Ein Ritter, der sich auf Schlittschuhen sein Geld verdienen muss. Charlotte Winter wäre entsetzt.
+
Ein Ritter, der sich auf Schlittschuhen sein Geld verdienen muss. Charlotte Winter wäre entsetzt.

Monika Maron

Monika Maron „Artur Lanz“: Dass die anderen alle so dumm sein müssen

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
    schließen

Monika Marons eindimensionaler Roman „Artur Lanz“ verzichtet in Gänze darauf, die großartige Satire zu werden, die in ihm steckt.

Dem schreibenden Menschen steht es gut an zu hadern mit dem, was er da tut oder wenigstens vorhat zu tun. Literatur ist aus Zweifeln gemacht, jedenfalls sind Zweifel kein Hindernis, eher ein Katapult, und sei es zur Not oder als vorläufige Verlegenheitslösung auch der Zweifel am aktuellen Projekt. Dass Zweifel auch eine leere Geste sein können, eine Floskel: tückisch.

Mehr als einmal fragt sich Charlotte Winter, ob ihr neuer Bekannter Artur Lanz literaturgeeignet ist. Sie fragt sich und auch eine gute Freundin, die beim hochnotpeinlichen Spitznamen Lady gerufen wird (als würde hier eine Affinität zu Hunden, die immer schon ein sympathischer Zug der Autorin war, an einer absurden Stelle durchschlagen, aber so ist es leider nicht). Charlotte Winters Zweifel in der Sache Lanz verlassen sie nicht und sie sind mehr als berechtigt. Erstens sind es aber die einzigen Zweifel, die Charlotte Winter hat, eine ansonsten meinungsfreudige, Meinungen gelegentlich herausposaunende Frau, die sich auch im Verlauf des Buches nicht entwickeln wird, da sie alles schon weiß, was sie wissen will. Zweitens wären Zweifel erst recht an der Romanfigur Charlotte Winter angebracht, die ein so durchsichtiger Vorhang von der Schriftstellerin Monika Maron trennt, dass er fast nicht mehr erwähnenswert wäre, wenn die Autorin von „Artur Lanz“ nicht trotzdem darauf beharren würde, einen Roman zu schreiben.

Davon weiß Charlotte Winter aber nichts, und Monika Maron lässt sie auch im Verlauf nichts davon wissen, so dass Charlotte Winter sich in der Sicherheit wiegen kann, einfach eine etwa 80 Jahre alte Schriftstellerin aus Ostdeutschland zu sein, die raucht, Hunde mag und Ansichten vertritt, die auch Monika Maron schon bei anderer Gelegenheit vertreten hat. Es sind weitverbreitete Ansichten, zu denen oft und so auch hier die Überzeugung gehört, verbotenerweise Wahrheiten auszusprechen, die der sogenannte Mainstream leugnet. Ich-Erzählerin Charlotte Winter schlägt einen entsprechend nüchternen Ton an, gerichtet auf ein außerliterarisches Ziel und um Präzision bemüht, während sie recht unkomplizierte Gedanken formuliert.

Artur Lanz, in dessen Vor- und Nachnamen sich Akteure und ein wesentliches Requisit aus verlorenen ritterlichen Zeiten finden, der aber selbst ein schmaler, grau-blondlockiger Sonderling um die fünfzig mit einem etwas traurigen Schicksal ist, bringt Charlotte Winter auf das Thema des Heldenmuts in der Gegenwart. Und obwohl sie nun beginnt, rund um Artus und Lancelot zu lesen – nachher auch Houellebecq, Fontane, Brecht, Lady empfiehlt dringlich Oswald Spengler –, wird man den Eindruck nicht los, dass sie ihre wesentlichen Erkenntnisse dazu schon hatte. Sie sind jedenfalls da, wie aus der Pistole geschossen. Charlotte Winter sieht sich von einer postheroischen Gesellschaft umgeben, in der Ritterehre nicht einmal mehr im Sport einen Platz hat. „Ich hatte den Verdacht, dass das ganze Gerede vom Postheroismus eine Verschleierung unserer Feigheit war, dass postheroisch nur ein Synonym für feige war, wie das Wort Mut in dem Wort Zivilcourage untergegangen war.“

Es zeigt sich, dass Charlotte Winter nicht zuletzt deshalb bereits seit einiger Zeit Mitleid mit den Männern hat, „womit ich mich allerdings in erheblichem Widerspruch zum gerade wieder einmal tobenden Kampf der Geschlechter, genauer der Frauen gegen die Männer, befand“.

Bei einigen Essenseinladungen treten stille Männer und gar nicht stille Frauen auf, beispielsweise Penelope Niemann, die mit Lautstärke, Farbenfreude und einem einfach gestrickten Feminismus eine denkbar lächerliche Figur macht. Nun ist nicht zu leugnen, dass es solche Frauen gibt, sie sind uns namentlich bekannt, und der Roman könnte spätestens hier eine Abbiegung ins Satirische nehmen.

Das Buch:

Artur Lanz. Roman. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2020. 220 Seiten, 24 Euro.

Aber danach ist Monika Maron und Charlotte Winter nicht zumute. Zu schlimm ist das Unrecht, das Männern geschieht. „Alles, was bis gestern an ihnen als rühmenswert galt, Kraft, Mut, Entschlossenheit, war im Laufe der Jahre unter den Verdacht geraten, für das Böse in der Welt verantwortlich zu sein. Dabei waren es eigentlich die von Männern erfundenen Waschmaschinen, elektrischen Heizungen, Fahrstühle, Rolltreppen und alle möglichen anderen lebenserleichternden Geräte, die den Frauen plötzlich erlaubten, auf die männliche Kraft zu pfeifen und sie als Gefahr für den Fortbestand der Menschheit zu verdächtigen. ... In den Jahrzehnten dieser weiblichen Selbstüberhöhung wuchs Artur Lanz heran.“

Nicht alle Männer lassen sich das bieten, stellt Charlotte Winter interessiert fest. Ihr fällt wieder ein, wie Biker einmal eine Frauendemonstration gegen Gewalt „beschützten“, gegen die Proteste angekündigt worden waren, „weil die Gewalt gegen die Frauen häufig von eingewanderten Männern ausging und der Protest darum als rassistisch verdächtigt wurde“. Charlotte Winter weiß, dass das Bikermilieu suspekt ist. „Aber diese vom männlichen Urinstinkt getriebene Aktion gefiel mir.“

Auch hier darf man jedoch auf keinen Fall damit rechnen, dass eine Selbstironie mitschwingt. Stattdessen werden nach und nach weitere Themen abgeklappert. So sind sich Charlotte Winter und Lady einig darin, dass der Klimawandel in der Diskussion ist, weil Gott ausgedient hat. „Darum braucht man einen neuen Gott, jetzt heißt er gerade Klima, sagte Lady und griff nach ihren Zigaretten. Aber die zehn Gebote reichen nicht mehr, sagte ich.“ Die beiden Frauen kommen „locker auf neunzehn“, auch das Verbot des Menschen müsste dazuzählen. „Atmen erzeugt CO2.“

Denn Charlotte Winter und Lady sind zu Scherzen aufgelegt, aber es sind die Scherze, die Menschen machen, die wissen, dass sie von Volltrotteln umgeben sind, die Scherze der Rechthaberinnen und Rechthaber, wo man aber Charlotte Winter schon wieder stöhnen hört. So ist sie. Bei einer der Essenseinladungen sagt zum Beispiel eine der schrecklichen Frauen etwas, das Charlotte Winter besonders schrecklich findet. „Sie wünschte“, so die Frau, „die ganze Welt würde weiblicher regiert, dann wäre sie auch friedlicher. Mir entfuhr ein hörbares Stöhnen.“ Lady wiederum bringt auf den Punkt, was von vielen als „Genderwahnsinn“ bezeichnet wird: „... diese Innen und diese dämlichen Sternchen sind eine Beleidigung. Ich jedenfalls habe mich auch ohne diesen Quatsch noch nie unsichtbar gefühlt.“ Denn nicht selten verlässt Charlotte Winter – und wie man sieht auch Lady – sogar noch der letzte Humorrest, dann haben sie Schaum vorm Mund.

Denn das ist doch seltsam. „Artur Lanz“ ist ein gedanklich nicht nur relativ einfaches, sondern auch erstaunlich erwartbares Buch, während Charlotte Winter selbst unter dem Erwartbaren leidet. Charlotte Winter leidet auch unter der Selbstgerechtigkeit der anderen. Eine Devise von Charlotte Winter und Lady, „Wir unterschieden seit jeher zwischen Frauen und Weibern“, macht dann auf einmal klar, woran uns diese Gereiztheit, dieses selbstdefinierte Wider-den-Stachel-Löcken erinnerte: An die Großmutter, die allerdings ungefähr der Jahrgang von Charlotte Winters Mutter sein muss.

Und Artur Lanz? Die Ehe des Physikers ist an einer Heldentat für einen Hund gescheitert. Jetzt hat er sich für Krav Maga angemeldet, eine israelische Selbstverteidigungstechnik, weil er – frohlockt Charlotte Winter – Interesse an weiteren Heldenstücken gewonnen hat. Stattdessen holt er sich Blessuren. Außerdem arbeitet er für ein Institut, das an einem Duftstoff für die Beschichtung von Windradblättern forscht, um Vögel und Fledermäuse abzuhalten. Als sein Kollege hier mit dem Facebook-Post „Wir marschieren ins Grüne Reich“ aneckt, kommt es zum Showdown mit einer impertinenten Kollegin.

Dass in alledem wirklich der Keim zu einer großen Satire steckt, ist offenkundig, aber die Autorin ist viel zu sehr damit beschäftigt, sich über die Dummheit der anderen zu ärgern und uns das hinter der insofern doch fadenscheinigen Romanhandlung deutlich zu machen. Wenn im Zusammenhang mit dem Klimawandel von einer gesellschaftlichen „Transformation“ die Rede ist und Charlotte Winter nicht versteht, dass nicht jedermann dabei sofort an Stalin, Mao und Pol Pot denkt, dann könnte sie das zu einer fabelhaften Romanfigur machen. Aber die Autorin wiederum kann zwar den Irrsinn in allem Möglichen, aber nicht in den Ansichten Charlotte Winters erkennen. Auch das Thema Projektion kommt im Buch aber nicht vor, die schillernden Existenzen, zu denen auch Charlotte Winter und sogar Lady gehören könnten, müssen in straffer Eindimensionalität auftreten.

Interessant und für das Buch fatal schließlich: Das Zustimmung, das Beifall Voraussetzende, das Charlotte Winter an Penelope Niemann völlig zu Recht auf die Nerven geht, ist dem Roman „Artur Lanz“ selbst in hohem Maße zu eigen. Die vor Entsetzen über die Verblödung anderer Meinungen stöhnende Charlotte Winter lässt da keine Wahl. Hinterher fühlt man sich, als hätte man sich zu lange in Internet-Filterblasen getummelt. Die Welt hier draußen ist so viel komplizierter und vielfältiger, die Frauen, die Männer, das Leben.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare