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Monika Helfer „Löwenherz“: Die Jugend von Richard Löwenherz

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Von: Judith von Sternburg

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Monika Helfer als Buchpreis-Kandidatin 2021 mit „Vati“.
Monika Helfer als Buchpreis-Kandidatin 2021 mit „Vati“. © Getty Images

Monika Helfer erzählt ein weiteres, drittes Kapitel ihres Familienromans.

Auch den neuen Roman von Monika Helfer grundiert der Tod, er ist die Voraussetzung für dieses Buch. „So war mein Bruder Richard“, steht gleich im ersten Satz, und eine Seite später vergleicht die Erzählerin ihn optisch mit dem Musiker und Canned-Heat-Mitglied Alan Wilson, der sich 1970 mit 27 Jahren das Leben genommen hatte. „Richard würde es mit dreißig tun.“ So ist das.

„Löwenherz“ ist das dritte Buch, das die österreichische Schriftstellerin ihrer Familie widmet, auch ausdrücklich steht es vorne im Buch: „für unsere bagage“. Zwischendurch berichtet die Erzählerin: „Nachdem ich Bücher über meine Großmutter und meinen Vater geschrieben hatte“ – also „Die Bagage“ und „Vati“ –, „war ich eine Zeit lang sehr unruhig, da hat Michael zu mir gesagt, ich solle ein drittes Buch schreiben, nämlich das Buch über meinen Bruder.“ Der Mann von Monika Helfer ist der Schriftsteller Michael Köhlmeier, man glaubt Monika Helfer auch im dritten Buch alles aufs Wort, glaubt also auch, genau zu wissen, wer „Michael“ sein muss. Das ist die Macht der Literatur, denn so könnte es zwar sein, aber woher will man das so genau wissen? Die Erzählerin räumt selbst ein, dass sie sich auch Sachen ausgedacht hat, „Löwenherz“ ist ein Roman. Aber wem schenkt man mehr Glauben als einem Roman, und tut man das nicht zu Recht, selbst wenn vielleicht nicht alles genau so war?

Richard ist ein guter Schriftsetzer (er kann nicht wissen, dass es auch diesen Beruf bald nicht mehr geben wird) und freundlicher, gleichmütiger Sonderling. Von außen betrachtet, kommt er einem naiv vor, was kein Werturteil darstellt. Richards naive Malerei wird von Monika Helfer so beschrieben, dass man sofort ein solches Bild sehen will (auf dem Umschlag aber: Gerhard Richter).

Trifft es das Wort Sonderling? Vielleicht „vermerkwürdige“ sie ihn, überlegt die Erzählerin. Andererseits ist es aber auch merkwürdig, dass er mit einem zugelaufenen Hund zusammenlebt, und im Verlauf des Romans auch mit einem Kind, das nicht seins ist. Die Mutter des Kindes hat es bei ihm „untergestellt“. Es hat keinen Namen, bis es am Ende der Geschichte, als sie unerträglich traurig wird, doch einen hat.

Das Buch ist auch die Geschichte von Richard, Schamasch und Putzi als Familie eigener Art. Schamasch ist der Hund, von Richard nach dem babylonischen Sonnengott benannt, nachdem er sich zu ihm bekannt hat. Der Hund sich zu Richard bekannt hat. „Wie bei allem in der Welt“, heißt es an anderer Stelle, „rechnete er (er, Richard) nicht damit, dass jemand erwartete, auch nur die geringste Initiative habe von ihm auszugehen.“ Putzi ist das Kind, das keinen Namen hat, weil die Mutter es bloß als „Putzi“ bei Richard abgegeben hat. Richard ist nicht der Vater, das behauptet auch keiner. Er kümmert sich um das Kind. Es ist keine Initiative, sich um ein hilfloses Wesen zu kümmern, das bei einem abgegeben wird. Initiative wäre: Die Mutter zu finden. Sich ans Jugendamt zu wenden. Zu versuchen, den Namen des Kindes herauszufinden.

„Wie soll das weitergehen, Richard?“, fragt die Schwester anfangs noch. „Hätte ihn einer gefragt, hätte er geantwortet: Nein ich habe keine Probleme. Schamasch und Putzi liebten einander wie Geschwister, also. Putzi vermisste ihre Mutter nicht, also. Putzi liebte ihn, wie je eine Tochter ihren Vater geliebt hat, also.“

Das Buch:

Monika Helfer: Löwenherz. Roman. Hanser, München 2022. 192 Seiten, 20 Euro.

„Löwenherz“ ist ein naheliegender, halb scherzhafter Kosename, den der Vater (Vati) Richard gelegentlich gegeben hat. Für den Vater habe es bedeutet: „Du bist mein Ein und Alles. Richard wollte niemandes Ein und Alles ein.“ Die Schwestern lieben den kleinen Bruder, er ist die Puppe, von der Kinder nur träumen können. Als er ihnen einmal vom Wickeltisch fällt, macht es ein „erwachsenes“ Geräusch, die Kinder fürchten, er könnte tot sein. Der frühe Tod der lange kranken Mutter – man weiß vorher schon einiges über die Helfers – zerschlägt die Familie, der Vater zieht sich in seine Trauer zurück, die drei Mädchen kommen zu einer Tante, Richard zu einer anderen.

Auch in „Löwenherz“ nimmt Monika Helfer eine markante Haltung ein, indem sie präsent und still gleichzeitig ist, wie abwartend. Sie schreibt anscheinend auf, was aufgeschrieben werden sollte, das ist dann selbstverständlich und übrigens gar nicht viel. Plapperei ist ein Thema im Buch – die Mutter von Putzi neigt dazu, Richard ist seinerseits ein großer Geschichtenerzähler (Lügner, jedoch ohne Arglist) vor dem Herrn. Aber das Buch selbst ist ökonomisch gearbeitet, nicht kärglich, aber schlank.

Sätze, Situationen, Jahre, Schlaglichter, Reflexionen fließen, ohne zu zerfließen. Ungeachtet der Frage, in welchem Flow die Autorin schreiben mag, ist das Ergebnis ein langer, ruhiger Fluss, ein Erinnerungsstrom. Immer geht es um Richard – über den Michael der Erzählerin Monika zufolge sagt: „Ich weiß niemanden, dem das Leben so wenig wichtig war wie dem Richard“, der aber seine Arbeit mag, Schamasch und Putzi liebt, der sich als Erwachsener an den großen Ferien orientiert, „als wäre er ein ewiges Schulkind“. Richard ist hübsch (auch wenn seine Beine von der „Englischen Krankheit“, Rachitis, etwas zurückbehalten haben), Frauen lächelt er an (und sie lächeln offenbar zurück), „aber bemüht hat er sich nie um sie“. Überhaupt: „Außer seinen Geschichten hatte mein Bruder nicht viel zu bieten. Kein Geld und auch keine Ambition, jemals viel davon zu haben, keinen Ehrgeiz.“

Aber auch um andere Familienmitglieder geht es, um Monika und Michael, ums Schreiben, um die siebziger Jahre. Kondensierte Zeitreflexion: Als Monika und Michael sich ineinander verlieben, ist Monika noch mit einem anderen Mann verheiratet. Richard, erzählt Michael, habe sich von der Beziehung aber begeistert geäußert: „darüber könne er nur begeistert sein, denn alles, was mir guttue, begeistere ihn.“ Michael hat es sich gemerkt, Monika wird es sich merken. „Nur eine Generation zurückgedacht, wäre das eine Unmöglichkeit gewesen.“

Da ist eine neue Freiheit – die Monika Helfer mit der Enge der Tanten-Szenen kontrastiert, ohne das absichtsvoll wirken zu lassen –, wobei auch der Deutsche Herbst bereits da ist. Der Tod von Ulrike Meinhof hat Monika mitgenommen. „Die Gedanken an sie hatten mich langer nicht losgelassen. Ich dachte: Eine Kleinigkeit anders in meinem Leben, und ich wäre wie sie.“ Jetzt sind Baader, Ensslin, Raspe tot, gestorben an ihrem 30. Geburtstag, der damit in die Reihe von Monikas schrecklichen Geburtstagen gehört.

An ihrem 31. sitzt die Familie da und wartet. „Da hörten wir erst das Geheul eines Motorrads, dann einen Knall.“ Ein Geburtstag, der das Unglück anzieht, darüber könnte man schon auch hysterisch lachen. „Löwenherz“ meidet aber alle Überzeichnung, und auch die Tränen, die jedermann am Ende vergießen wird, sind leider keine sentimentalen.

Monika Helfer schreibt gegenwärtig die Bücher über ihre Familie, die zweifellos sehr viele Menschen über ihre Familie schreiben möchten. Nach der Lektüre werden sie sich aber lediglich erneut einbilden, das könnten sie auch. Monika Helfer führt unbarmherzig vor, was allein große Literatur kann.

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