprache. Finnisch zu lernen ist wirklich schwer. Fünfzehn Fälle, fünf Infinitive, kaum Konsonanten. Das ist jedoch nicht das Hauptproblem. Alina kriegt eines Tages alles, was sie ihm sagen möchte, einfach nicht mehr über die Lippen. Und Joe kommt aus dem Kulturschock nicht mehr heraus.

Am Ende steht wie so oft bei der gescheiterten Kommunikation die Scheidung, und Joe wird doch noch Elite-Neurowissenschaftler und gründet eine neue Familie in seiner alten Heimat. Doch die Kommunikation wird auch im eigenen Land nicht besser. Nun hat er es mit radikalen Tierschützern zu tun, gegen die er seine Versuche mit Affen verteidigen muss und mit seinen pubertierenden Töchtern, von denen eine ein neues Smartphone namens Iam testet, das sich direkt ins Gehirn schalten kann und auf jeden Gedanken, jedes Bedürfnis mit einem Angebot reagiert.

Auf fast 600 Seiten wird nicht nur die Geschichte auf ineinander verschränkten Zeitebenen vorangetrieben, meist aus Joes Perspektive. Exkurse zur Ethik von Tierversuchen, zur unterschiedlichen Bildungspolitik in Europa und den USA sowie zu den Gefahren der Kommunikationstechnologie werden auch eingeschoben. Das ist ganz schön viel, und es wirkt mit seinem gesellschaftskritischen Impetus über lange Passagen ganz schön angestrengt und überladen. Es ist aber packend zu lesen, wie das Leben eines Mannes, der es in seiner Welt ganz nach oben geschafft hat, zerbröselt.

Das Buch nimmt gegen Ende wieder Fahrt auf, als der in Finnland bei seiner Mutter groß gewordene und erwachsene Sohn sich in Joes Leben hineindrängt, zu dem er den Kontakt vor langer Zeit hat einschlafen lassen. „Wir müssen reden“, stand auf den Zetteln, die der Wissenschaftler nach den Tierschützerattacken überall aufgehängt hat. Jetzt scheint es so weit zu sein.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare