„Rodrigo Raubein“

Der Moment der Knirpswerdung

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Wieland Freund hat ein Buch von Michael Ende weitergeschrieben und testet nun die Wirkung.

Michael Ende, geboren im Jahr 1929, gestorben 1995, hinterließ der Welt außerordentliche Geschichten. Wer mit ihnen, mit Jim Knopf zum Beispiel oder Momo, aufgewachsen ist, vergisst sie nicht. Am Dienstagvormittag stellte sich ein leidenschaftlicher Michael-Ende-Leser auf die Bühne des mit 16 Berliner Schulklassen bis zur Spitzenauslastung gefüllten Schlosspark-Theaters. Gefragt, wann er geboren wurde, sagt der, dass es gerade rechtzeitig war, um mit zehn Jahren „Die unendliche Geschichte“ zu lesen. Wieland Freund ist jetzt 49, Feuilleton-Redakteur der Tageszeitung „Die Welt“ und Verfasser eigensinniger Kinderbücher wie „Wecke niemals einen Schrat!“. Und jetzt ist er Co-Autor Michael Endes. Das Buch „Rodrigo Raubein und Knirps, sein Knappe“ ist gerade im Thienemann-Verlag erschienen, farbenfroh von Regina Kehn illustriert.

Bei der Vorstellung vor den Schulklassen, eingeladen von der Literaturinitiative Berlin, sagt Freund kurz, dass Michael Ende nur drei Kapitel geschrieben hatte. Ob er dann schon zu krank war um weiterzuschreiben oder ob er es aus anderen Gründen nicht vollendete, wisse niemand. Der Verlag aber habe ihn gebeten, das Buch nach 25 Jahren zu vollenden. Dafür habe er Endes Text wieder und wieder gelesen und dabei immer mehr entdeckt, was ihm einen Weg zum Weiterschreiben wies.

Er liest mit geübter Betonung, rollenwechselnder Stimme, klaren Gesten und den Kindern zugewandt. Ein Junge, Knirps, geht seinen Eltern verloren, während die mit ihrer Puppentheaterkutsche bei Gewitter unterwegs sind. Knirps klopft beim berüchtigten Rodrigo Raubein ans Burgtor, der aber von dem furchtlosen Jungen etwas überfordert ist und ihn wieder losschickt.

So weit Michael Ende. Wieland Freund wendet sich ans Publikum, fragt die Kinder, wie sie nun weitererzählt hätten. Wer sich zum Mikrofon traut, wünscht sich die beiden wieder zusammen. Entweder sollte der Knirps zurückkehren oder der Räuber ihm folgen. Der Autor dankt und liest dann das fünfte Kapitel. Die Sprachmelodie ist die gleiche geblieben. Freund hält die Spannung und bringt die Kinder zum Lachen. Denn Knirps wird durch einen kleinen Unfall zum Ungeheuer. Der Jubel nach der Lesung ist groß.

Später, vor erwachsenen Zuhörern, geht der Autor ins Detail. Wieland Freund beschreibt seine Angst vor der Aufgabe und seine Erleichterung, so viel aus dem Anfang schöpfen zu können. Da übertrieb er freundlich, denn es mögen Ideen angelegt sein in den Figuren, deren verzweigte Geschichte erfand er doch selbst. Als er die Furcht überwand, sich am Text des verehrten Autors zu vergreifen, sagt er, war das „der Moment meiner Knirpswerdung“. Er habe das erlebt, was Bastian Balthasar Bux erfährt, als er beim Lesen in die „Unendliche Geschichte“ steigt und Teil des Geschehens wird. Man darf sich Wieland Freund als einen glücklichen Menschen vorstellen.

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