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Buchcover "Hier ist noch alles möglich" von Gianna Molinari.

Buchmesse - Debüt

Die Möglichkeit eines Wolfes

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Mit ihrem Debütroman "Hier ist noch alles möglich? hat es Gianna Molinari auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis geschafft.

Hier soll noch alles möglich sein? Was denn bitte, fragt man sich. Eine Verpackungsfabrik, kurz vor der Schließung. Der Anfang vom Ende hat schon begonnen. Die ersten der letzten Mitarbeiter werden entlassen. Ziemlich trübe Angelegenheit. Die Fabrik liegt außerhalb der Stadt – kein Laden weit und breit – am Ende eines Schotterwegs, alles sehr grau. Menschen gibt es hier auch nicht mehr viele. Der mürrische Koch aus der Fabrikkantine, von dem man annimmt, er könne nicht kochen, behauptet, einen Wolf gesehen zu haben. Mehr als eine Behauptung ist es nicht. Der Chef der Fabrik will den Wolf nicht auf dem Fabrikgelände haben.

Die Protagonistin aus Gianna Molinaris Debütroman „Hier ist noch alles möglich“ wurde in der Fabrik als Nachtwächterin eingestellt. Sie guckt stundenlang auf Monitore, um den Wolf auf frischer Tat zu ertappen. Mit ihrem Nachtwächterkollegen Clemens gräbt sie auf Anweisung des Chefs eine Fallgrube, die immer größer wird, weil die Seitenwände vom ständigen Regen zusammensacken. Dass der Wolf sich in dieser Falle fangen lässt, ist mehr als fragwürdig. Und eigentlich weiß ja auch keiner, ob es diesen Wolf überhaupt gibt, jemals gegeben hat.

Über lange Strecken passiert in diesem Buch so gut wie gar nichts! Schnörkellos und liebevoll schreibt Molinari über das scheinbar Unwichtige: „Da sind die Fabrik, die Gebäude, meine Halle und die Wände in der Halle, die abgebröckelten Stellen daran, das Buch Canis Lupus, das Universal-General-Lexikon und weitere Bücher, der Stuhl, meine Kleider, das Waschbecken, das Glas, meine Zahnbürste darin...” Zwischendurch tauchen ulkige Zeichnungen und verträumte Schwarzweißfotografien von Gräsern und Wolken auf. Einen Spannungsbogen sucht man vergeblich.

Gianna Molinari: Plädoyer für die Vorstellungskraft

Irgendwann jedoch erschließt sich etwas. Hier, in diesem eigentümlichen Buch, ist tatsächlich ALLES möglich. Denn wir befinden uns im Kopf der Nachtwächterin, der voller Geschichten und Tagträumereien ist, voll von Konjunktiven und dem Wort „vielleicht“. Da gibt es „einfüßige Menschen, die blitzschnell hüpfen können”, einsame Wesen auf Inseln, die sich auf dem Rücken liegend mit einem Bein Schatten spenden. Da gibt es den Mann, der vom Himmel fiel, der in der Fantasie der Nachtwächterin weiterlebt.

Und es gibt Möglichkeiten: Die Möglichkeit, dass die Polizei kommt und die Nachtwächterin festnimmt, weil sie dem Phantombild einer Bankräuberin ähnlich sieht, die Möglichkeit, die Welt durch eigene Lexikoneinträge neu zu erfinden, und die Möglichkeit, den Wolf zu sehen. Gianna Molinaris Roman ist ein leidenschaftliches Plädoyer für die Vorstellungskraft und damit für die Kraft der Literatur. Im Kopf ist alles möglich, ganz egal, wo man sich befindet.

Die Bedrohung durch den Wolf ist das Symbol für die Bedrohung durch das Fremde. „Der Wolf und die Wölfe haben keine Namen“, heißt es auf der ersten Seite. „Vielleicht stelle ich mir den Wolf viel größer vor, als er in Wirklichkeit ist, oder viel grauer...“, denkt die Nachtwächterin. Und so – ganz subtil – ist in diesem Buch der Geist der Zeit versteckt: Die Angst vor den unbekannten Fremden, die nach Europa kommen, ist dort am größten, wo sie nicht zu sehen sind. Zum Ende hin erzählt der Chef von der Zeit, als die Fabrik noch florierte: „Damals wäre kein Wolf ungeschoren davongekommen.“

In der Rubrik „Unter Dreißig“ berichten Studierende aus Berlin von der Frankfurter Buchmesse.

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