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Der Er ist der Mond, auch wird er bewohnt

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Von: Arno Widmann

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Da ist Er.
Da ist Er. © REUTERS

Was ist ein Mondkänguruh? Und wieso versteht man Wörter und weiß trotzdem nicht, wovon die Rede ist? Gedanken zu Durs Grünbeins Mond-Gedichte-Buch: "Cyrano oder die Rückkehr vom Mond".

Ich verstehe kein Wort. Falsch, ganz falsch. Ich verstehe – fast – jedes Wort, aber dennoch verstehe ich nichts. Das beginnt bei der Überschrift. Riccioli sind Locken, aber schon Hangar muss ich nachschlagen: „Ein Hangar ist eine große Halle aus Metall, Holz, Beton oder ähnlichem Material für Flugzeuge aller Art sowie Hubschrauber, Luftschiffe und Space Shuttles“, erklärt Wikipedia auf.

Was haben die Locken mit einem Flugzeug zu tun? Was ist ein Mondkänguruh? Wer ist dieser er, der zurückgekehrt ist, dem die Freudentränen getrocknet sind und dem die Erdenluft sagt, es gibt nur sie?

Da das Buch „Cyrano oder die Rückkehr vom Mond“ heißt, scheinen die Fragen leicht zu beantworten. Vom Spätheimkehrer Cyrano de Bergerac ist die Rede, der 1657 einen Roman veröffentlichte über „Die Staaten und Reiche des Mondes“.

Aber was heißt „ist die Rede“? In Wahrheit hört der Leser eine Stimme, die ihn einlullte, wenn nicht alles, was sie sagte, bei aller Präzision der Worte so verwirrend unklar wäre. Da ist der freundlich einnehmende Klang der Verse und da sind die wilden Assoziationsketten, die dagegen pochen und hinausdrängen aus dem meist reimlosen, maßvollen Einerlei.

Die Bedeutungen bleiben in der Schwebe. Wer sich dagegen nicht wehrt, wer nicht verzweifelt alles tut, um am Boden haften zu bleiben, wer also an der gegen die Evidenz dieser Verse an der Idee festhält, jedes Wort habe nur eine einzige Bedeutung, der hebt ab. Mit einem Mal ist ihm klar: Es ist ein Mondgedicht. Der Er ist der Mond.

Die ersten drei Zeilen sind mit einem Male nicht mehr rätselhaft, sondern einfach schön: „Er ist zurückgekehrt. Jemand hat ihn gesehen / Hinter den Hangars, wo die Fallschirmseide / Im Herbstwind raschelt, ein Ballon sich bauscht“

Jetzt schlage ich das Mondkänguruh nach. Es entstammt einem Kinderbuch des Jahres 1987 von Simon und Desi Ruge. Dort hält es den Mond im Gleichgewicht. Ich schlage auch gleich nach, was ich zu wissen glaubte. Riccioli sind hier keine Locken.

Es geht um den Theologen und Astronomen Giovanni Battista Riccioli (1598–1671). Und, so zeigt sich, auch nicht um ihn, auch nicht um Gassendi, Grimaldi oder Sacrobosco, alles Wissenschaftler, deren Namen über den Gedichten stehen. Nach ihnen wurden Mondkrater benannt.

Die Namen vervielfältigen die Spielmöglichkeiten. Da ist das Gedicht mit dem Titel „Love“. Wer Bescheid weiß, erwartet Anspielungen auf den Mathematiker Augustus Edward Hough Love (1863–1940). Stattdessen: „Schlaflos liegen viele nachts auf ihren Laken, nass, / In Gedanken an den mörderischen Karneval / Auf den Straßen, halten einsam Sternenwache.“

Aber vielleicht gehören auch Mathematiker zu denen, die nachts allein, nass und schlaflos auf ihren Laken liegen. Mister Love war unverheiratet. Seine Schwester führte ihm den Haushalt.

Ein Gedicht sei ganz zitiert, „Leibniz“: „Schneewolken bargen ihn, wenn im Gebirge / Musik das Thema Mond anschlug im letzten Satz. / Dort ging er, der Romantiker, ins Unbewusste, / Ging da und variierte, Satz für Satz, den Mond, / Bis von ihm nur der Laut blieb, mundgeblasen, Glas. / Durch viele Sprachen lief dasselbe Wispern / Der Wanderer von Berg zu Tal. Der stille Schein / Drang durch die Wolken, gab als Klang den Sätzen / Die Richtung: Dichtung – Imperator de la lune.“

Das „Richtung: Dichtung“ mag ich überhaupt nicht. Aber ich könnte es auch gerade mögen. Es zerstört kantenscharf die Romantik von Wanderer, Berg, Tal, Wolken, Klang und stillem Schein.

Der Schwerkraft ledig

Wäre es schöner, wenn man wüsste, wer da durchs Gebirge geht? Wahrscheinlich. Schließlich würde ich trotzdem nicht vergessen, bei Durs Grünbeins Zeilen an Beethoven, an den Vierwaldstätter-See, an Nietzsche zu denken, und an Isoldes „unbewusst – höchste Lust“.

Andere werden andere Assoziationen haben. Leser sind frei. Sie sind es aber nur dann, wenn sie in jenem Schwebezustand bleiben und nicht bereit sind, sich oder gar den Autor festlegen zu lassen aufs Definitive.

Durs Grünbein schreibt: „Vielleicht geht es ja um die flüchtige Teilbarkeit der Worte. Sie gleichen den Atomkernen, die von Bedeutungsteilchen umkreist werden, und nie lassen Ort und Impuls, Ausdrucksposition und Gefühlsanlass, sich punktgenau und deckungsgleich bestimmen.“

Das Nachwort erzählt vom Ursprung der Idee, ein Buch über den Mond zu schreiben. Es war die Öffnung des riesigen Geländes des ehemaligen Flughafens Berlin-Tempelhof fürs Publikum. Mit einem Male so viel Raum. Unten. Aber auch oben.

Für Lukrez bestand die Welt aus Atomen und der Leere dazwischen. Wenn plötzlich mitten in der Stadt so viel Abstand entsteht, dann bekommt diese Einsicht eine Wendung ins Makroskopische. Mit einem Male wird klar, wie weit wir auseinander sind, wie einsam dabei und doch wie abhängig von einander.

„Er fühlte sich der Schwerkraft ledig, startbereit / In höhere Regionen. Strahlen zogen ihn hinauf / In eine äußere, neuweltliche Unendlichkeit – / Die sich im Innern wiederfand als Blutkreislauf. / Ein großes Tier war dieses All, von Stern zu Made / Derselbe Zwischenraum. Man konnte in ihm baden.“

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