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"Pausenlos werden uns Intensitäten versprochen", sagt der Autor und Philosoph Tristan Garcia.

Tristan Garcia

"Die Moderne ist eine Art Anti-Weisheit"

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Der französische Schriftsteller Tristan Garcia über das Verlangen nach einem intensiven Leben auf Teufel komm raus, über die demokratische E-Gitarre und den Abschied vom süßen Jenseits.

Monsieur Garcia, Sie haben bereits 13 Bücher geschrieben, obwohl Sie noch ein junger Philosoph sind. Auch eine Art von intensivem Leben. Andere klettern auf Berge oder fahren steile Abhänge mit Skiern herab. Brauchen die Menschen immer mehr einen „Kick“, um sich selbst noch wahrzunehmen?
Nur starke Empfindungen lassen uns aus der Monotonie und dem Automatismus unseres Lebens erwachen. Schließlich gibt es ja ständig eine Art von Vitalitätsverlust, der die Menschen bedroht. Wir können nur noch das empfinden, was intensiv ist, also das, was zunimmt, abnimmt, sich ändert. Vielleicht definiert uns dies sogar. Die liberale westliche Gesellschaft hat uns aber nun verheißen, dass wir vor allem dieses werden: intensive Menschen.

Ein großes Versprechen!
Ja. Pausenlos werden uns Intensitäten versprochen. Die Intensivierung der Welt, die Intensivierung unseres Lebens. Schon in der Welt der Waren wird uns ja nichts anderes verkauft als eine gesteigerte Wahrnehmung und der Fortschritt der gesteigerten Lust. Schokolade, intensiver Wodka, Eiscreme wie „Magnum intense“, Düfte und Parfums – alles ist intensiv. Intensität ist das Zauberwort unserer Zeit.

Also letztlich der westliche Lebensstil.
Es ist die große Idee der Moderne. Der Intensitätswert ist zum Ethos unserer Humanität geworden. Und als eine Art ehernes Gesetz der Moderne gilt: Was getan wird, muss mit glühendem Herzen getan werden. Bei allem besteht die einzige wahre Sünde allenfalls darin, dass es an Intensität gefehlt hat.

Die Intensität hat uns überrollt?
Ja. Ich denke, das ist die Diagnose.

Und die Transzendenz, der Sinn, hat an Bedeutung verloren.
Wir sind Menschen, deren Lebenssinn in der Intensivierung aller Vitalfunktionen besteht. Es geht nicht mehr um ein anderes Leben oder um ein seliges Jenseits, wie es den Menschen in früheren Zeiten versprochen worden ist. Wir haben uns von der Erwartung eines Absoluten, eines letzten Sinns abgewandt. Es geht nun nur noch darum, mehr und besser das zu leben, was wir ohnehin schon sind. Die Erregung selbst ist es, die am meisten zählt.

Warum spricht uns das so an?
Es ist das Gefühl, dass es nicht das Leben irgendeines beliebigen Menschen ist.   Die Überzeugung, selbst wenn sie flüchtig ist, dass ich tatsächlich das Subjekt dessen bin, was ich erlebe. Intensivierung der Liebe, der Wahrnehmung, der Gefühle. Diese Intensität ist mittlerweile allgegenwärtig. Letztlich haben wir aber immer weniger davon.

Klingt irgendwie negativ.
Am Ende führt diese allgegenwärtige Intensität zum genauen Gegenteil: zur Depression und zum Zusammenbruch des Menschen.

Warum das?
Weil Intensität kontraproduktiv ist. Wenn etwas immer intensiver werden muss, wird es letztlich immer weniger intensiv werden. Das ist eine Erfahrung, die wir alle kennen.

Etwa wenn wir Düfte riechen.
Man kann Intensität nicht lange aufrechterhalten, ohne sie zu steigern. Und die Depression ist der Ausdruck eines Widerspruchs zwischen etwas Endlichem wie dem menschlichen Körper und dem modernen Versprechen von Unendlichkeit, was sich letztlich nie einlösen lässt. Intensivierung der Liebe, der Wahrnehmung, der Gefühle. Diese Intensität ist mittlerweile allgegenwärtig. Letztlich haben die aber immer weniger davon.

Wo finden sich die geistigen Wurzeln der Vorstellung der Intensität?
Der Begriff der Intensität wurde ursprünglich mit der Elektrifizierung verbunden. De Sade und andere Freidenker aus Paris waren im 18. Jahrhundert von der Elektrizität fasziniert. Es war damals noch ein kleiner Kreis, der sich im 19. Jahrhundert durch romantische Dichter vergrößerte. Intensität war für sie das Erlebnis der Natur, etwa durch ein Gewitter oder die Schöpfung des Dichters. Im 20. Jahrhundert ist die E-Gitarre die dominante Figur der Intensität – eine demokratische Figur. Es ging also von einer aristokratischen über eine bourgeoise Figur bis zum Teenager des letzten Jahrhunderts. Das war die Vorhut des intensiven Lebens.

Was ist dabei der Unterschied zu heute?
Die Idee der Intensität wurde von diesem kleinen Kreis aus demokratisiert, sie ist zur Ethik der Mehrheit geworden: Egal, was du tust, tue es aus vollem Herzen, lautet das heutige Motto.

Und das halten Sie für falsch?
Ich will mich nicht zum moralischen Richter unserer Zeit aufschwingen. Ich will die Logik dieses Begriffs darlegen und nicht etwa einer moralischen Kritik unterwerfen. Ich meine damit nicht, dass Intensität an sich ein falscher Wert wäre. Auch nicht, dass wir zu etwas anderem zurückkehren sollten. Ich möchte als Denker oder Philosoph keine Autorität haben.

Inwiefern hat Elektrizität eine so dominante Rolle erhalten?
Es gab einige frühe Materialisten als Anhänger der Elektrizität. Das elektrische Sein ist eine Erklärung für einfach alles, für die Natur, die innere und äußere des Menschen. Elektrizität wurde von wenigen frühen materialistischen Denkern anstelle der Seele angenommen, die immateriell ist. Nun konnte sie als Grund der Dynamik des Lebens angenommen werden. Sie wurde mehr oder weniger zu einer materiellen Seele des Menschen.

Eine interessante These.
Sie wurde zunächst nur von wenigen geteilt, dann aber über Jahrzehnte demokratisiert. Es begann unter wenigen Aristokraten und wurde Teil der Demokratie im 19. Jahrhundert. Es war eine Bewegung, die von der Elektrizität statt von der Religion ausging. Lenin sah es etwa so: Kommunismus ist nichts anderes als Elektrizität der Sowjets.
 
Ist die Suche nach Intensität zugleich ein Zeichen zunehmender Dekadenz der Gesellschaft?
Ich würde nicht sagen, dass es vergleichbar ist mit dem, was Autoren wie Oswald Spengler in ihren Büchern wie „Der Untergang des Abendlandes“ verkündet haben. Wir machen ja immer die Erfahrung, dass etwas, das mehr werden sollte, stattdessen weniger wird. Die Logik des Junkies, der immer mehr von der Droge will, wird immer universeller. Und dafür braucht man mehr und mehr Drogen. Es ist keine Dekadenz. Diese Logik verbindet sich eher mit der Idee des Fortschritts.

Inwiefern?
Die ständig verbesserte Produktionsweise im Kapitalismus ist das Ergebnis der Vorstellung, dass alles als im Fortschritt begriffen werden soll. Jedes Individuum soll vom Fortschritt erfasst werden, von der Verbesserung der Sinneswahrnehmung, von der Steigerung eigener Empfindungen. Es ist wie bei Scientology, dass man wie durch Ebenen aufsteigt und so immer fortschreitet. Genau darauf verweist die steigende Intensität unseres Lebens.

Warum haben Sie als Philosoph überhaupt ein Buch über Intensität geschrieben, bei der man an Bungee-Jumping denkt?
Es wurde für mich von da an interessant, als Menschen von unterschiedlichen Lagern, ideologische Feinde, dasselbe Wort, denselben Begriff verwendeten und zumindest dieses Ideal teilten: das Streben nach existenzieller Intensität. Das gilt für Revolutionäre und Hedonisten genauso wie für Liberale und Fundamentalisten. Sie vertreten nur verschiedene Ansichten über den Sinn dieser Intensität. Auch die radikalsten Gegner der Konsumgesellschaft und der hedonistischen Kultur verheißen Intensität, zum Beispiel eine seelische Ergänzung, die die Konsumgesellschaft angeblich nicht mehr zu bieten hat: Sie verteidigen das intensive „wahre“ Leben gegen das intensive Leben der Waren. Ich wurde aufmerksam, als mir klar wurde, dass Menschen, die gegen Konsum sind, trotzdem ein intensives Leben wollen.

Genau das tun ja viele Menschen durch Meditationen oder Yoga nun auch in den westlichen Gesellschaften.
Das sind Reaktionen auf die Intensivierung und die individuelle und kollektive Erschöpfung. Man verlangt nach dem, was das Denken sich als das am wenigsten Intensive vorstellt. Und hier werden Vorstellungen hervorgeholt wie die Disziplinen der traditionellen Weisheit und der Heilssuche. Unser Wesen soll ewig bleiben, wie es ist, der Körper, der nicht mehr dem Mehr oder Weniger seiner Wahrnehmungen unterworfen ist. Man findet so etwas auch in der stoischen Philosophie, etwa in dem Begriff der Ataraxie.

Was versteht man darunter?
Ataraxie bedeutet, dass deine Seele in einem Zustand ist, in dem sie nicht mehr durch Leidenschaften beunruhigt wird. Wenn es nun eine Intensität gibt, die gegen sich selbst arbeitet, ist die Reaktion eine Gegen-Intensität in Form einer traditionellen Weisheit und Disziplinen des Selbst wie es der Zen-Buddhismus oder andere buddhistische Disziplinen sind. Die Entwicklung ist keine Überraschung.

Warum nicht?
Die Menschen im Westen wurden seit den 70ern fasziniert von diesen asiatischen Disziplinen des Selbst, um die intensivistischen Werte des Lebens durch spirituelle Arbeit zu schwächen. Das gilt auch für Sufismus, Jainismus oder eben Stoizismus. Und das gilt auch für die westliche Philosophie. René Descartes schrieb in der Abhandlung über die Passionen der Seele, das Ziel sei es, „seine Leidenschaften auszugleichen“. Während die Weisheit die Passionen auszugleichen suchte, war es Ziel der Moderne, der Menschheit ein anderes Ziel als die Weisheit zu bieten. Die Moderne ist eine Art Anti-Weisheit.

Und wer hat gesiegt?
Der sich einstellende Routineeffekt des intensiven Lebens hat den alten Ideen der Wahrheit und des Heils wieder das Feld überlassen. Gerade deshalb gibt es den Eindruck, dass die Religionen und auch die Weisheitslehren wieder zurückkehren. Faktisch waren sie nie weg. Im Grunde bestätigt das ja den Befund: Wollen wir unser Leben steigern, führt es dazu, dass wir es mindern. Oder wir greifen das intensive Leben an und hoffen, wieder weise zu werden. Im einen wie im anderen Fall verlieren wir die Intensität.

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