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Mohamed Mbougar Sarr „Die geheimste Erinnerung der Menschen“: Wie man ein Buch verschwinden lässt

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Von: Cornelia Geißler

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Mohamed Mbougar Sarr.
Mohamed Mbougar Sarr legt auf den ersten Seiten eine verlockende Spur aus. © afp

Mohamed Mbougar Sarr überwältigt mit seinem Roman „Die geheimste Erinnerung der Menschen“.

Ein Buch und sein Autor sind die Helden dieses Buches. Der entscheidende Verführungseffekt von Mohamed Mbougar Sarrs Roman „Die geheimste Erinnerung der Menschen“ beruht darauf, dass seine Leserinnen und Leser die lebensverändernde Wirkung von Literatur kennen oder sie zumindest ahnen. Dieses Gefühl hält einen fest in all den Strudeln, durch die man lesend gerissen wird. Manchmal erscheint das Buch so logisch wie ein guter Krimi, manchmal brennt es wie eine große Liebesgeschichte, oft greift der Autor in gesellschaftliche Fragen der Gegenwart.

„Die geheimste Erinnerung der Menschen“ hat 2021 den wichtigsten Literaturpreis Frankreichs bekommen, den Prix Goncourt. Es handelt sich hier um ein dermaßen funkelndes Werk, dass man zunächst geblendet wird, wenn man versucht, es zu durchschauen. Man muss es nicht durchschauen, man kann darin versinken. Mohamed Mbougar Sarr, 1990 in Dakar im Senegal geboren, arbeitet mit Überwältigung, er feiert das Lesen, die Macht der Bücher. Und er zeigt eine unberechenbar fiese Seite des Literaturbetriebs.

Der Ich-Erzähler, ein junger Senegalese am Anfang einer schriftstellerischen Karriere in Paris, ist auf der Suche nach einem Mann namens T. C. Elimane, Autor des Buches „Das Labyrinth der Unmenschlichkeit“. Dieses, erfährt man, wurde nicht lange nach seinem bejubelten Erscheinen 1938 wieder vom Markt und aus den Bibliotheken genommen. Für alle Beteiligten ein Einschnitt.

Ein langes Zitat des chilenischen Autors Roberto Bolaño (1953-2003) eröffnet „Die geheimste Erinnerung der Menschen“. Der große chilenisch-spanische Autor konnte vertrackte Geschichten sehr klug erzählen, Verbrechen und ihre Wurzeln sogartig bis zum Schwindelgefühl darstellen. Das will Mohamed Mbougar Sarr auch.

Sarr legt auf den ersten Seiten eine verlockende Spur aus. Sein Erzähler begegnet 2018 (Frankreich war gerade zum zweiten Mal Fußballweltmeister geworden) einer höchst attraktiven Schriftstellerin mit ironisch gespitzter Zunge. Dass sie das sagenumwobene Buch besitzt, es dem jungen Mann gibt und ihn zum Gespräch darüber einlädt, ist ein früher Schlüsselmoment im Roman. Sie sagt rätselhaft: „Der Zufall ist nur ein Schicksal, das man nicht kennt, ein mit unsichtbarer Tinte geschriebenes Schicksal.“

Die Begegnung mit der möglichen Vertrauten T. C. Elimanes und mit dem Buch – einer „Geschichte, die man unmöglich zugleich erzählen, vergessen und verschweigen kann“ – wird das Fundament eines vielschichtigen Romangebildes. Sarr baut es aus Teilen in unterschiedlichen Stilen und literarischen Techniken wie Tagebüchern, Briefen, Monologen, poetischen und szenischen Elementen. Er führt von Paris nach Amsterdam, in den Senegal und nach Argentinien. Manch ein Scharnier zwischen den Unterkapiteln hakt etwas, weil der Autor es mit Details überlastet. „Die geheimste Erinnerung der Menschen“ ist zweifelsohne ein großes Buch, aber wirklich eines für leidenschaftliche Leser.

Das Buch:

Mohamed Mbougar Sarr: Die geheimste Erinnerung der Menschen. Roman. Dt. v. Holger Fock/Sabine Müller. Hanser 2022. 450 S., 27 Euro.

Mehr noch: Es ist hoch aktuell. Man kann mit ihm in die Debatten über die Auswirkungen des Kolonialismus und Rassismus einsteigen. Die westafrikanische Republik Senegal war bis 1960 eine Kolonie Frankreichs. Die klügsten Köpfe des Landes strebten nach Europa, weil sie nur dort eine Perspektive hatten. Das galt auch für zwei Generationen in der Familie T. C. Elimanes. Und als dieser fiktive Autor mit seinem Roman erfolgreich war, pries man ihn als den „schwarzen Rimbaud“ – weil der Maßstab zur Beurteilung von Literatur weiß war.

Nach Bolaño sollte noch ein Name erwähnt werden: Yambo Ouologuem. Ihm ist „Die geheimste Erinnerung der Menschen“ gewidmet. Es handelt sich um einen Schriftsteller aus Mali, der 1968 in Frankreich erst großen Erfolg mit einem Roman hatte, aber dann von der Literaturkritik demontiert wurde, indem man ihn des Plagiats bezichtigte. Solch ein Vorwurf ist auch der Grund für das Verschwinden des fiktiven Buchs in Sarrs Roman. Ein Literaturkritiker befindet, dass der Autor lediglich ein Volksmärchen nacherzählt habe. Die Stimmung dreht sich komplett, auf den Jubel folgt die Verdammung. Aus dem Zufall des Erfolgs ist das Schicksal des Misserfolgs geworden.

Literatur lebt von Literatur. Autoren und Autorinnen beziehen sich aufeinander, schöpfen aus der Weltliteratur und befruchten sie. Mohamed Mbougar Sarr legt nahe, dass der Vorwurf des Ideenklaus an den „schwarzen Rimbaud“ rassistisch motiviert war. Sein Roman greift die Position des schreibenden Menschen in der Gesellschaft auf: Der Ich-Erzähler tauscht sich mit einem Kollegen aus „über die manchmal angenehmen, oft erniedrigenden Zweideutigkeiten unserer Situation als afrikanische (oder aus Afrika stammende) Schriftsteller auf dem Gebiet der französischen Literatur“.

Der Betrieb hält Kategorien für sie bereit. Das sind dann „Afrikaner mit dem Rhythmus in der Feder“, „mit der mondhellen Erzählkunst“, „die noch mit rührenden Geschichten die Herzen erreichen“. Später geht es um die Literaturkritik: „Spricht man über das Schreiben oder über die Identität, über den Stil oder die medialen Bilder, die es erübrigen, einen Stil zu haben, geht es um die literarische Schöpfung oder die Sensationsgier, den Personenkult?“

Die Romanzeit umfasst knapp hundert Jahre, in dieser gelangen wir auf der Suche nach dem verschwundenen Schriftsteller auch in die düsterste Phase der europäischen Geschichte. Der Verleger, der damals aufgeben musste, war Jude. Und T. C. Elimane wusste, wer ihn aus Frankreich ins Konzentrationslager gebracht hatte. Er war selbst auf einer Suche, die ihn nach Argentinien führte.

Ein Schriftsteller rekonstruiert mit Hilfe einer Schriftstellerin die Biografie eines Schriftstellers. Ein Roman handelt von einem Roman. Die Verhältnisse ähneln sich und sind doch grundverschieden. Mohamed Mbougar Sarr nutzt Spiegeleffekte und Widersprüche, versteckt Geschichten in Geschichten und schickt Grüße zu anderen Büchern. „Die geheimste Erinnerung der Menschen“ ist das vierte Buch des Autors; dem Prix Goncourt sei Dank, dass es einen deutschen Verlag gefunden hat und aufmerksam übersetzt wurde. Es ist ein gewaltiger Roman.

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