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Monika Helfer in Hohenems.

Roman

Monika Helfer „Die Bagage“: Die Wurzel allen Übels

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Monika Helfer erzählt in ihrem Roman „Die Bagage“ von ihrer Familie.

Monika Helfer beginnt ihr Buch mit einem Bild, das sie langsam aufbaut wie eine Anleitung, es zu malen. Eine Frau hängt hinterm Haus nahe einem hohen Berg Wäsche für eine Familie auf. Scheinbar eine alltägliche Szene, doch: „Die Wirklichkeit weht hinein in das Bild, kalt und ohne Erbarmen, sogar die Seife wird knapp.“ Monika Helfer, österreichische Schriftstellerin, Autorin zahlreicher Romane, Erzählungsbände und Kinderbücher, begibt sich in ihrem neuen Buch an den Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts. Der Roman „Die Bagage“ nimmt die außergewöhnliche Schönheit einer Frau zum Ausgangspunkt. In einer Stadt wäre sie vielleicht kaum aufgefallen; „im hintersten Tal war es nicht günstig für eine Frau, schön zu sein“.

Die Geschichte ist so wahr, wie sie erfunden ist. Monika Helfer schreibt als Ich, doch erzählt sie von der Zeit lange vor ihrer Geburt im Jahr 1947 in Au im Bregenzerwald. Maria und Josef Moosbrugger sind ihre Großeltern. Wenn es den Ersten Weltkrieg nicht gegeben hätte, wären sie vielleicht eine glückliche Familie geblieben.

Das Buch

Monika Helfer: Die Bagage. Roman. Hanser Verlag, München 2020. 160 Seiten, 19 Euro.

Als Josef zusammen mit drei anderen jungen Männern aus dem Dorf abgeordnet wurde, in den Krieg zu ziehen, hatte er seinem Freund und Geschäftspartner, dem Bürgermeister, aufgetragen, ein Auge auf seine Frau zu haben. Als Josef als einziger von den vier Männern aus dem Krieg zurückkam, wollte er nicht glauben, dass er das Kind, das seine Frau unter der Brust trug, in seinem Fronturlaub gezeugt hatte. Ein Gerücht, das ihm auf dem Heimweg entgegenwehte, nahm er für wahr. Er hat nie den Namen des Mädchens, das er nicht für sein Kind hielt, in den Mund genommen. Er hat es nicht mal angeschaut.

Monika Helfer erzählt einerseits chronologisch, dazwischen aber mit großen Zeitsprüngen. „Josef liebte seine Frau. Er selber hat dieses Wort nie gesagt. Es gab dieses Wort in der Mundart nicht.“ So bizarr es einem auch vorkommen mag, an so etwas wie Vorsehung zu glauben, zumal ja schon die biblischen Namen des Elternpaars übertrieben wirken, so folgerichtig erscheint die Zerstörung der Familie. Wenn später die Schwester der Mutter berichtet, der Teufel habe dem Bürgermeister bestimmte Worte eingegeben, dann fügt sich das zu dem Gedanken, dass die unverschämte Schönheit Marias auf einem Fluch beruhe. Es ist die Erzählweise von Monika Helfer, die Vertrauen schafft.

Zunächst lässt sich die Autorin ganz auf das patriarchale Leben ein, bei dem die Frau vom Mann abhängig ist und ohne den Ernährer hilflos. Alles Aufbegehren nützt nichts, wenn die Verhältnisse keinen Spielraum zum Handeln lassen.

Helfer orientiert sich an dem, was ihre Tante ihr erzählte, mehr Quellen hat sie nicht. Denn erst sehr spät interessierte sie sich für die Wurzel der Probleme ihrer Familie. Für die Anschauung nutzt sie Gemälde von Pieter Bruegel dem Älteren; seine Bauernbilder im Kunsthistorischen Museum Wien und das Bild über die Sprichwörter in der Berliner Gemäldegalerie. Da schließt sich der Kreis zum Anfang: Die Autorin möchte sich ein Bild machen.

Monika Helfer: Die Bagage. 

Schreibend versucht sie, Struktur in die Zeit zu bringen, Ursache und Folge zu sortieren: „Die Erinnerung muss als heilloses Durcheinander gesehen werden. Erst wenn man ein Drama draus macht, herrscht Ordnung.“ Die Ordnung beginnt also bei dem von Josef ungewollten Kind und führt die Erzählerin bis zu den eigenen Kindern. Ihre Tochter Paula ist schon gestorben, „sie war die Lebhafteste unter uns allen, gleich lebhaft wie meine Großmutter“ – also wie Maria. An der Stelle, da Helfer von ihrer Tochter schreibt (Paula Köhlmeier starb 21-jährig bei einem Wanderunfall), sie in Beziehung zur Großmutter setzt und zur früh verstorbenen Mutter, schnürt sie das erzählerische Zentrum ihres Romans zusammen. Das erweist sich als bestechende formale Idee.

Ein Drittel des Buches ist um, der Leser ist in dessen örtliche, zeitliche und personale Verhältnisse eingeführt, nun breitet Helfer die ganze Geschichte aus. Nun ist es auch nicht mehr irritierend, wenn sie in den Zeiten springt. Anfang und Ende sind klar, jetzt können die einzelnen Stränge mal nebeneinanderliegen, mal sich kreuzen.

Ob die Mutter der Erzählerin nun wirklich nicht Josefs Tochter war, ist nicht mehr wichtig. Wichtig ist, wie der Krieg ins abgelegenste Tal und in die Seelen vordrang. Josef war zwar körperlich unversehrt ins Dorf zurückgekommen, verändert war er aber doch. Die Tante erzählt der Nichte, dass er kälter wirkte als zuvor. Das bringt das ganze Drama der zerstörten Familienidylle auf den Punkt: Sie habe „den Papa im Krieg verloren“.

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