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Mord im Kurort

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Drehbuch einer Schauerromanze: Rudolf Lorenzens "Bad Walden"

Von ULRICH RÜDENAUER

Die Leser sollten sich vom harmlosen Titel nicht täuschen lassen: "Bad Walden" ist kein beschaulicher Kurort, an dem man sich von Alltagsmissmut oder Körperpein erholen kann; hier lauert das Schreckliche und Bedrohliche auf jedem Waldpfad und in jeder Ferienwohnung. Im Untertitel kommt auch schon der Wink mit Goyas Pinsel: "El sueno de la razón produce monstruos".

Ob es nun der Schlaf oder Traum der Vernunft ist, der Ungeheuer gebiert - in die Sphäre des Irrationalen gerät das ungleiche Paar in Rudolf Lorenzens Roman gleich zu Beginn: Der Urlaub ist zur Unzufriedenheit der jungen Gattin des schon etwas gesetzteren Frankfurter Kunsthändlers Claus Jordan überstanden; man verband die Reise mit allerlei Geschäftsterminen, statt ordentlich dem Müßiggang zu frönen.

Selbst im Autoradio läuft auf der Rückfahrt in den bürgerlichen Alltag kein entspannendes Musikprogramm, sondern ein kunsthistorisches Feature: "Aber es ist keine Phantasie des Übermuts, der heiteren Schrullen, es ist die Vision der Fäulnis. Die abendländische Kunst…".

Um wenigstens noch zwei schöne Tage zu verbringen, macht das Paar einen Abstecher nach Bad Walden - der Ort liegt am Wegesrand und verspricht Ruhe und Erholung. Die Leser sind bei solch deutlichen Zeichen, die aus dem Äther schallen, gewarnt; Susanne und Claus Jordan hingegen brauchen noch ein Weilchen, um ihren Fehler zu begreifen.

Bad Walden macht ihnen dann klar, wie leicht man vom geordneten Weg abkommen kann: Die Bedienung des Restaurants "Kurgarten" verschwindet plötzlich, man logiert in einer schäbigen Pension, das Wandergebiet birgt tödliche Geheimnisse, und die Menschen benehmen sich reichlich merkwürdig.

Was sich zunächst entwickelt, ist ein düsteres, schauerromantisches Szenario, das schließlich in einen veritablen Kriminalfall übergeht. Und hier liegt auch das Problem dieses 1981 erstmals unter dem Titel "Grüße aus Bad Walden - Mord auf Super 8" veröffentlichten und nun vom Autor stark überarbeiteten Romans: Wo Spannung, Beunruhigung, Dunkelheit unergründlich sind und die Stimmung zwischen Angst und Ironie schwankt, wird man unversehens hineingezogen.

Sobald wir aber einem zugegeben interessanten "Mordfall" auf die Spur kommen, wird daraus ein Fernsehkrimi - und aus dem ist das Buch ursprünglich auch hervorgegangen.

Gleichwohl: Die fast vergessenen Werke des Schriftstellers und Drehbuchautors Rudolf Lorenzen, der 1922 in Lübeck geboren wurde, sind jetzt vom Berliner Verbrecher Verlag neu aufgelegt worden, und sie lohnen die Wiederentdeckung.

Vor allem Lorenzens Roman "Alles andere als ein Held" ist ein imposantes Zeitbild der fünfziger Jahre aus der Angestelltenperspektive. Und wie er in "Bad Walden" das wohlgesetzte bürgerliche Dasein seiner Protagonisten aus den Angeln hebt, ist ebenfalls von großem Scharfsinn und stilistischer Prägnanz.

Trotzdem können die Kapitelüberschriften (1. bis 27. Pein) und die vielen Goya-Zitate in "Bad Walden" nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Ungeheuerliche hier nicht bis ins Absurde ausgespielt, sondern den Gesetzen des Genres gehorchend schließlich auf einen profanen Plot heruntergebrochen wird.

Rudolf Lorenzen:

Bad Walden oder

El Sueno De La Razón Produce Monstruos. Verbrecher Verlag,

Berlin 2008, 234 S., 22,90 Euro.

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