Autorin Nava Ebrahimi.
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Autorin Nava Ebrahimi.

Nava Ebrahimi

Mona im Spiegelkabinett

  • Norbert Mappes-Niediek
    vonNorbert Mappes-Niediek
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Der iranische Kölnerin Nava Ebrahimi erzählt in ihrem klugen Debütroman "Sechzehn Wörter" von einer jungen Frau "in zwei Ausprägungen".

Irgendwann tut Mona „etwas, das ich noch nie getan habe: Ich übersetze Kos“. Es ist die Wende in diesem anregenden Entwicklungsroman einer jungen Frau. Kos ist das Lieblingswort von Monas verbalerotischer Großmutter. Kos bedeutet Scheide, vielleicht auch Fotze oder Muschi. Das scheint klar. Aber erst wenn für den Begriff ein Wort in der anderen Sprache gebraucht wird, kommen die zwei Vorstellungswelten in Mona zusammen. Sie verschmelzen damit zwar nicht, die Welten, aber sie entzaubern sich gegenseitig.

Mona, als Tochter iranischer Eltern in Teheran geboren, lebt seit der frühen Kindheit in Köln. Mit Vater und Mutter, die sich in Deutschland bald trennen, wird Persisch gesprochen, in der Schule und auf der Straße Deutsch. Einmal im Jahr geht es zu den Verwandten in den Iran. Als Mona dann, inzwischen Journalistin geworden, einmal zu einer längeren Recherche in den Iran geht, stellt zu den Besuchen auch ein iranischer Geliebter sich ein. Ein Partner hier, ein Partner dort, dazwischen der Flug. „Wenn ich in Köln-Bonn landete, war alles weg. Als stiege da eine andere Mona aus.“

In Kindheit und Jugend macht Mona viele Erfahrungen von Zuwandererkindern durch. Die 38-jährige Nava Ebrahimi, übrigens selbst als Tochter iranischer Eltern in Teheran geboren, kann in ihrem klug durchkomponierten Erstlingswerk lustig davon erzählen – von Frau Steffens zum Beispiel, der ebenso liberalen wie resoluten Mutter von Monas Freundin Clara, die den berüchtigten Bestseller „Nicht ohne meine Tochter“ gelesen hat.

Als die kleine Clara sich bei Mona zu Hause einmal ganz auszieht, weist deren persische Oma, die gerade zu Besuch ist, das Mädchen milde zurecht. Empört verbietet Frau Steffens ihrer Tochter den Umgang mit Mona. Was für ein Frauenbild bei denen herrschen muss!

Als die Gebannte dann viele Jahre später bei der Hochzeit von Clara wieder auftaucht, ist Frau Steffens ganz gerührt und präsentiert Mona den Gästen als „die kleine liebe Muslima“, die sich „aus eigener Kraft von ihrem Elternhaus und den patriarchalischen Traditionen emanzipiert hat“. Man möchte wissend darüber lächeln, aber es gelingt nicht ganz. Eine Mitstudentin nutzt ihre Freundschaft für ihre Doktorarbeit und lockt sie in ihr Rigorosum, wo Mona feststellen muss, dass sie selbst das Thema ist – irgendwas mit „Migranten“ und „Fremdwahrnehmung“.

Ob die Klischees freundlich sind oder böse, ist ganz egal; sie törnen alle ab. Die „blonden Männer“, mit denen die heranwachsende Mona in Köln Bekanntschaft macht, belegen alle ganz schnell Persischkurse und kochen iranisch. Aber schon bald sind ihnen die ewigen Grilltomaten zu verbrannt. Mehr als zehn Wörter Persisch hat keiner von ihnen gelernt.

Dabei wollte die kleine Mona sich, wie alle Kinder, gerade identifizieren. Ihr Erfolg war, dass sie lernte, sich zu schämen – für die Landsleute, die am Flughafen immer zu viel Gepäck haben und Mitreisenden ihre Koffer andrehen müssen. Peinlich ist die Oma, die sich, wenn in Köln, immer vor dem Fenster auszieht, dass jeder sie nackt sehen kann. „Na und?“, sagt die Oma dann, „hier ist doch Azadi!“ Azadi ist die Freiheit und deren Reich, der Westen. Es schämt sich vor Mona ihr persischer Kollege, der in Frankfurt groß geworden ist und jetzt im Iran lebt, für seine persische Frau – aber auch Mona schämt sich für ihren deutschen Freund, der ihr vor der Iranreise rät, sich „nicht gegen Kamele eintauschen“ zu lassen.

Mona entkommt der doppelten Scham nicht. Es hilft nichts, sich auf eine Seite zu schlagen. Ihr Kölner Freund Arasch, der aus dem Iran kommt und den Monas deutsche Freundinnen meinen „Arsch“ nennen zu müssen, hat beschlossen, die Deutschen zu hassen. Er sammelt Anekdoten. Einmal, erzählt er, hat er stundenlang mit einem Kommilitonen fürs Examen gelernt, ohne dass ihm der auch nur ein Wasser anbot – um sich dann, als er selber Hunger bekam, selbst ein Butterbrot zu schmieren und glücklich hineinzubeißen. So sind sie, die Deutschen.

Aber die hübsche Anekdote bleibt schal, denn die Pointe ist willkürlich: Arasch könnte, wenn er wollte, die Geschichte ja auch genau andersherum erzählen. Die meisten anderen Perser in Köln, hat Mona bemerkt, „verteidigen die Deutschen wie eine Lebenslüge“ und finden noch für die befremdlichsten Eigenheiten ihres Aufnahmelandes eine vernünftige Erklärung. Sie ahnen: Wenn ich auf „die“ zeige, zeige ich zugleich in einen Spiegel.

Nicht dass die Perserin Mona sich in Deutschland integriert, ist schließlich der Ausweg in diesem an poetischen Bildern reichen Roman, sondern dass Persien und Deutschland sich in Mona integrieren. Beide Welten nicht mit dem je eigenen, sondern eben mit dem je fremden Blick zu betrachten und zu ergründen: Das ist das Ziel. Der Weg dorthin ist der innere Dialog zwischen Monas „zwei Ausprägungen“. Er beginnt mit sechzehn scheinbar unübersetzbaren persischen Wörtern – die Mona sich dann aber eben doch ausführlich übersetzt.

Das Verfahren lohnt sich. Am Ende kommt Mona mit ihrem deutschen Blick auf die persische Welt sogar einem dunklen Familiengeheimnis auf die Spur. Als die Wörter ihre Isolation überwanden, schreibt Nava Ebrahimi im Vorwort zu ihrem reichen, durchdachten Roman, „da erkannten sie erst, welchen Schwindel sie alle die Jahre befördert hatten. Nicht allein, aber alle gemeinsam. Im Unübersetzten hatte der Schwindel es sich herrlich einrichten können.“

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