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Markus Weber im dreidimensionalen Wimmelbild.

Moritz Verlag

Moritz Verlag: Farben erzählen

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Zu Besuch bei Markus Weber und dem 25 Jahre alten Frankfurter Kinderbuchverlag Moritz.

Ein Besuch bei einem guten Kinderbuchverlag ist auch ein Haben-wollen-Besuch: einen Beruf, bei dem man ständig mit Bilderbüchern zu tun hat; einen Schreibtisch, auf dem, unter dem und um den herum Bilderbücher stehen und liegen; Bilderbücher, wenigstens ein paar davon.

Als es nachher um die Frage geht, wem ein Bilderbuch gefallen muss, damit es für den Verlag zum Erfolg wird, macht Markus Weber darauf aufmerksam, dass Kinder über den Kauf von Büchern normalerweise nicht entscheiden dürfen. Immer wieder höre man in Buchhandlungen den Elternsatz: „Du bist doch viel zu alt dafür, das ist doch nichts mehr für dich.“ Darum, sagt Weber, seien Bibliotheken so wichtig, als Ort, an dem ein Kind ohne die Hürde von Erwachsenenmeinungen und eines finanziellen Transfers an ein Buch kommen kann. Darum ist es natürlich auch so wichtig, irgendwann erwachsen zu sein.

Der Moritz Verlag befindet sich in der Frankfurter Kantstraße, am Merianplatz und schräg gegenüber vom Café Kante, wo die meisten ohnehin was haben wollen. Ein Büro, eine Wohnung, einen Platz im Café. Verleger Markus Weber kennt sich blendend aus in seinen nicht besonders großen, aber besonders vollen Räumen, die dreidimensionale Wimmelbilder sind. Er aber zieht mir nichts, dir nichts die Bücher aus den Regalen. In diesen Büchern kennt er sich noch gründlicher aus als in den Räumen.

Weber zieht also ein Bilderbuch hervor, klappt es auf, und fängt an zu erzählen oder vorzulesen. In Komako Sakais „Gute Nacht zusammen“, einem Pappband mit flimmernd zarten Bildern von schlummernden Holzlokomotiven und im Körbchen zugedeckten Äpfeln, na ja, was es nicht alles gibt, so gut gefallen einem die Bilder gar nicht, aber sie haben auch eine Seelenruhe, mit der im Alltag nicht zu rechnen ist. Dazu Webers Vorlesestimme, die von einer Erzählerstimme nicht zu unterscheiden ist, vermutlich weil er den Text so gut kennt.

Beim „Ausflug zum Mond“ von John Hare gibt es keinen Text, Weber übernimmt den Part, und weil er das Buch – das passiert ihm selten – nicht zur Hand hat, kann er jetzt nur die eine Seite im Prospekt zeigen. Eine dolle Seite. Während Weber erklärt, wie die Mondwesen, denen der kleine Astronaut begegnet – der kleine Astronaut ist beim Schulausflug hier vergessen worden, Weber erzählt das viel besser der Reihe nach –, wie diese Mondwesen also „verschreckt, aber nicht bösartig“ sind, gehen ihm entsprechend die Bilder aus. Weber erzählt trotzdem weiter und das geht so gut – die Mondwesen, die sich nachher mit den Stiften des jugendlichen Astronauten anmalen werden –, dass es fast ist wie in Leon Lionnis „Frederick“. Falls sich der eine oder andere daran erinnert, was sehr wahrscheinlich ist.

In einem Kinderbuchverlag geht es um viel auf einmal: Erwartungen, Gewohnheiten und Hoffnungen von Kindern, Eltern, die Kinder waren, Kindern, die älter werden. Markus Weber, der vor 25 Jahren Frankfurt aussuchte, um Moritz als Tochtergesellschaft des französischen Kinderbuchhauses L’école des loisirs zu gründen, versteht offenbar die Kunst, sich intensiv mit der Sache zu befassen, ohne aus dem Blick zu verlieren, dass sie nicht für ihn und unseresgleichen hergestellt wird. Diese kleine, aber wesentliche Distanz zum Gegenstand, die seiner Leidenschaft keinen Abbruch tut, wirkt von außen betrachtet perfekt, eine produktive Unsicherheit, die die Neugier und Experimentierfreude erhöht.

Aber haben wir nicht eben gelesen, dass sich Kinder ihre Bilderbücher ohnehin nicht selbst aussuchen dürfen? Ja, aber kein Erwachsener, sagt Weber, werde dem Nachbarn oder der Cousine ein Bilderbuch weiterempfehlen, das das eigene Kind nicht immer wieder vorgelesen bekommen will. Ja, aber ist nicht eh jede Buchveröffentlichung aus Sicht des Verlags ein Abenteuer? Ja, aber für einen Kinderbuchverlag ist das Abenteuer längerfristig und nachhaltiger, ironischerweise gerade weil sich das Publikum alle paar Jahre komplett austauscht. Rasen Belletristikprogramme für Erwachsene heute noch dramatischer vorüber als früher, um praktisch zweimal pro Jahr wieder alle Karten auf das aktuelle Programm setzen zu müssen, schafft ein Kinderbuchverlag Bücher für heute und übermorgen.

Peggy Rathmanns „Gute Nacht, Gorilla“ aus dem ersten Moritz-Jahr 1994 hat die 20. Auflage erreicht. Grégoire Solotareffs „Wer hat Angst vor einem Hasen?“ war damals das Titelbild zum ersten Programm, und es ist 25 Jahre später kein Problem und empfehlenswert, das Buch sofort zu kaufen. Sofern man sich jetzt nicht noch mehr für den – so heißt es im Jubiläumskatalog – „unbegreiflichsten Misserfolg“ im Moritz-Programm interessiert, Magdalena Matosos „Klapp auf, klapp zu!“ Auch dieses Buch von 2015 ist lieferbar. Hätte der Moritz Verlag es aufgeben, würde er nicht neckisch darauf hinweisen.

Gerade weil Weber sich gut überlegt, welche Bücher er macht und in welchen Auflagen – „ich bin ein vorsichtiger Mensch“ –, interessieren ihn schlecht verkäufliche Titel mindestens so sehr wie die großen Erfolge. Ahnt man die manchmal schon? Manchmal, sagt Weber und präsentiert Jörg Mühles fabelhaftes Hasenbuch „Nur noch kurz die Ohren kraulen“, in Deutschland in 17., den Niederlanden in 9., in Polen in 7., in Frankreich in 6. Auflage. Auf Webers Tisch liegen en passant die hebräische, ukrainische und russische Ausgabe.

Wird die Gestaltung bei Bilderbüchern selbstverständlich übernommen? Oft, nicht immer. Selbstverständlich hat Weber ein Beispiel parat, noch ein Buch seines erfolgreichen Frankfurter Autors Mühle, „Zwei für mich, einer für dich“: Die taiwanesischen Lizenznehmer wollten zu Bär und Wiesel beim Pilzeverspeisen mehr Hintergrund, Blümchen und so. Auch bei den Italienern ist mehr los. Die deutsche Ausgabe sieht wirklich viel, viel besser aus, so dass man auch selbst offenbar von einem vertrauten Horizont nicht wegkommt. Es befremdet Weber übrigens, dass viele Titel seit einigen Jahren wieder so deutlich zwischen Büchern für Jungen und Mädchen unterscheiden. „Rosa für die Mädchen, blau für die Jungs, und dann sind wir wieder da, wo wir in den Fünfzigern waren.“ Verdammt.

„Kinderbuchverlage stellen sich ihre Klassiker selbst her“, sagt Weber, nur wisse man eben vorher nicht, welche Bücher es sein werden. Und wann es so weit sei. Rote, auch „blutrote“ Zahlen habe Moritz in seinen frühen Jahren geschrieben, sagt Weber, was beim Blick auf die frühen Titel kaum zu glauben ist. Die ersten zehn Jahre betrieb Weber das Geschäft in Frankfurt ganz allein, heute teilen sich vier Menschen drei Schreibtische.

Eine Wende für den damals sich unerwartet schlecht entwickelnden Kinderbuchmarkt, erklärt er, habe aus seiner Sicht die erste Pisa-Studie gebracht. Im Nachgang habe sich in den nuller Jahren allmählich wieder der Eindruck durchgesetzt, dass es gute Kinderbücher brauche. Vor neun Jahren begann Moritz, auch Erstlesebücher ins Programm zu nehmen. Für „Viele Grüße, Deine Giraffe“ von Megumi Iwasa (Bilder: Mühle) gab es 2018 den Deutschen Jugendliteraturpreis. Inzwischen hat Moritz selbst die Bücher, die die Eltern von heute kennen, lieben und kaufen.

Wieso macht Weber das eigentlich? Weil damals die Anfrage aus Frankreich kam. Vorher hat der gelernte Buchhändler lange für Beltz & Gelberg gearbeitet und war schon als junger Mann bei Diogenes in Zürich (da habe immer ein Fritz angerufen, irgendwann habe er begriffen, dass das Dürrenmatt war) und in der großen weiten Welt. Dass diese zwischen zwei Buchdeckel passt, glaubt man als Kind auch nicht, bis man es mit eigenen Augen sieht. Bunt auf weiß. Bunt auf bunt.

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