Goethehaus Frankfurt

Morgenländische Sonne

  • schließen

200 Jahre „West-östlicher Divan“: Das Goethehaus Frankfurt blickt auf den Hafis-Übersetzer Joseph von Hammer-Purgstall.

Vor 200 Jahren ist Goethes „West-östlicher Divan“ erschienen, zu dem sich vielerlei sagen lässt. Aber an dieser Stelle soll es um die Person gehen, die dem Dichter den Zugang zum Werk des (aus europäischer Sicht) mittelalterlichen persischen Kollegen Hafis eröffnete. Es mag, heute weiß man mehr darüber, Missverständnisse gegeben haben zwischen Hafis und dem sehr begeisterten Übersetzer Joseph von Hammer-Purgstall, vielleicht auch zwischen Hafis und Goethe und womöglich sogar zwischen Hammer-Purgstall und Goethe, die unterschiedlich auf den weinseligen Trinker bzw. die „mystische Zunge“ schauten.

Aber ein solches Hafis-Zitat steht bis heute wuchtig da, und zwar nicht, weil es um Alkohol, sondern weil es um Moralapostel geht: „Du frommer Mann, verlästre nicht die Trinker, /Man schreibt die fremden Sünden nicht auf dich./ Ich sei nun böse oder gut. Sei ruhig, / ein jeder erntet ein, was er gesät.“ Und ohne Hammer-Purgstalls Hafis-Übertragungen gäbe es den „West-östlichen Divan“ nicht. „Wie viel ich diesem würdigen Mann schuldig geworden, beweist mein Büchlein in allen seinen Theilen“, so der Autor dann gravitätisch und auch rhetorisch (denn der „Divan“ ist viel, aber ein Büchlein ist er nicht).

Das Goethehaus Frankfurt, im Grunde von Kopf bis Fuß mit dem entstehenden Romantikmuseum beschäftigt, hat zum Auftakt einer ausführlicheren Beschäftigung mit dem 1819 erstmals veröffentlichten Werk eine kleine Ausstellung aufgebaut, die es zusammen mit dem Universalmuseum Joanneum in Graz erarbeitet hat (für die Frankfurter war Bibliotheksleiter Joachim Seng beteiligt). In Graz nämlich kam 1774 der Reisende, Forscher, Hofdolmetscher und Diplomat Joseph von Hammer-Purgstall, damals noch Joseph Hammer, zur Welt. Bei Cotta veröffentlichte der Fernreisende seine Hafis-Übersetzungen, eine Initialzündung für Goethe.

Die Ausstellung „Brücken bauen“, die auf der einen Seite mit Schautafeln aus Graz arbeitet, auf der anderen in Vitrinen dazugehörige Originale zeigt, vermittelt nicht nur einen lebhaften Eindruck von dem nicht herkömmlichen Lebensweg Hammer-Purgstalls, sondern auch von einer Welt, die noch anders sortiert und orientiert war, uns gleichwohl bekannt vorkommen dürfte. Denn das Kind Joseph offenbarte bereits als Wiener Gymnasiast eine Sprachbegabung und lernte bald Türkisch, Persisch, Arabisch, Italienisch, Französisch, Latein und Griechisch. Englisch brauchten künftige Diplomaten offenbar nicht. Die Angst vor dem Islam hingegen erweist sich hier erneut nicht als Erfindung unserer Tage. Die Osmanen vor Wien waren in Österreich unvergessen (und blieben es, wie Operettenfreunde wissen), und doch sind die Gräuel, die hier in einem „illustrierten Türkenlied“ ausgebreitet werden, so ganz, ganz unwahrscheinlich. Pionier Hammer-Purgstall, der 1856 starb und 800 Veröffentlichungen hinterließ, stand indes für ein interessiertes, informiertes Westeuropa.

Frankfurter Goethe-Haus: bis 11. Juni.

www.goethehaus-frankfurt.de

Goethe sah die Vor- und Nachteile der ihm zur Verfügung stehenden Übersetzungen. Auch die Ausstellung zitiert seinen Hinweis zu einer Koran-Übersetzung (an der sich Hammer-Purgstall nicht versucht hat): „Wir wünschen, dass einmal eine andere unter morgenländischem Himmel von einem Deutschen verfertigt würde, der mit allem Dichter- und Prophetengefühl in seinem Zelte den Koran läse, und Ahndungsgeist genug hätte, das Ganze zu umfassen.“ Ein Satz, der noch mehr über Goethes hinreißend weltlichen Blick auf alles sagt als über den fiktiven Deutschen im Zelte.

Das völlig Unabgeschlossene des Themas findet glücklicherweise seine Fortsetzung in der eigentlichen „Divan“-Ausstellung, die am 21. August beginnt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion