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Monika Helfer. Foto: Salvatore Vinci
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Monika Helfer.

Familiengeschichte

Monika Helfer: „Vati“ – Das Wort Glück kommt erst vor, wenn etwas verloren ist

  • vonCornelia Geißler
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Da ist sie wieder, die „Bagage“: Monika Helfer erzählt auch in „Vati“ von kleinen Leuten mit einem großen Traum.

Vati, nicht Papa, genannt zu werden, war dem Mann, um den es in diesem Buch geht, sehr wichtig. Auch Mutti sollten die Kinder sagen. „Unser Vater wollte es so. Weil er meinte, es klinge modern.“ Kurze, konstatierende Sätze schreibt Monika Helfer hier. Den Widerspruch schickt sie gleich hinterher: „Modern war unsere Mutter nicht. Sie stammte aus dem hintersten Wald, ihre Brüder waren die wildesten Typen.“ Viele Menschen, die den Roman „Vati“ lesen, kennen Grete und ihre Brüder schon. Sie ist in Helfers Vorgängerbuch „Die Bagage“ das Kind, das ungeliebt aufwächst.

Monika Helfer, die seit Mitte der 80er Jahre Erzählungen und Romane und Kinderbücher veröffentlicht, erfuhr im Jahr 2020 so viel Beachtung wie kaum je zuvor, „Die Bagage“ stand über Monate auf den Bestsellerlisten. Das neue Buch bringt der Verlag in ähnlicher Aufmachung heraus, wieder ist ein Gemälde Gerhard Richters auf dem Titel, wieder mit einer undeutlichen Figur.

Monika Helfers literarische Methode jedoch ist diesmal eine andere, spielt sie doch schon selbst eine kleine Rolle in der Geschichte. Helfer kann zum Teil aus der eigenen Erinnerung schöpfen und sie hat Zeugen, die nicht nur Erzähltes wiedergeben, sondern Erlebtes. Und das hat seine eigene Intensität.

Das Buch

Monika Helfer: Vati. Roman. Hanser Verlag, München 2021. 176 Seiten, 20 Euro.

So schreibt sie, wie sie ihren Mann – es ist der Schriftsteller Michael Köhlmeier – auf die erste Begegnung mit ihrem Vater vorbereitet. Der werde ihn auffordern, ein Buch aus dem Regal zu nehmen. „Die Art, wie du das Buch hältst, wie du umblätterst, wie du den Schutzumschlag abnimmst, wie du daran riechst, das alles wird darüber entscheiden, ob er dich leiden kann oder nicht“, sagt sie. Das Wort „bibliophil“ ist zu klein für ihn, biblioman ist dieser Mann, der aus einfachsten Verhältnissen stammte. Bücher zu besitzen bedeutete für ihn, den Schlüssel zu einem anderen Leben in der Hand zu halten. „Vati“ handelt von einem, der seine Klasse verlassen hat, der von einem Aufstieg durch Bildung träumte, klare Vorstellungen von Anstand hatte und doch selbst an ihnen scheiterte. Monika Helfer folgt seinem Weg und gibt zu erkennen, dass sie zwischen Bewunderung und Unverständnis schwankt.

Die Erzählerin wächst in einem Erholungsheim für Kriegsversehrte auf, in dem der Vater, der selbst als Soldat ein Bein verloren hat, als Leiter arbeitet. Es ist eine eigene kleine Welt, mit wechselnden Gästen in der Saison, sonst in familiärer Abgeschiedenheit. Helfer setzt die Figuren in ihre Rollen, das Elternpaar, die Geschwister der Mutter, ihre Geschwister, jeder hat eigene Charakteristika. Nur eine Köchin und deren Mann gehörten noch dazu, bis außerdem ein junger Invalide nach seiner Kur wohnen bleibt, den der Chef zu seinem Assistenten erklärt. Und dem er vorliest. „Ich kann mich an die Vorlesestunden erinnern, nicht deutlich, aber hätte ich Worte gehabt, auch ich hätte gesagt: Das ist Glück. Dieses Wort, so will mir scheinen, kommt erst vor, wenn bereits das Gegenteil eingetreten ist.“

Der Vater mit seiner Bücherleidenschaft und einem pedantischen Faible für den guten Ausdruck sitzt der Schriftstellerin bis heute im Kopf und nörgelt an ihren Worten herum. Das ringt sie nieder. Ihr autofiktionales Erzählen hat einen schönen Rhythmus im Wechsel von Legenden, Erinnerungen und Recherchen. Zuweilen lässt sie uns nahe an sich heran; auch an den Schreibtisch, wo sie im Computer die Ordner beschriftet, einen „Mutti“ nennt und versehentlich löscht. „So, dachte ich mir, ist es, wenn ich über unsere Mutti erzählen will. Sie ist wie ein flüchtiger Vogel. Kaum ist sie da, schon ist sie wieder weg.“

Das Buch trägt die Widmung „Für meine Bagage“. So viel auch verquer gelaufen ist in dieser Familie, Monika Helfer zeigt das Liebenswerte auch an den Gescheiterten.

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