Mit Morphium gegen Hitler?

Sönke Zankels bizarre Thesen

Von ALEXANDER JÜRGS

"Nicht über die Judenfrage wollen wir in diesem Blatte schreiben, keine Verteidigungsrede verfassen - nein, nur als Beispiel wollen wir die Tatsache kurz anführen, die Tatsache, dass seit der Eroberung Polens dreihunderttausend Juden in diesem Land auf bestialischste Art ermordet worden sind. Hier sehen wir das fürchterlichste Verbrechen an der Würde des Menschen, ein Verbrechen, dem sich kein ähnliches in der ganzen Menschengeschichte an die Seite stellen kann." So heißt es im zweiten Flugblatt der Weißen Rose.

Diese Aussage ist so eindeutig, dass man es für unmöglich halten muss, ihren Verfassern Judenfeindlichkeit zu unterstellen. Sönke Zankel, Studienreferendar und Lehrbeauftragter an der Universität Flensburg, versucht es trotzdem - und sorgt mit seinem Buch Die Weiße Rose war nur der Anfang für viel Aufregung und Widerspruch. Den Heldenmythos des Widerstandskreises um das "engelsgleiche" Geschwisterpaar Hans und Sophie Scholl will Zankel zerstören. Die Weiße-Rose-Stiftung nennt seine Arbeit in einer kurz nach dem Erscheinen des Buchs veröffentlichten Stellungnahme "absurd, sachlich abwegig und moralisch infam".

In der Tat finden sich keine schlüssigen Argumente, mit denen Zankel den angeblichen Antijudaismus, also christlich-religiös motivierte Judenfeindlichkeit, der Weißen Rose belegen könnte. Weil die Geschwister Scholl und Alexander Schmorell sich nach ihren Verhaftungen in den Verhören der Gestapo nicht zur Judenverfolgung äußerten, weil er in Schriften und Äußerungen von geistigen Vorbildern des Hans Scholl wie etwa dem Universitätsprofessor Kurt Huber, der das letzte Flugblatt der Widerstandsgruppe verfasst hat, judenfeindliche Ansichten ausmacht, meint Zankel beweisen zu können, dass die jungen Widerständler - ganz Kinder ihrer Zeit - selbst judenfeindlich gesinnt waren. Weil die Scholls gläubige Christen waren, müssen sie die Juden wohl gehasst haben: Mehr als dieses absurde Argument lässt sich aus Zankels Ausführungen erschreckenderweise nicht gewinnen.

Der Ehrgeiz des jungen Forschers konzentriert sich anscheinend darauf, mit provokanten Thesen und originellen Forschungsergebnissen glänzen zu wollen. Dabei verliert er aus dem Auge, was seine Arbeit eigentlich spannend machen könnte: Recht genau untersucht er das elitäre Denken von Hans Scholl, das in den ersten Flugblättern zu erkennen ist und später einem christlich geprägten Liberalismus und Humanismus weichen wird. Hier wäre es aufschlussreich gewesen, danach zu fragen, wie es zu diesem Wandel gekommen ist. Stattdessen aber bleibt der Elitismus der Scholls einzig als Vorwurf im Raum. Dass elitäres Denken im Widerstand gegen den Nationalsozialismus weit verbreitet war, wird interessierte Leser allerdings wenig überraschen. Unserem heutigen Verständnis von Demokratie können weder die Attentäter um Graf Stauffenberg noch die kommunistischen Widerstandsgruppen, die maßgeblich vom Stalinismus geprägt waren, genügen.

Ganz und gar abenteuerlich wird Zankels Buch dort, wo er die Verhaftung der Geschwister Scholl im Lichthof der Münchner Universität, nachdem der Hausschlosser Jakob Schmid sie beim Verteilen von Flugblättern erwischt hatte, neu zu deuten versucht. Warum haben sich die Scholls damals nicht gegen ihre Verhaftung gewehrt, warum haben sie keinen Fluchtversuch unternommen? Weil sie durch denKonsum von Opiaten betäubt waren, so die bizarre These von Sönke Zankel. Bizarr vor allem deshalb, weil der Historiker auch hier keinen einzigen wirklichen Beweis für seine Ansicht nennen kann. Dass die Scholls Drogen konsumiert haben, bleibt bei Zankel reine Spekulation, die er notdürftig mit Äußerungen eines Mediziners der Universität Bern und Mutmaßungen aus Gestapo-Verhörprotokollen aufbauscht. Während der Gerichtsverhandlung - von der die jungen Studenten wissen müssen, dass sie ihre Hinrichtung zur Folge haben soll - erlitt Hans Scholl Panikattacken und zitterte auffällig: Zankel deutet dies als Indiz dafür, dass Scholl unter Drogenentzug gelitten habe. Auf die Idee, dass der junge Mann, aggressiv verhört von Volksgerichtshofpräsident Roland Freisler, einfach Todesangst hatte, kommt er nicht.

Sönke Zankel: Die Weiße Rose war nur der Anfang. Geschichte eines Widerstandskreises. Böhlau Verlag, Köln 2006, 215 Seiten, 24,90 Euro.

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