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Monika Schoeller beim Empfang zu 125 Jahren S. Fischer Verlage, 2011 im Frankfurter Römer. 

Nachruf 

Zum Tod von Monika Schoeller: Vom Rande her gesehen

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Zum Tod der Frankfurter Verlegerin und Mäzenin Monika Schoeller, die 80 Jahre alt wurde.

Als ihr Vater Georg von Holtzbrinck Monika Schoeller 1974 als neue Verlegerin bei S. Fischer einsetzte, einem damals schon seit Jahrzehnten berühmten Verlag mit großen Autorinnen und Autoren, war sie 35 Jahre alt. Sie kam in eine Männergesellschaft, doch das Verlagswesen an sich war ihr nicht fremd.

Monika Schoeller hatte Literatur- und Kunstgeschichte studiert, war bei den Verlagen Artemis & Winkler in der Lehre gewesen. Im Kontakt mit Autoren war sie aufgewachsen. Und sie hat den Verlag in einer Weise weitergeführt, dass vor acht Jahren der 125. Geburtstag stolz gefeiert werden konnte. Sie hat manche Krise überstanden. In den 90ern zog – vom Feuilleton vielbeachtet – eine Unternehmensberatung prüfend durchs Haus, woraufhin die Zahl der Titel reduziert wurde. Die Verlegerin machte Lektoren zu Programmleitern und band sie mehr in die wirtschaftliche Verantwortung ein, das war ein kluger Schachzug.

Bis heute gehört S. Fischer zu den Häusern, deren Bücher ausgezeichnet und diskutiert werden. Das war gerade auf der Frankfurter Buchmesse wieder zu besichtigen, zum Beispiel mit „Permanent Record / Meine Geschichte“ des Whistleblowers Edward Snowden. Monika Schoeller ist, wie die Familie am gestrigen Montag mitteilte, bereits am 17. Oktober nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von 80 Jahren gestorben.

Für ihre Arbeit erhielt Monika Schoeller zahlreiche Auszeichnungen, darunter das Bundesverdienstkreuz, die Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt, zuletzt die Maecenas-Ehrung des Arbeitskreises selbständiger Kultur-Institute (Aski). Dass sich ihr Einsatz seit 1974 gelohnt hat und andere dies bemerkt haben dürften, sollte ihr also bewusst gewesen sein. Und doch, als sie 2006 mit der Goldenen Verdienstmedaille des B’nai B’rith Europa ausgezeichnet wurde, von einer jüdischen Organisation, die zwei Jahre später auch Bundeskanzlerin Angela Merkel ehrte, da zeigte sich Monika Schoeller „ganz erstaunt über das, was hier geschieht“. Sie habe nur getan, was sie tun wollte, „was vom Verlag schon vorgezeichnet war“. Ausdrücklich hieß es, sie habe den Verlag im Sinne des Gründers weitergeführt, dabei „für jüdische Interessen und jüdisches Wesen mehr getan“ als mancher Vorgänger.

Schoeller war es, die 1977 eine eigene Reihe für Bücher über den Nationalsozialismus initiierte, die „Schwarze Reihe“ – später bekam sie den offiziellen Namen „Die Zeit des Nationalsozialismus“. Hier erschienen wissenschaftliche Studien und Zeugnisse von Überlebenden. „Anus mundi“ von Wieslaw Kielar zum Beispiel, der fünf Jahre im Konzentrationslager Auschwitz war. Hier erschien in drei Bänden „Die Vernichtung der europäischen Juden“ von Raul Hilberg, hier veröffentlichte Götz Aly zusammen mit Susanne Heim 1991 den Band „Vordenker der Vernichtung“. Der S. Fischer Verlag kümmert sich auch um die Publikation des Tagebuches von Anne Frank und veröffentlichte „Als die Zeit stillstand“, das bewegende Tagebuch des Schriftstellers und Journalisten Léon Werth aus dem besetzten Frankreich zur Zeit des Vichy-Regimes der Jahre 1940 bis 1944.

Bei der Ehrung durch den B’nai B’rith in den Berliner Büros des S.Fischer Verlags erzählte Monika Schoeller, wie sie als Kind 1943 mit der Mutter und den Geschwistern auf die Schwäbische Alb geflohen und da selbst die Erfahrung gemacht habe, „am Rande zu sein“. Ihre Familie hatte eine andere Konfession, sprach anders, besaß dort nichts. Diese frühe Erfahrung sei ihr im Literaturbetrieb bewusst geblieben: Vom Rand aus „sieht und versteht man besser“.

Als sie in den Verlag kam, war auch die Erinnerung an den Einfluss der Politik noch präsent, die fast den Verlag zerstört hatte. Der in Berlin 1886 gegründete S. Fischer Verlag musste sich ab Herbst 1942 auf Anordnung des Reichspropagandaministeriums Suhrkamp Verlag nennen und firmierte nach dem Krieg zunächst als „Suhrkamp Verlag vorm. S. Fischer“. Die Exilverlage in Wien, Stockholm und Amsterdam publizierten unter dem Namen Bermann-Fischer. 1950 wurde der S. Fischer Verlag in Frankfurt neu gegründet. Monika Schoeller sah diese Geschichte als eine Verpflichtung an.

Schoeller war die Tochter des Verlegers Georg von Holtzbrinck, verheiratet mit dem Literaturwissenschaftler Bernd Schoeller, Mutter einer Tochter. Nach dem Rückzug Georg-Dieter von Holtzbrinck im Jahr 2006 besaß sie zusammen mit ihrem Halbbruder Stefan von Holtzbrinck die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck. Aus der operativen Leitung der S. Fischer Verlage hatte sie sich 2002 zurückgezogen, blieb aber am Geschehen als Vorsitzende der Geschäftsleitung beteiligt.

S. Fischer betreut die Werkausgaben vieler Klassiker der Moderne, von Thomas Mann, Franz Kafka oder Hugo von Hofmannsthal. Monika Schoeller vertraute auch einem Reiner Stach, als er seine Kafka-Biografie ankündigte, die sich zu drei Bänden auswuchs – und schließlich von der Kritik gefeiert wurde. Im Taschenbuch erschien hier, die Dynamik der bundesdeutschen Gesellschaft aufnehmend, die Reihe „Die Frau in der Gesellschaft“, mit Sachbüchern wie von Alice Schwarzer, mit Romanen wie von Ulrike Kolb. Und sie schaute in die Zukunft, gab das S. Fischer Archiv nach Marbach, gründete die S. Fischer Stiftung, ansässig in Berlin, die internationale Übersetzungsprojekte fördert, aber auch Kinder an Kultur heranführt.

Zum Tod von Monika Schoeller schickt der Verlag Worte von Stefan von Holtzbrinck: „Meine Schwester war für neue Entwicklungen und Veränderungen immer aufgeschlossen und konnte dabei das Wesentliche von der Mode unterscheiden. Es ging ihr um das Detail, wenn es Grundsätzliches barg. Es ging ihr um Werte wie Stil, Anstand und Geduld, aber vor allem auch um diejenigen, die wir in der jüngsten deutschen Geschichte so bitter und mühevoll erlernen mussten und immer wieder aufs Neue erlernen müssen: Toleranz und Mitmenschlichkeit, den Willen zu Freiheit und Gerechtigkeit.“ Sie schaute vom Rande her und hatte dabei das Wichtigste im Blick.

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