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Zu süß, um wahr zu sein?
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Zu süß, um wahr zu sein?

Sachbuch

Moralischer Schwindel

  • VonChristian Schlüter
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Der amerikanische Philosoph Michael J. Sandel und sein "Plädoyer gegen die Perfektion".

Michael J. Sandel macht seinem Leser keine langen Umstände und kommt gleich zur Sache: "Wenn die Wissenschaft sich schneller entwickelt als unser moralisches Verstehen, wie das heute der Fall ist, tun sich die Menschen schwer, ihre Beunruhigung in Worte zu fassen. In liberalen Gesellschaften greifen sie zunächst nach der Sprache der Autonomie, der Fairness und der Individualrechte. Aber dieser Teil des moralischen Vokabulars reicht nicht aus, um die schwierigsten der Fragen in Bezug auf Klonen, Designer-Kinder und genetische Zurichtung anzugehen. Genau deshalb hat die genetische Revolution eine Art moralischen Schwindel erzeugt."

Damit hat der Professor für politische Philosophie an der Harvard Universität in nur wenigen Worten die Fragestellung seines Buches "Plädoyer gegen die Perfektion" umrissen. Dieser klare Anfang weckt Erwartungen, die allerdings auf keiner der nun folgenden Seiten enttäuscht werden. Was für ein grandioser Essay! Sandel will nicht einfach die seit den Diskussionen um die Folgen der Bio- und Gentechnologien hinlänglich bekannten Argumente einer erneuten Prüfung unterziehen. Ihm geht es vielmehr darum, den argumentativen Gehalt der allerorten zu spürenden und begrifflich nur schwer zu fassenden moralischen Beunruhigung zu ergründen.

Dass einem Philosophen ein solches Vorhaben gelingt - frei von aller Geschwätzigkeit, dafür randvoll mit anschaulichen Beispielen und, wenn notwendig, präzisen Argumenten -, darf wohl als beste angelsächsische Tradition bezeichnet werden. Dabei bevorzugt Sandel kluge Differenzierungen. So unterscheidet er gleich zu Beginn zwischen dem therapeutischen Sinn und dem optimierenden Zweck der Gentechnologie. Denn nur auf diese Weise lässt sich der "moralische Schwindel" auf den Begriff bringen: Einerseits lockt die Hoffnung, heimtückische Krankheiten zu heilen, andererseits droht die Gefahr, willfährige Zombies zu züchten.

Keine Alles-oder-nichts-Ethik

Moralisch interessant ist nun allerdings, was zwischen solchen Extremen geschieht. Wenn zum Beispiel gentherapeutische Maßnahmen einem Sportler helfen könnten, einen Muskelfaserriss zu kurieren, würde das Sandel durchaus begrüßen - er vertritt hier keine "Alles-oder-nichts-Ethik". Doch ab wann und warum, so fragt er weiter, würden wir uns im Falle des Sportlers stören? Genau dann, wenn er über seine Heilung hinaus Muskelaufbau betreibt und sich gegenüber seinen nicht-optimierten Konkurrenten einen Vorteil verschafft. Der Einwand gegen den genetisch optimierten Athleten scheint eindeutig: Er handelt unsportlich und also unfair. Doch Sandels Pointe lautet anders. Er lässt das Fairness-Argument nicht gelten, denn schließlich "ist es immer schon so gewesen, dass einige Athleten eine bessere genetische Ausstattung haben als andere".

Zwar wird der sportliche Erfolg gerne auf die Tugenden des Eifers und des Fleißes zurückgeführt, doch beim Sport, so Sandel, geht es nicht allein um Mühe, sondern ebenso um "natürliche Talente und Gaben, die kein Tun des Athleten sind, der sie besitzt". Sie zu vernachlässigen, setzt einseitig auf das Leistungsprinzip, das gerade auch in demokratischen Gesellschaften mit ihrer egalitären und säkularen Ausrichtung unerbittlich herrscht.

Talent ist eine Zumutung. Wir wollen glauben, dass wir den Erfolg verdienen und nicht ererben. Dabei ist der Sport für Sandel nur ein Beispiel unter vielen: Optimiert wird mittlerweile alles, unsere Kinder, deren Größe, Geschlecht und Charakter, unsere Launen und Stimmungen, unsere Gesundheit, unser Gedächtnis, unsere Haustiere… Dass eine gentechnologisch beschleunigte TotalEugenisierung des Gesellschaftskörpers zudem besonders einträgliche Geschäfte verspricht, versteht sich von selbst. Die eugenische Zurichtung erscheint heute nicht mehr als Zwang, sondern als verlockendes Angebot, das anzunehmen jedem frei steht.

Was wir hier verlieren, nennt Michael J. Sandel die "Demut für das Leben als Gabe" und die "Wertschätzung der geschenkten Natur menschlicher Fähigkeiten und Erfolge". Der Befund ist nicht ohne religiöse Implikationen, doch weist der Philosoph mit seinem Credo von der "Offenheit für das Unerbetene" weit darüber hinaus: Mit dem genetischen Zufall würde nämlich auch jene Unbestimmtheit verschwinden, die allein die Freiheit des Menschen begründet.

Eugenische wie überhaupt sämtliche Machbarkeitsimperative sind ihrem Wesen nach, selbst dort, wo sie dem "unverfänglichen" Prinzip von Angebot und Nachfrage zu folgen scheinen, immer totalitär.

Der Mensch ist nur frei und hat seine Würde nur in Hinblick auf das ihm Unverfügbare, mag es nun Gott, Natur oder Zufall heißen; wer sich das ersparen zu können glaubt, verliert sich selbst. Zu dieser Einsicht gelangt Sandel, gerade weil er der eugenisch-gentechnolgischen Optimierung nur in ihren besten Argumenten, gewissermaßen auf Augenhöhe begegnet: Als Mitglied des President's Council on Bioethics, der von George W. Bush berufenen nationalen Ethikkommission, weiß er, wovon er spricht. Das nötigt sogar Jürgen Habermas in seinem kurzen Vorwort Respekt ab - und die Erwägung, den eigenen Standpunkt noch einmal zu überdenken.

Michael J. Sandel: Plädoyer gegen die Perfektion. A. d. Engl. v. Rudolf Teuwsen, Berlin University Press, Berlin 2008, 175 Seiten, 24,90 Euro.

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