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Mal nähert sich Russland Europa an, dann entfernt es sich wieder davon, sagt die Schriftstellerin.
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Mal nähert sich Russland Europa an, dann entfernt es sich wieder davon, sagt die Schriftstellerin.

Russland

Das monokulturelle Russland

"Habt keine Angst, in der Minderheit zu sein!": Die Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja spricht im FR-Interview über ihre Sorge vor dem neuen russischen Nationalismus, über den heiligen Müll der Vergangenheit und über den Ring ihrer Großmutter.

Von Inna Hartwich

Frau Ulitzkaja, in „Die Kehrseite des Himmels“ gibt es nur Sie, Ihre Gedanken, Gefühle, Ängste. Warum ein so persönliches Buch?
Es gab ein besonderes Ereignis in meinem Leben: meine Krebs-Erkrankung. Da fast alle in meiner Familie an Krebs gestorben waren, dachte ich, meine Stunde sei gekommen. Man fängt also an, sein Leben Revue passieren zu lassen. Nun sind fünf Jahre vergangen, ich bin, zumindest zum jetzigen Zeitpunkt, gesund. Ich hatte gar nicht geplant, noch einen so großen, so glücklichen Happen vom Leben abzubekommen. Es ist mein letztes Buch geworden, eine Zusammenfassung meines Lebens. Alles, was danach entstanden ist und entsteht, sind sozusagen meine vorletzten Werke.

In der russischen Version heißt Ihr Buch „Heiliger Müll“. Was ist das für ein Müll?
Ich bin eine große Anhängerin der materiellen Welt. Dinge wie zum Beispiel das Gläschen meiner Großmutter, in dem sie ihre Haarnadeln aufbewahrte, oder die zusammengeklebte, henkellose Tasse meines Urgroßvaters, wo er die Zahnrädchen für Uhren lagerte, Sachen also, die sie berührten, die sie ihr Leben lang begleitet haben, waren für mich immer sehr wertvoll. Dann kam der Tag, an dem ich verstand, dass diese Fülle an kaputtem Kram mich ermüdet. Bei meinem siebten Umzug habe ich alle diese Reliquien in eine Kiste gepackt und sie auf den Müll gebracht. Das Erstaunliche ist, dass ich sie doch nicht wegwerfen konnte. Sie landeten zwar im Abfall, aber sie blieben in meinem Gedächtnis. Es ist unmöglich, sich davon loszureißen.

Sie tragen diesen Müll also mit sich.
Ja. Letztens wurde ich von zwei Studentinnen über Spielzeug befragt. Ich konnte ihnen sogleich ein Hündchen hervorholen. Dieses Spielzeug kam einst im Krieg mit den amerikanischen Hilfspaketen zu uns. Mit diesem Hündchen habe ich gespielt, haben meine Söhne gespielt, nun spielen damit meine Enkel. Dieses Hündchen hat meinen Aufräumfuror überlebt. Es wird wohl auch mich überleben. Es ist ein Zwiespalt: Einerseits will man diese materiellen Zeugen behalten, andererseits weiß man, dass sie dein Leben, deine Gedanken verstopfen. Dieser heilige Müll ist etwas, von dem wir uns nicht befreien können. Dieser Müll schafft die Aura unseres Lebens, egal, ob wir diese Sachen physisch bei uns haben oder sie längst weggeworfen haben. Jeder hat einen solchen wertvollen Müll, denn er formt die Persönlichkeit.

Sie erkunden gern die Abgründe der russischen Gesellschaft, von einer Strafkolonie für Jugendliche bis zu einem Platz, wo zu Zeiten des Sowjetregimes Menschen erschossen wurden. In was für einem Land leben Sie eigentlich?
Es sind viele Länder. Es gibt so viele Wendungen. So viele Sichtweisen. Mich haben immer die Ränder dieser „Länder“ interessiert. Die Menschen im Schatten, die unbedeutend sind, die kleinen Leute. Sie fallen den Mächtigen kaum auf. Für mich aber sind das interessantere Menschen, weil sie den Versuchungen der Macht trotzen. Es sind Menschen, die innerlich frei und unabhängig sind. Denn diejenigen, die nach Größe streben, nach einem wie auch immer gearteten Stück Macht, verändern stark ihr Verhalten. Ja, ihr Verhalten wird durch die harten politischen Gesetze entstellt. Die aber, die in der Minderheit bleiben, entpuppten sich als menschlicher und vielfältiger. Seit meiner ersten Erzählung schreibe ich über diese kleinen Leute, was ja Tradition hat in der russischen Literatur. Schon Gogol und Dostojewski beschäftigten sich mit ihnen. Noch heute gibt es solche „Akaki Akakijewitschs“ in unserem Land.

Einem Land, für das Sie sich schämen, dessen aggressive Unbildung, Nationalismus und imperiale Großmachtsucht Sie anprangern. Warum sagen Sie Europa „Leb wohl“?
Das ist historisch zu sehen: Mal nähert sich Russland Europa an, dann entfernt es sich wieder davon. Es birgt, vor allem wenn es sich von Europa abwendet, eine große Gefahr in sich. Heute heißt diese Suche nach östlicher Identität „Russische Welt“, man kultiviert sie mit Hilfe des Nationalismus, der sogenannten Selbst-Vergötterung. Der russische Philosoph Wladimir Solowjow schrieb bereits im 19. Jahrhundert darüber: Von der Selbst-Erniedrigung gehe es zur Selbst-Achtung bis hin zur Selbst-Überhöhung. Diese Selbst-Überhöhung, so meinte Solowjow, führe zum Tod der nationalen Kultur. Seine damaligen Worte beschreiben recht genau die heutige Situation in Russland. Es verwandelt sich von einem Land vieler Kulturen in ein monokulturelles Land. Mit einer nationalen Idee nach dem Motto: Wir können alles selbst. Ich finde das wahnsinnig erschreckend, denn es entsteht eine in jeglicher Hinsicht gefährliche Isolation.

Große Sorgen treiben Sie um.
Nicht einmal vor 25 Jahren haben die meisten von uns Europa mit den eigenen Augen gesehen. Vorher ging es ja nicht, der Eiserne Vorhang erlaubte keine Reisen. Es sieht einiges danach aus, dass dieser Vorhang wieder heruntergelassen wird. Das ist traurig. Sehr traurig. Unfassbar traurig. (Sekundenlang ist sie still.) Viele ziehen weg. Vor allem solche, die noch etwas bewegen könnten in Russland. Es wird bald niemanden mehr geben, der am Aufbau des Landes mitwirken könnte.

Und dann?
Ich habe eine so dunkle Vorstellung von der Zukunft meines Landes, dass ich es gar nicht wagen will, sie hier auszubreiten. Geht man von der Logik dessen aus, was heute bei uns passiert, kann man nichts Gutes erwarten.

Einige Kommentatoren im Land bezichtigen Sie des Hasses auf Russland, schlagen Ihnen wegen solcher Kritik vor, nicht mehr auf Russisch zu schreiben. Ist ein Dialog in einer solchen Atmosphäre noch möglich?
Ich halte mich immer noch an den Möglichkeiten des Dialogs fest. Ich trete in Schulen auf, in Buchläden und wiederhole mein Mantra: Bildung und Kultur sind das Wichtigste. Ich habe immer noch die vage Hoffnung, dass Bildung und Kultur irgendwie das Bewusstsein verändern könnten. Allerdings ist es sehr schwer, gegen den heutigen übergroßen Druck der gesteuerten Massenmedien auf das menschliche Hirn anzukämpfen. Seit acht Jahren gebe ich eine Kinderbuchreihe heraus, die sich mit dem „anderen“ beschäftigt, mit unterschiedlicher Wahrnehmung anderer Völker und ihrer Kultur. Am letzten Buch sitzen wir seit bald drei Jahren, es entpuppte sich als das schwierigste von allen. Es geht um das Thema Aggression. Wenn man das andere kennt, wird man weicher, in seinem Ärger, seinem Misstrauen, seinem Hass. Aber die Hoffnung, dass ich zusammen mit meinen Gleichgesinnten in diesem Kampf für „das andere“ etwas erreiche, ist momentan sehr klein.

Empfinden Sie Druck von außen?
Ich war ja nie im Staatsdienst beschäftigt. Außer einem dreijährigen Intermezzo in einem jüdischen Theater, wobei man das nicht wirklich staatlich nennen kann. Meine Unabhängigkeit war mir immer heilig. Ich habe den Staat nie um etwas gebeten, der Staat hat mir auch nie etwas gegeben. Ich will auch jetzt keine Unannehmlichkeiten mit dem Staat haben. Wir leben beide nebeneinander her und tun so, als ob wir einander nicht bemerken würden.

Sie waren zehn, als Stalin starb, Ihre Großväter waren im Gulag. Wie bewerten Sie die Versuche der russischen Führung, Stalin zu rehabilitieren?
Das ist eine schreckliche Perspektive. Ein Schritt zurück, dabei aber nicht in die Zeit der Sowjetunion, die man nicht mehr herstellen kann, sondern in so eine Art neue Form, die äußerst abscheuliche Seiten des Stalinismus enthalten wird. Ich kann mich sehr gut an den Todestag Stalins erinnern. Man hat uns in der Schulaula versammelt. Alle waren verheult, Schüler, Lehrer, der Direktor. Nur ich weinte nicht. Es ist doch nicht der eigene Großvater oder die eigene Großmutter, dachte ich, warum weinen sie denn? Ich stand da und fühlte mich unbehaglich. Ich wollte ja dieses allgemeine Gefühl teilen und konnte es nicht.

Wie hat Sie diese Empfindung geprägt?
Dieses Gefühl des Herausgerissenseins aus der Gemeinschaft habe ich sehr früh kennengelernt, diese Erfahrung, in der Minderheit zu sein. Den Schülern von heute, die sehr danach streben, in der Mehrheit zu leben, weil das natürlich sehr viel bequemer ist, sage ich oft: Habt keine Angst, in der Minderheit zu sein, keine Angst, „Nein“, zu sagen. Die Welt entwickelt sich nur dank einiger seltsamer Menschen, die immer in der Minderheit sind.

In Ihrer Umgebung gibt es immer weniger solcher seltsamen Menschen. Einige sind gestorben, andere emigriert. Macht Sie das einsam?
Nein, absolut nicht. Ich wäre vielleicht auch schon längst emigriert, hätte ich in Moskau nicht so liebevolle, ja edle Menschen um mich herum. Wenn ich zurückblicke, stelle ich fest, dass dieser Käfig, in dem wir so lange lebten, doch einige Vorzüge hatte. Das Überleben war schwierig, es fehlte an allem, auch an Geld. Man war in so vielen Bereichen aufeinander angewiesen. In einem normalen Land gibt es Dienstleistungen: Babysitter, Ärzte und so weiter. Wir mussten uns selbst organisieren. Die Freundin schaute nach dem Kind, während man selbst zum Arzt rannte. Damit man ins Theater gehen konnte, musste man die Freundin der Freundin der Freundin kennen, die ein Ticket organisierte. So ist ein besonderer Klan entstanden. Eine Art Familie, mit der man sich auch heimlich in der Küche traf und über die Welt diskutierte. Das war ein Atemzug der Freiheit. Hier besprachen wir Nabokov, Brodsky, Bücher, die irgendjemand irgendwie beschafft hatte. Wir hatten einiges dafür riskiert, drei bis fünf Jahre Gefängnis konnte man fürs Aufbewahren und Verbreiten verbotener Literatur bekommen. Für „Die Gabe“ Nabokovs habe ich den Ring meiner Großmutter hergegeben. Weil es eben Nabokov war und ich das unbedingt lesen wollte. Unsere kleine Küchengesellschaft war sehr stark. So etwas findet man nicht wieder.

Über solche Verbundenheiten schreiben Sie auch in Ihren Büchern. Wie sehen Sie die Rolle des Schriftstellers im heutigen Russland?
Sie unterscheidet sich kaum von der Rolle eines bewusst lebenden Menschen. Eines Menschen der Vernunft, der versteht, dass um ihn herum eine Welt ist, auf die er Einfluss nimmt.

In den Protesttagen der Jahre 2010/2011 ergriffen Sie das Wort gegen das Putin-Regime. Was ist aus den Menschen, aus ihren Wünschen von damals geworden?
Manche sind emigriert, andere sind des Kampfes müde. Die Enttäuschung ist riesig, denn wir hatten in dieser Zeit das Gefühl, etwas verändern zu können. Leider existiert in unserem Land keine Rückkoppelung zwischen der Gesellschaft und der Staatsführung. Damals dachten wir, es sei der Moment gekommen, wo diese Rückkoppelung möglich wäre. Jetzt aber ist das Gegenteil eingetreten. Jeder Anflug von Engagement wird sofort zunichte gemacht. Das Signal der Macht: „Lehnt euch nicht zu weit aus dem Fenster.“ Die Menschen fürchten sich. In unserem Land herrschen wieder Angst, Erschöpfung, Hoffnungslosigkeit.

Interview: Inna Hartwich

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