Modernisierer mit Augenmaß

Der Zeithistoriker Hans-Peter Schwarz streicht die Errungenschaften Konrad Adenauers heraus

Von ALEXANDER GALLUS

Vor einem guten Vierteljahrhundert veröffentlichte Sebastian Haffner seine ebenso gedanken- wie einflussreichen Anmerkungen zu Hitler. Hans-Peter Schwarz will offenbar in die Fußstapfen des brillanten Publizisten treten. Er knüpft an die Methodik einer thematisch geordneten Erörterung von Lebensweg, Leistungen, Schattenseiten wie Nachwirkung an und überträgt sie auf Adenauer. Wie schon in seiner zweibändigen Biographie des ersten Bundeskanzlers begegnet der Bonner Zeithistoriker Adenauer in diesem lesenswerten Essay mit viel Wohlwollen.

Seine historische Bedeutung sollte Konrad Adenauer, den Schwarz als "George Washington der Bundesrepublik" apostrophiert, in den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten erlangen. Die siebzig Jahre seines Lebens bis dahin seien "Vorgeschichte zum Eigentlichen" gewesen. Der 1876 geborene Gründungsvater der zweiten deutschen Demokratie lernte das politische Handwerkszeug in seiner Heimatstadt Köln kennen. Als deren Oberbürgermeister erwarb er sich den Ruf eines machtbewussten Patriarchen und zupackenden Pragmatikers. Schon damals habe sich sein "erstklassiges politisches Temperament" gezeigt - "eine Psyche von großer innerer Spannung: viel eher unharmonisch als harmonisch, eher unruhig als ruhig, eher extrem als politisches Normalmaß, eher unkalkulierbar als kalkulierbar".

Dem (politischen) Katholizismus und christlich-humanistischen Wertvorstellungen sowie demokratisch-freiheitlichem Denken eng verbunden, hegte der Rheinländer seit jeher Sympathien für Westeuropa. "Der Leitstern meines politischen Handelns", bekannte Adenauer 1963 einmal, "ist mindestens seit dem Jahr 1925: Anschluss an den Westen." Es kann daher kaum verwundern, dass er den Nationalsozialisten als Vertreter des verhassten "Systems" von Weimar galt. Während des "Dritten Reichs" war Adenauer eine geächtete und überwachte Person, ohne dass ihm ernstlich etwas geschah. Dem aktiven Widerstand blieb er fern. "Doch er hat hinlänglich viel erlitten, auch seelisch, und gehört jetzt zum Kreis jener nicht allzu zahlreichen Weimaraner Politiker", schreibt Schwarz, "die moralisch zu einer Spitzenposition im nach-nationalsozialistischen Deutschland legitimiert sind."

Ab der ersten Bundestagswahl sollte Adenauer an der Spitze von fünf Koalitionsregierungen stehen. Zwischen 1949 und 1957 konsolidierte er seine Macht und prägte nachhaltig die bundesdeutsche "Kanzlerdemokratie". Die Jahre zwischen 1958/59 und 1963 sind vom allmählichen Verlust seiner Macht gekennzeichnet. Als Kanzler trieb Adenauer die Westintegration der jungen, durch seinen Einsatz bald "souveränen" Bundesrepublik ebenso energisch voran wie die Aussöhnung und Kooperation mit Frankreich (deutsch-französischer Vertrag von 1963).

Nach der deutschen Katastrophe

Adenauers bedeutendste Leistung bestand in der Einbindung der Bundesrepublik Deutschland nach der "deutschen Katastrophe" in die westliche (Werte-)Gemeinschaft. Er habe sich auf eine "innerwestliche Gleichgewichtspolitik" zwischen den Polen Paris und Washington beschränkt und "unverständigen Nationalisten" wie dem Kurt Schumacher oder Rudolf Augstein, die zeitweise Vorstellungen eines neutralen Deutschland anhingen, Verachtung entgegengebracht.

An Adenauers Politik der Westintegration und seiner Haltung zur Wiedervereinigung scheiden sich bis heute die Geister. Galt ihm die Westintegrationspolitik als ein Mittel, um die Einheit zu erlangen, oder stellte die Westbindung für Adenauer ein Ziel an sich dar? War er gar ein rheinischer Separatist und Vaterlandsverräter, wie manch zeitgenössische Kritik verlautbarte? Folgt man Schwarz' Darlegung, spricht einiges dafür, dass der erste Bundeskanzler eine langfristige, auf dem Kernstaats-Gedanken beruhende Strategie verfolgte: Erst sollte die noch äußerst zerbrechliche Bundesrepublik durch die Einbindung in die Kultur- und Staatengemeinschaft des Westens vor der Sowjetunion geschützt werden, dann Gleichberechtigung und Souveränität gegenüber den Westmächten erlangen, bevor die deutsche Einheit erreicht werden könnte. Wie das Jahr 1990 zeigte, konnte Adenauers "Konzept", die von ihm initiierte Politik der strikten Westbindung, zur Wiedervereinigung führen, ohne zwangsläufig in diesem Ergebnis münden zu müssen.

Adenauers geschichtliche Bedeutung liegt für Schwarz in seiner Rolle als außenpolitischer Neuerer. Aber auch innenpolitisch habe er innovatorisch gewirkt und sich etwa Verdienste um die grundlegende Neuorganisation des deutschen Parteiensystems erworben. Innerhalb weniger Jahre trieb Adenauer den Aufbau der CDU zu einer überkonfessionellen Mitte-Rechts-Partei voran. Es sollte ihm glücken, innerhalb der Union vielfältige soziale und wirtschaftliche Gruppen miteinander zu verschmelzen. Kleinere Parteien - außer der FDP - wurden bald von der Sogwirkung dieser bürgerlichen Kraft. Mit ihrer Hilfe gelang es auch, einstige Mitläufer und Sympathisanten des Nationalsozialismus in die neue Demokratie einzubinden. Unter anderem diese pragmatische, "sehr eigene Art" im Umgang mit der jüngsten Vergangenheit sollte der Ära Adenauer indes den Ruf einer "restaurativen" Epoche einbringen.

Schwarz hält das Bild des restaurativ-reaktionären Adenauer für eine "misslungene Karikatur" und zeichnet ihn stattdessen als "Modernisierer mit Augenmaß", der wesentlich zum Erfolg des neuen demokratischen Verfassungsstaats beigetragen habe. Er sei eine positive Leitfigur bis in die Gegenwart hinein. So lautet denn die das Büchlein beschließende, rhetorisch anmutende Frage des Historikers, der gerne einmal in die Rolle des konservativen Kommentators schlüpft: "Soll man, darf man sich heute an der Spitze der dahinsiechenden Bundesrepublik eine Persönlichkeit wie Adenauer wünschen, die mit gelegentlich recht unkorrekten Methoden das blockierte Deutschland runderneuert?"

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