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Monica Ali: „Liebesheirat“ - Der eine Rassismus und der andere Rassismus

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Von: Petra Pluwatsch

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Monica Ali erzählt eine Culture-Clash-Geschichte. Foto: Yolande de Vries
Monica Ali erzählt eine Culture-Clash-Geschichte. Foto: Yolande de Vries © Yolande de Vries

Monica Alis Roman „Liebesheirat“ ist eine humorvolle, aber deutliche Abrechnung mit der englischen Gesellschaft.

Sex? Darüber spricht man nicht im Hause Ghorami. Filmszenen mit Zungenküssen sind tabu, sofort wird der Fernseher abgeschaltet, und wenn Yasmin ihre Periode hat, dann darf sie nie, nie, niemals den Koran berühren. Selbst drei Jahrzehnte in Großbritannien vermochten nicht an den Prinzipien eines streng islamischen Haushalts zu rütteln.

Doch spätestens als Anisah und Shaokat Ghorami die Mutter ihres zukünftigen Schwiegersohns kennenlernen, muss das traditionsbewusste indische Ehepaar umdenken. Harriet Sangster, eine semmelblonde britische Autorin mit Promistatus, vertritt „ihre eigene Auffassung zur weiblichen Emanzipation und sexuellen Befreiung“. Ihr Schlafzimmer ist dekoriert mit erotischem Krimskrams, und im Netz kursiert ein Foto von ihrer behaarten, entblößten Scheide, das Harriet als feministisches Statement gegen einschlägige Männerphantasien von „einem gewachsten, leergerupften Intimbereich“ verstanden wissen will.

„Love Marriage“ – „Liebesheirat“, so hat Monica Ali ihren fabelhaften neuen Roman genannt, der vordergründig als humorvolle Culture-Clash-Story daherkommt und doch von sehr viel mehr erzählt als vom Zusammenprall unterschiedlicher Kulturen. Ihr Buch sei eine Geschichte über das heutige Großbritannien, hat die Autorin dazu selbst erklärt: „Eine Geschichte über die Komplikationen und Widersprüche, die das Leben mit sich bringt, eine Geschichte über Sehnsüchte, Begierden und Familie“.

Monica Ali, 1967 in Bangladesch geboren, ist in einer bengalisch-britischen Familie aufgewachsen und lebt seit ihrem dritten Lebensjahr in Großbritannien. Bereits in ihrem 2002 erschienenen Debütroman „Brick Lane“ thematisierte sie das Leben bengalischer Einwandererfamilien in Großbritannien und eroberte sich mit dem opulenten Werk einen Platz ganz oben auf den englischen und später auch auf den deutschen Bestsellerlisten. Nach mehreren weniger erfolgreichen Ausflügen in andere Themenbereiche ist sie mit „Liebesheirat“ zu ihren schriftstellerischen Ursprüngen zurückgekehrt.

Eigentlich habe sie zwei Geschichten schreiben wollen, so Monica Ali. Eine über die Familie Ghorami und eine zweite über Harriet Sangster und ihren Sohn Joe. Doch erst als sie die beiden Erzählstränge miteinander verbunden habe, sei daraus genau das Buch entstanden, das ihr vorgeschwebt habe.

Die 26 Jahre alte angehende Ärztin Yasmin Ghorami und Joe Sangster, auch er auf dem Weg zum Arztberuf, haben sich während ihrer Ausbildung im Krankenhaus kennengelernt. Schon wenige Monate später wollen sie heiraten. Die Familien sind einander wider Erwarten sympathisch. Vor allem Harriet ist von der Schwiegertochter und deren „exotischen“ Eltern angetan und wird nicht müde, ihre Aufgeschlossenheit gegenüber allem Nicht-Britischen zu demonstrieren. Dass sie damit nicht minder rassistisch ist als die, die Yasmins Kompetenz als Ärztin anzweifeln, ignoriert sie geflissentlich.

Ohnehin erweist sich die Heile-Welt-Fassade, die beide Familien mit Mühe aufrechterhalten, schnell als äußerst bröckelige Angelegenheit. Unter der Tünche verbergen sich sexuelle Vorlieben, die sich der allgemeinen Norm entziehen, ungestillte Sehnsüchte und ein Familiengeheimnis, dessen Schatten bis in die Gegenwart reicht. Monica Alis Verdienst ist es, aus all dem kein Drama, sondern eine gewitzt erzählte, vielschichtige Familiengeschichte zu machen.

Nachdem Shaokat Ghorami sich mit seinem Sohn überworfen hat, verlässt Anisah ihn und zieht zum Entsetzen ihrer Tochter bei Harriet ein. Auch zwischen Yasmin und Joe kriselt es, und ob es jemals zur Liebesheirat zwischen ihnen kommen wird, steht in den Sternen. Etliche Seitenhiebe gegen schwafelnde Intellektuelle, alte weiße Frauen und den ganz alltäglichen Rassismus erklärter Antirassisten machen das Buch darüber hinaus zu einem Lesevergnügen.

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