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Mord mit heilendem Ausblick

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Ganz cozy: Idylle mit Pferden in Südengland.
Ganz cozy: Idylle mit Pferden in Südengland. © REUTERS

Wer es lieber ein bisschen freundlicher hat: James Runcies neuer Krimi um einen priesterlichen Amateurermittler ist ein klassischer „Cozy“.

Von Susanne Lenz

In vielen erfolgreichen Krimis geht es ziemlich bestialisch zu. Es wird gefoltert, bei lebendigem Leib gehäutet, lebendig begraben. Nicht so in diesem Beispiel für eine Untergruppe des Kriminalromans. „Der Schatten des Todes“ von James Runcie ist ein sogenannter Cozy, und da gibt es weder Psychopathen noch Serienmörder. Cozy bedeutet gemütlich, und wirklich handelt es sich um eine sanftere und – wenn man das in diesem Fall sagen kann – unschuldigere Form des Krimis. Leser mit einem Hang zum Blutrünstigen würden hier enttäuscht.

Bei dem Ermittler handelt es sich cozyüblich um einen Amateur. Sidney Chambers ist Priester, ein Junggeselle in den Dreißigern mit rührend bescheidenen romantischen Ambitionen. Er ist für eine Gemeinde im Dorf Grantchester nicht weit von London zuständig. Man spricht ihn bei sich alsbald mit seinem Vornamen an, so grundsympathisch ist einem dieser Mann.

In sechs Fällen ist unser Held als Detektiv gefragt. Einmal geht es um einen Verlobungsring, der – kaum überreicht –, bei einer Silvesterparty verschwindet, dann um einen Mord in einem Jazzclub und um einen gefälschten Holbein. Mit einem wohligen Seufzer lässt man sich in einen Sessel sinken und verfolgt, wie Sidney die Welt wieder in Ordnung bringt.

Er muss misstrauisch sein

Rührend wie ihn das Menschenbild plagt, das seine Nebentätigkeit von ihm verlangt. Er muss misstrauisch sein, die Menschen gering achten, ihre Motive infrage stellen. Das entspricht weder seinem Wesen, noch seinem Glauben. „Statt über kriminelle Machenschaften sollte ich lieber über die Menschwerdung Christi nachdenken“, denkt er. Im Grunde ist es sein Inneres, das den Ermittlungen Spannung gibt.

Elegant schildert Autor James Runcie die südenglische Landschaft mit ihren „heilenden Ausblicken“. Charmant spielt er damit, dass die Geschichten in den 50er Jahren angesiedelt sind. Einmal berichtet man Sidney von einem merkwürdigen Konzert: Der Künstler habe sich ans Klavier gesetzt und nichts getan. Die Zuschauer hätten gehüstelt und gebrabbelt. Wenn es sich dabei nicht mal um einen Auftritt von John Cage handelt.

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