Bei Wagner wird jedenfalls immer Wagner gefeiert: Szene aus Barrie Koskys Bayreuther „Meistersingern“.
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Bei Wagner wird jedenfalls immer Wagner gefeiert: Szene aus Barrie Koskys Bayreuther „Meistersingern“.

Essay

Moshe Zuckermann über Richard Wagner: Abscheuliches Genie

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Soziologe Moshe Zuckermann gibt Einblicke in seine lebhafte Auseinandersetzung mit Richard Wagner.

Moshe Zuckermanns schmaler Band „Wagner – ein ewig deutsches Ärgernis“ widmet sich recht entspannt einer großen Verkrampfung. Wie umgehen mit Richard Wagners Antisemitismus, wie umgehen aber auch mit dem Menschen Wagner überhaupt? „Es gibt gute Gründe“, schreibt der israelische Soziologe, „sich von der Person Wagners abgestoßen zu fühlen, und zwar nicht nur wegen seines widerwärtigen Antisemitismus: seine von Opportunismus und Unterwürfigkeit durchwirkte politische Unbeständigkeit, sein degoutanter Egoismus, sein ausbeuterisches Verhältnis zu Menschen im Allgemeinen und zu Frauen im Besonderen, die unerträgliche Melange aus Arroganz und Selbstmitleid“ – und hier überspringen wir aus Platzgründen einige Zeilen –, „all diese (und einige mehr) waren Charakteristika der Person Wagners: ein in der Tat abominabler Mensch. Das ,Problem‘ besteht darin, dass er zugleich auch ein Genie war.“

Zuckermann legt es insgesamt aber nicht darauf an zu polemisieren. Sein Ton ist nicht nur zivil, seine Sprache ist auch ein wenig förmlich – man muss sich hineingewöhnen, dann merkt man, dass die damit verbundene Zurückhaltung mit Bedacht gewählt ist –, und über etliche Strecken liest sich der Band als informative, an Beispielen reiche Einführung: Wagner in Politik und Gesellschaft, Wagner in seiner Musik, Wagner in seinem Antisemitismus. Wagner und die Folgen durch die Rezeption in der NS-Zeit.

Das Buch

Moshe Zuckermann: Wagner – ein ewig deutsches Ärgernis. Westend Verlag, Frankfurt a. M. 2020. 144 Seiten, 18 Euro.

Zuckermann stellt Wagners Wollen und Werden als eine ganz auf „Publikumswirksamkeit“ hin gerichtete Kunst vor. Er lässt nicht unerwähnt, dass Wagner genau das der Konkurrenz vorwarf, wie überhaupt die Diskrepanz zwischen der Nutzbarmachung von Ideen anderer und dem Wegpolemisieren von Rivalen als grundlegende Eigenschaft des Künstlers Wagner aufscheint. Bei alledem gilt: „Man geht nicht fehl in der Behauptung, dass – psychisch und ideologisch betrachtet – der Judenhass die markanteste Obsession seines Lebens war.“

Interessant und irritierend freilich, dass Zuckermann im musikdramatischen Werk davon kaum Spuren finden will. Kurios gar, wenn er Kunstwerk und Schöpfer grundsätzlich strikt trennt. „Sind ,Die Leiden des jungen Werthers‘ uns zugänglicher und verständlicher, wenn wir über das Liebesleid des jungen Goethe lesen?“, fragt er rhetorisch. Aber ja. Vieles muss man in Zuckermanns Überlegungen nicht teilen und kann gleichwohl an seinen Einlassungen, die eine intensive Wagner-Rezeption dokumentieren, Freude haben. Auch wo Zuckermann kurz greift, greift er doch etwas, so dass die Lektüre erfrischt und anregt. Zumal der differenzierte Umgang mit dem Begriff „Antisemitismus“ konstruktiv ist, ohne etwas kleinzureden. Jedenfalls nicht den Antisemitismus, vielleicht Wagner Positionierung (keineswegs jedoch die Folgen, die das hatte). „War er ein Vor-Nazi? Kaum. Wäre er Nazi geworden? Das kann man nicht mit Bestimmtheit sagen. Anzunehmen ist eher, dass er nach Hollywood gegangen wäre.“

Scharf ist Zuckermann, wenn er sich dem informellen Boykott des 1883 gestorbenen Komponisten in Israel zuwendet. So nachvollziehbar dessen Ursprünge im Jahr 1938, so sehr sei er heute ein „Ersatzakt für einen defizitären Zustand“ und der Ruf nach seiner Aufrechterhaltung „nichts als eine weitere Etappe auf dem langen Weg der Ideologisierung des israelischen Shoah-Gedenkens“.

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