+
Günter Kunert in seinem Haus in Kaisborstel, Schleswig-Holstein.

Günter Kunert

Montaigne vom Nachttisch geräumt

  • schließen

Günter Kunerts Roman „Die zweite Frau“ erscheint zum 90. Geburtstag mit der Verspätung eines halben Lebens.

Ein liegen gelassenes, aber jetzt saniertes Buch. „Die zweite Frau“ ist der zweite Roman Günter Kunerts, er erscheint zu dessen neunzigstem Geburtstag und ist ein halbes Leben alt.

Kunert gehört als Lyriker, Erzähler und Essayist zu den literarischen Stimmgebern seiner Generation. Seine Bibliografie weist gut 160 Titel aus, aber bisher nur einen einzigen Roman: „Im Namen der Hüte“, der Schelmenstreich zum Nachkriegsberlin, erschien 1967 in München. Als man ihn dann mit neunjähriger Verspätung in Ostberlin auflegte, lag „Die zweite Frau“ schon bereit. Wie es jetzt heißt, wurde dieser Roman 1974/75 geschrieben, sei aber „politisch unmöglich“, in der DDR „absolut undruckbar“ gewesen.

Er fiel in eine Zeit, als das Gängelband der Staatsmacht nach kurzem Tauwetter sich wieder straffte. Wie anderen Erstunterzeichnern der Petition gegen die Biermann-Ausbürgerung wurden auch Kunert die Instrumente gezeigt. Das machte das Maß voll, im Herbst 1979 kam der Dichter in den Westen.

Ein Rätsel bleibt, warum „Die zweite Frau“ nicht sofort in München erschien. „In einer Truhe“ verkramt. Hoppla!

Aber dieses Buch hat einen langen Atem, man reibt sich die Augen. Vergangenheit ist plötzlich nicht etwas, das hinter uns liegt, sondern etwas, zu dem wir gelangen: zur DDR der Siebzigerjahre mit dem Wissen der Archäologie. Wie die Totengräber erzählen die Archäologen die besten Witze weit und breit. Kunert lässt sich keine Szene entgehen. Auf Wirkung zu verzichten wäre ja Selbstzensur. Er verlacht alles, stimmgewaltig wie sonst nur Adolf Endler: die ungestillte Selbstbestimmung, die ungesättigten Bedürfnisse, das mächtige Gähnen. Aber gegen die marxistisch durchsäuerte Begriffswelt steht die Chuzpe der Straße. Pragmatismus im schlauen Manchmal-Schaffen.

Der Archäologe Barthold und seine Frau Margarete Helene haben sich ihr Leben zurechtgelegt, beide wollen das Beste, aber es kommt irgendwie anders. Man kann nicht erwarten, dass gute Absichten unverändert positive Folgen zeitigen. Die Ehesituation ist so normal wie fatal, aber nicht darin liegt die Pointe. Nicht Eifersucht oder ein extravagantes Geburtstagsgeschenk bringen die Katastrophe, sondern Montaigne.

Durch das Labyrinth sozialistischer Unausweichlichkeiten schlägt sich ein Barthold mit Schwejk’scher List. Wenn der politische Wind sich dreht, schützt den Archäologen der Beruf: „Vergangenheit, an der nichts zu bewältigen war, fern und tot und unerweckbar.“ Als Notwehr gegen verrinnende Lebenszeit wird landesüblich auf Krankschreibung gesetzt: „Vegetative Dystonie.“

Auch in der Ehe schafft er sich Schutzräume, Montaignes „Essays“ bieten das Ideengeländer in der Alltagsartistik. Immer am Rand zur Häresie, aber eben nur am Rand. Das sagt sich so daher. Gattin Margarete fühlt sich von wildbachähnlichen Zitatwellen überschwemmt: „Macht dich das glücklich, dass einer für dich alles vorgedacht und vorgekaut hat …?“

Aber das umfriedete Paradies ist nicht nur intellektuell gefährdet. Margarete entdeckt Indizien, die auf eine andere Frau deuten: ein verblichenes Mieder, eine verräterische Postkarte. Eine „Elfi“. Eifersucht – die Not, die aus der eigenen Vorstellung erwächst. Die Sache wird ernster, als beim Graben Knochen gefunden werden. Der Boden wankt. Lebhafte Verwirrungen. Auch in einer ummauerten Gesellschaft gibt es nicht nur die Strenge des Staates.

Barthold will mit einem Geschenk zu Margaretes vierzigstem Geburtstag Signale setzen. Aber die Geschäfte bieten Untaugliches oder Mangel, weil zu viel „in den Westen verkauft“ wird. Bleibt nur die Schattenwelt, koste es, was es wolle. Und es kostet: vier Marx-Köpfe für ein Fugger-Konterfei. Ein Ring kann dafür erstanden werden. Aber im Intershop, diesem streng überwachten Wildwuchs, fällt Barthold auf mit dem Montaigne-Satz, „gerade das Gegenteil von dem zu tun, was gewöhnlich verordnet wird …“

Am Geburtstag steht ein junger Mann mit dem Gesicht einer Kartoffel vor der Tür: „Sie können mich Müller nennen!“ Weder der illegale Geldtausch noch der Knochenfund bestimmen das Verhör, sondern Montaigne – allerdings in der Umschrift der Horcher: „Und zwar heißt der Ausländer Mohnteine“ oder „Mondäne“. Ungesetzliche Kontaktaufnahme. „Seit vierhundert Jahren tot.“ Was sich leicht beweisen ließe, wenn nicht Margarete in ihrer Wut Montaignes „Essays“ vom Nachttisch geräumt hätte. Weggeworfen!

Alles läuft auf ein unbestimmtes Ende zu. Doch ergeben wird Barthold sich nicht, ein Archäologe gräbt sich davon. Ein Tunnel wird nicht entdeckt, die Stasi tappt im Dunklen. Fast zeitgleich zu diesem Roman hat Kunert in seinem Hörspiel „Ein anderer K“ preußische Spitzel zur Kleistzeit persifliert. Ein vertrautes Sujet und weit verständlich.

Der Kontext scheint auch fünfundvierzig Jahre später so allgemein und klar zu sein, dass er zeitlich nachgesetzter Erklärungen nicht bedarf. Das Lachen des Lesers erspart alle nachtragbare Empörung. Die fabeltragenden Einfälle sind filmisch, wie auch ihre Überblendungen, die inneren Monologe der Protagonisten literarisch. Das lässt sich anschauen wie ein alter, gut gemachter Film. Spielfilmlänge wird nicht überschritten. Und wie Hitchcock in seinen Filmen, huscht auch Kunert durchs Bild. Heute feiert er seinen Geburtstag.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion