1. Startseite
  2. Kultur
  3. Literatur

Moritz Baßler: „Populärer Realismus“ – Was sie kaufen, bekommen die Leute auch

Erstellt:

Kommentare

Harry Potter – hier ein Fan 2005 – ist ein vielfach nachgeahmtes Erfolgsrezept.
Harry Potter – hier ein Fan 2005 – ist ein vielfach nachgeahmtes Erfolgsrezept. © AFP

„Populärer Realismus“: Der Literaturwissenschaftler Moritz Baßler denkt über leichtgängige und leicht zu übersetzende Bücher nach. Aber ist das nun so schlimm? Von Jens Buchholz

Welchen Einfluss hat der Markt auf die Literatur? Von dieser Frage aus tastet sich der Literaturwissenschaftler Moritz Baßler in seinem Buch „Populärer Realismus“ an eine Analyse der Gegenwartsliteratur heran. Wenn etwas über einen Markt vertrieben werde, dann bestimme die Nachfrage über die Produktion. „Wir bekommen auf Dauer nur, was wir auch wollen“, erklärt Baßler. Und damit werde der Markt für den Buchmarkt auch zu einem inhalts- und formbildenden Mechanismus. „Wann immer populäre Kulturen einen Aufmerksamkeitserfolg erzielen, kristallisiert an diesem Erfolg sofort ein Konvolut ähnlicher Produkte.“

Der Erfolg von „Harry Potter“ und „Herr der Ringe“ zog eine Renaissance des Fantasy-Genres nach sich, Elena Ferrantes „Meine geniale Freundin“ löste eine Welle von weiteren historisch verorteter Familien- und Freundesgeschichten nach sich.

Baßler zeigt, dass sich durch diesen Mechanismus eine Art internationaler Stil entwickelt hat, den er als „populären Realismus“ kennzeichnet. Ein Stil, der sich als Text möglichst unsichtbar macht, um die Leserinnen und Leser sofort in die erzählte Welt zu versetzen. Kennzeichnend für diesen Stil ist, dass er sich widerstandslos lesen lässt. Alles, was sperrig oder kantig sein könnte, wird abgeschliffen. Der Begriff „Realismus“ bezieht sich dabei nicht auf eine möglichst genau beschriebene Realität, sondern auf ein literarisches Verfahren, das auch die seltsamsten Science-Fiction- oder Fantasy-Welten plausibel erscheinen lässt. Baßler zitiert zur Erklärung den Drehbuch-Guru Robert McKee: „Das Realistische macht das Unmögliche plausibel.“

Was diese Texte leicht lesbar mache, sei „das schon tausendmal Erprobte seiner sprachlichen Wendungen“ und aufgerufenen Situationen. Ein Verfahren, das heute so selbstverständlich ist, dass man sich kaum noch etwas anderes vorstellen kann. Als Beispiele nennt er die Bücher von Sebastian Fitzek, Martin Suter oder Frank Schätzing. International ist dieser Stil, weil er sich sehr leicht in jede beliebige Sprache übersetzen lässt. So seien die ersten Haruka-Murakami-Romane nicht aus dem japanischen Original ins Deutsche übersetzt worden, sondern nach der englischen Übersetzung. Und genau diese Eigenschaft macht diese Form der Literatur auch sehr leicht transmedial verwertbar als Verfilmung oder als Hörspiel.

Baßlers Vorwurf liegt auf der Hand: Neologismen, lokale Eigenheiten, Markennamen oder grammatische Freiheiten, wie sie etwa den Texten Arno Schmidts oder Wolf Haas eigen sind, sind im populären Realismus nicht vorstellbar. Daraus ergebe sich dann der Versuch, Texte mit Tiefe und Schwere über die bearbeiteten Inhalte auszustatten. Baßlers Standardbeispiel dafür ist Takis Würgers Roman „Stella“ oder auch Bernhard Schlinks „Der Vorleser“. Beides populär-realistische Kostümschinken-Romane, die ihrer seifenopernhaften Geschichten „Bedeutung“ und „Schwere“ verleihen, indem sie ihre Handlung vor dem Hintergrund des Dritten Reiches inszenieren. In Bezug auf Umberto Eco bezeichnet Baßler das als „Midcult“.

Das Buch

Moritz Baßler: Populärer Realismus. Vom International Style gegenwärtigen Erzählens. Beck, München 2022. 407 S., 24 Euro.

Baßler wirft Kritik und Fans vor, dass sie solche Bücher nicht nach literaturwissenschaftlichen Kriterien beurteilen, sondern nach ethischen. „Gute Literatur“ ist dann das, was das eigene Weltbild bestätigt. Was „gut“ und „böse“ ist, was „richtig“ und „falsch“ ist, steht von vornherein fest. Leserschaft, Autoren und Autorinnen bekräftigen sich gegenseitig darin, die Welt richtig zu sehen. Eine Kritik von „außen“ wird dann als Anmaßung empfunden.

Vielleicht muss man die Analyse des „Populären Realismus“ einordnen in Baßlers groß angelegten Versuch, ästhetische Orientierung nach der Postmoderne zu finden. In der mit Heinz Drügh zusammen verfassten „Gegenwartsästhetik“ versuchte Baßler bereits zusammenzufassen, was seiner Ansicht nach eine zeitgemäße Ästhetik ausmacht. In Anlehnung an den Literaturwissenschaftler Jochen Venus gelang ihm eine griffige Definition: Gegenwartsästhetische Phänomene sind kulturindustriell hergestellt, marktförmig rückgekoppelt mit einer Stilgemeinschaft, häufig seriell verfasst und spektakulär. Also eigentlich alles, was auf die Werke des populären Realismus zutrifft. Wo liegt also das Problem? Und genau an dieser Stelle liegt möglicherweise die Schwäche des Buches.

Die Chancen, so Baßler, stünden gut dafür, dass das Gut- und das Gerngelesene miteinander zu versöhnen seien. Wer Fitzek lesen könne, der könne auch Murakami oder Herrndorfs „Tschick“ lesen, und wer das lesen könne, der könne dann auch Leif Randt oder Mithu Sanyal lesen. Dazu aber sei es notwendig, einen Diskurs über Literatur zu führen, der die Blasen einzelner Stilgemeinschaften auflöse. Und das könnte laut Baßler die Aufgabe der Literaturwissenschaft sein.

Sein Versuch eine zeitgemäße literarische Ästhetik zu entwickeln, ist überzeugend, aber unentschlossen. Ist Midcult etwas Gutes oder Schlechtes, ist populärer Realismus richtig oder falsch? Aber vielleicht ist die Unentschlossenheit die metamoderne New Sincerity der Post-Postmoderne? Man weiß es nicht. Baßler jedenfalls wünscht sich mehr Autoren wie Leif Randt oder Wolf Haas, deren Schreibverfahren er als „paradigmatischen Realismus“ bezeichnet, der „paradigmatische Vergleiche und zukunftsoffene Reflexionen“ bietet.

Auch interessant

Kommentare