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Monster im Spiegel

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Ein großer Erzähler vor dem Herrn: Blaise Cendrars (1887-1961).
Ein großer Erzähler vor dem Herrn: Blaise Cendrars (1887-1961). © IBL Bildbyrå / Heritage Images/ Picture Alliance

Muss man Blaise Cendrars’ Roman „Moravagine“ lesen? Unbedingt, sagt der Schriftsteller Oleg Jurjew: Das Buch ist einer der wichtigsten Spiegel, die der Europäer von heute vor die Augen bekommen kann.

Von Oleg Jurjew

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Der 1887 in La Chaux-de-Fonds, Kanton Neuenburg, als Frédéric-Louis Sauser geborene und im Januar 1961 in Paris als Blaise Cendrars gestorbene Dichter, Romancier und Filmemacher ist viel in Asien, Afrika und Amerika gereist, gehörte zur aufregendsten Pariser Avantgarde der 1910er Jahre, kämpfte freiwillig im Ersten Weltkrieg für seine Wahlheimat Frankreich und verlor dabei einen Arm.

16-jährig schlug er sich in Petersburg als Gehilfe eines Schweizer Juweliers durch, ausgerechnet zur Zeit der ersten russischen Revolution von 1905-07, in deren Geschehnisse er angeblich verwickelt war. Sogar verhaftet wurde er, weil er von einer Revolutionärin in ein observiertes Vororthaus mitgeschleppt worden war. Danach musste er Russland verlassen. Wieder in der Schweiz, bekam er Nachricht vom schrecklichen Tod seiner russischen Geliebten, die bei einem nächtlichen Unfall mit Öllampe im Bett bei lebendigem Leibe verbrannt war. Erschüttert schrieb der Junge sein erstes Poem, die „Legende von Nowgorod“: Man raubte mir meine Helena, und mein Troja ist zu Asche geworden. Daher der Künstlername Cendrars, der Aschene.

Nach seinen etwas widersprüchlichen Angaben (er war ein großer Erzähler vor dem Herrn) hatte Cendrars das Manuskript seinem väterlichen Freund, einem Bibliothekar der Kaiserlichen Öffentlichen Bibliothek, nach Sankt Petersburg geschickt – dem Menschen, der den Schweizerbuben zum Gedichte-Schreiben verleitet hatte (u. a. dadurch, dass er ihm eine uralte Ausgabe von François Villon zu lesen gegeben hatte). Der Bibliothekar übersetzte das Poem ins Russische und publizierte seine Übersetzung in einer Auflage von 14 Exemplaren. Kurz darauf starb er, die vierzehn Bücher und das Originalmanuskript sind verschollen...

So hört sich „Legende von Nowgorod“ an: „Oh diese weißen Nächte von Petersburg, / sie sind wie der Glanz der weißen Felder in meinem Gedächtnis. / Mitternachts gehen die Brücken auseinander, wie Türe aus Stein, die zum Himmel führen, oder aus der Hölle ... / Aber wer herein kam und wer hinaus, wusste ich damals noch nicht, / auch heute ähnelt mein Gedächtnis einer weißen Nacht, / denn man raubte mir meine Helena, / und mein Troja ist zu Asche geworden ...“

Das 1995 in Sofia aufgetauchte Exemplar ging (angeblich für 50 000 Dollar) an einen anonymen Sammler, der französische Text wurde in mühsamer Arbeit von einer Gruppe von Enthusiasten „wiederhergestellt“ und, zusammen mit der russischen Fassung, veröffentlicht.

Die meisten Forscher sind fest davon überzeugt, dass „Legende von Nowgorod“ eine Fälschung ist, spätestens seit „Le Figaro littéraire“ diesem Standpunkt vor einigen Jahren ein ausführliches Dossier widmete. Der talentiert arrangierte Skandal machte den Abenteurer und Dichter Cendrars in all seiner menschlichen und literarischen Widersprüchlichkeit wieder gegenwärtig – zumindest in Russland, wo seine Poesie begann, und in Frankreich, wo sie endete. Und jetzt auch im deutschen Sprachraum, hauptsächlich dank dem in der Anderen Bibliothek erschienenen „Monsterroman“ „Moravagine“.

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Moravagine, der gerne Frauen aufschlitzt, ist der letzte Nachfahre der ungarischen Könige. Zu deutsch würde ich wagen, diesen Namen als Fotzentodt zu übersetzen. Der Erzähler, der aufstrebende Psychiater Raymond la Science (keine Übersetzung vonnöten) wird von der Irrenanstalt Weißensee engagiert, wo er Moravagine kennenlernt, sich mit ihm anfreundet und ihm zur Flucht verhilft.

Der Leser erfährt von Moravagines Kindheit in der Isolation (Wien hat Angst vor dem blaublütigen Kind), seiner Frühheirat mit einem adligen Mädchen, das er später, als er erfährt, dass sie ihn verlassen wird, tötet, seiner Festungshaft und der Unterbringung in der Anstalt. Der Weg führt die beiden über Berlin (wo Moravagine massenhaft Frauen tötet) nach Russland.

Das ist die Zeit, die Cendrars selbst in Russland erlebte, eine Zeit von Terror und allseitiger Brutalität. Statt eine Frau will Moravagine ein ganzes Land aufschlitzen – Freunde bereiten einen kolossalen Terrorakt vor, der fehlschlägt, weil der Verrat ebenfalls ein Faszinosum für das „Monster“ darstellt. Sie fliehen. In Russland bleibt der aufgeschlitzte, mit dem herausgefallenen Fötus aufgehängte Körper von Moravagines Geliebter, der Terroristin Mascha, zurück.

In den USA freunden sie sich mit dem Riesenaffen Olympio an, unter den Orinoko-Indianern wird Moravagine zum Gott und La Science zum Zauberer usw. usf. In Paris lernen sie einen Erfinder kennen, dessen Assistent Blaise Cendrars heißt.

Der Erste Weltkrieg, Moravagine wird Flieger, Raymond la Science Infanterist. Dieser verliert ein Bein und sieht im Spital Cendrars wieder, der einen Arm verloren hat. Moravagine stirbt in einer neurologischen Klinik und vermacht dem Freund seine Handschriften mit Zukunftsvisionen bis 2013 (ein neunundneunzigjähriger Krieg, die Mars-Eroberung usw.).

Die Figur Moravagine kam 1912 zu Cendrars. Fünf Jahre lang hat er über sie nachgedacht und fing erst 1917 an zu schreiben. Der Leser muss deutlich verstehen: Es geht nicht um das Psychogramm eines Psychopathen (wie vordergründig in Handkes Erzählung „Die Angst des Tormanns vor dem Elfmeter“) – mit den Mitteln eines Abenteuer- und Schauerromans breitet Cendrars ein Bild der europäischen Menschheit in der ausgehenden Moderne aus.

Am Ende des 19. Jahrhunderts, als das Leben dank dem technischen Fortschritt und dem durch die Ausbeutung und Plünderung anderer Kontinente angehäuften Reichtum bescheiden-komfortabel wurde (selbstredend nicht für alle, aber für so viele wie nie zuvor), verwandelte sich Europa in einen Lustpsychopathen, der nur das will, was für Geld nicht zu bekommen wäre – Frauen aufschlitzen, fremde Länder zerstören, einen Weltkrieg anzetteln.

Der junge Wissenschaftler beobachtet die Taten des adeligen Monsters und nimmt willig an ihnen teil (ohne merklichen Lustfaktor): Ist das nicht ein Bild der Vereinigung des „neuen Europas“, des Europas der Wissenschaft und des Fortschritts, mit dem alten „Europa der Cäsaren“ (Ausdruck von Ossip Mandelstam), welche wir am schmerzlichsten im Zweiten Weltkrieg und in der industriellen Menschenvernichtung erlebten?

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Ist dieser Roman ein Meisterwerk? Eigentlich nicht. Der Bau ist etwas hölzern, die Sujetsprünge etwas unvermittelt, der Text ist nicht so glänzend, wie zu hoffen wäre (die Politik der Anderen Bibliothek, alte Übersetzungen auszugraben, ist nicht immer so erfolgreich wie im Falle von „Menschen des XVIII. Jahrhunderts“ von Sainte-Beuve in der Übersetzung von Ida Overbeck, der Ehefrau von Friedrich Nietzsches Basler Kollegen Professor Franz Overbeck).

Kann man diesen Roman lesen? Trotz der etwas schlappen und quasi neutralen Sprache – ja. Der Leser, der sich zu unwahrscheinlichen Abenteuern und Figuren jenseits bürgerlicher Norm hingezogen fühlt, kommt gewiss auf seine Kosten und wird, dank der gewollten Entemotionalisierung der Sprache, von den Gräueltaten nicht geschockt.

Muss man „Moravagine“ lesen? Unbedingt, ich bestehe sogar darauf! Das ist einer der wichtigsten Spiegel, die der Europäer von heute vor die Augen bekommen kann.

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