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Die Autorin vor der indonesischen Bambus-Skulptur am Kunstverein.
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Die Autorin vor der indonesischen Bambus-Skulptur am Kunstverein.

Buchmesse

Mittlerin zwischen Welten

  • Claus-Jürgen Göpfert
    VonClaus-Jürgen Göpfert
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Die indonesische Journalistin Edith Koesoemawiria erklärt bei der Frankfurter Buchmesse den Deutschen ihre erste Heimat. Ihre Verbindungen und Kontakte sind gefragt.

Gerade geht die Sonne auf. Bricht durch die Wolken und taucht den Römerberg in ein fadenscheiniges Licht. Kehrmaschinen wuseln lärmend über das Pflaster. Arbeiter bauen Zelte ab, schleppen Dixi-Toiletten weg. Die Spuren der großen Feier zur Deutschen Einheit werden beseitigt. Eine kleine Frau quert den Platz, nähert sich rasch. Edith Koesoemawiria eilt in diesen Tagen von Termin zu Termin. Die indonesische Journalistin, die seit mehr als einem Vierteljahrhundert in Deutschland lebt, ist eine zentrale Figur beim Auftritt ihrer Heimat als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse vom 14. bis 18. Oktober. Ihre Verbindungen, ihre Kontakte sind gefragt. Die 56-jährige hat sich an diese Rolle als Mittlerin zwischen den Welten gewöhnt und sieht sie leidenschaftslos: „Ich bin eine Arbeits-Migrantin“, sagt sie schlicht.

Die Autorin und Übersetzerin, die mehr als 20 Jahre für die Deutsche Welle gearbeitet hat, ist geübt darin, ständig vom Englischen ins Deutsche oder ins Indonesische und wieder zurück zu wechseln. Ihre Beiträge für Zeitungen und Zeitschriften, auch ihre Bücher schreibt sie mittlerweile am Liebsten in Englisch. Sie spricht leise, denkt lange nach, bevor sie antwortet, tritt zurückhaltend auf.

An diesem frühen Morgen treffen wir uns vor der Bambus-Skulptur, mit der junge indonesische Künstler die Fassade des Kunstvereins am Römerberg verhüllt haben – ein Bestandteil der bemerkenswerten Ausstellung „Roots“ mit zeitgenössischer indonesischer Kunst. Die studierte Kommunikationswissenschaftlerin streicht nachdenklich über die glatte Oberfläche des Bambus. Er steht in ihren Augen für bedrohte Natur in ihrer Heimat – bedroht durch Industrialisierung, durch kapitalistische Spekulation. „Bambuswälder gibt es nur noch wenig – viel Wald wurde gerodet, weil ein Millionen-Schwarzmarkt für Bambus existiert, weil er im Westen als Luxusgut gehandelt wird.“

Im indonesischen Gastland-Pavillon auf der Buchmesse, sagt sie, wird es Fotobände geben, in denen natürlich die Bambuswälder zu sehen sind. Sie lacht, weil sie an die Klischees denkt, die in Deutschland mit dem größten muslimischen Land der Erde, mit den 250 Millionen Indonesiern, verbunden werden. Bambus gehört dazu. „Die Deutschen wissen über Tsunamis Bescheid, über Flugunfälle und Vulkane“.

Und dann ist da natürlich noch Bali, so eine Art Sehnsuchtsland für die Deutschen. Die nicht einmal 6000 Quadratkilometer große Insel steht im Westen für naturverbundenes Leben, für Innerlichkeit, Frieden, Befreiung von den Krankheiten der Zivilisation. Das Problem ist nur, dass mittlerweile Hunderttausende genau diese Werte auf Bali suchen – und dabei die Insel langsam zerstören. „Es gibt auf Bali mittlerweile eine Bewegung der Einheimischen gegen die Touristen – die wehren sich dagegen, dass immer neue Hotels gebaut werden.“ Unter den 70 indonesischen Autorinnen und Autoren, die aus Anlass der Buchmesse nach Frankfurt kommen, stammen drei von Bali – sie erzählen in ihren Büchern genau von diesem Konflikt.

Die Journalistin atmet tief durch. Wir sitzen jetzt in einem Café am Paulsplatz und sprechen über die Liebe. Wegen ihr ist die Tochter einer Diplomatenfamilie einst nach Deutschland gekommen. Ihre Eltern führten als Angestellte des indonesischen Außenministeriums ein Nomadenleben rund um den Globus – und die Tochter war immer dabei. Geboren ist sie in Australien, hat aber später an der University of Ottawa in Kanada studiert, wo sie auch ihren Mann kennenlernte. Als er nach Deutschland wechselte, ging sie mit.

Flucht vor Militärdiktatur

In Deutschland lernte sie andere indonesische Arbeitsmigranten kennen. Die erste Welle war in den 60er Jahren gekommen: Junge indonesische Frauen, die zu Tausenden in den deutschen Krankenhäusern arbeiteten, die händeringend medizinisches Personal suchten. „Viele dieser Frauen sind in Deutschland geblieben, sie haben Deutsche geheiratet und haben jetzt schon Enkel.“

Später kamen Studenten und kritische Intellektuelle nach Deutschland, aber auch Angehörige der Mittelschicht. Sie flohen vor der blutigen Militärdiktatur General Suhartos, der in den 30 Jahren von 1967 bis 1998 in Indonesien vielleicht eine Million Menschen zum Opfer fiel. Vielleicht starben auch viel mehr, niemand weiß das so ganz genau. Die Aufarbeitung dieser düsteren Zeit der Unterdrückung hat in dem riesigen Inselstaat gerade erst begonnen – auch darum wird es gehen bei der Frankfurter Buchmesse.

„Viele Indonesier in Deutschland hegten sehr lange den Gedanken, wieder in ihre Heimat zurückzukehren – aber sie konnten nicht, es war zu gefährlich“, sagt Koesoemawiria leise. In ihrem Buch „Traum der Freiheit“, erschienen 1995 zum 50. Jahrestag der indonesischen Unabhängigkeit, hat sie sich mit der Diktatur beschäftigt. Bei der Deutschen Welle berichtete sie Jahrzehnte über die Unterdrückung.

Heute ist Indonesien ein Land im politischen Aufbruch, das vorsichtig Demokratie erprobt unter dem jungen Staatspräsidenten Joko Widodo. Aber die Gefahr eines Rückfalls ist nicht gebannt, so sieht es die Journalistin. „Es wird immer ein Kampf bleiben“, sagt sie: „Dieser Präsident hat gewonnen, weil sein Gegner aus dem Militär kam.“ Aber die großen, sehr reichen Familien, die Jahrzehnte die Diktatur stützten, gibt es immer noch: „Und sie sind sehr einflussreich.“

Doch die Frankfurter Buchmesse wird auch zeigen: Es existiert eine neue, selbstbewusste, junge Generation in Indonesien, die für Demokratie steht. „Es gibt sehr starke junge Frauen, die schreiben – sie sind politisch engagiert und wollen wissen, was in der Vergangenheit geschehen ist.“

In dem muslimischen Staat Indonesien seien Frauen „mehr gleichberechtigt als in anderen muslimischen Ländern“, urteilt die Autorin. Koesoemawirias Eltern waren Muslime. Für sie selbst spielt ein Glaubensbekenntnis keine Rolle mehr: „Ich bezeichne mich selbst nicht als Angehörige einer bestimmten Religion – was jemand glaubt, ist eine private Sache“.

Es gibt radikale Muslime in ihrer alten Heimat, die mit Gewalt für ihre Sache kämpfen: „Das ist eine kleine, aber sehr laute Gruppe, ähnlich den Rechtsradikalen in Deutschland.“ Draußen strömen jetzt die japanischen Touristen vorbei, in Richtung Römerberg, eine geschlossene Gruppe, mit einem Fremdenführer vorneweg, der einen roten Schirm in die Luft reckt.

Unterschiede in der Mentalität

1986 kam Edith Koesoemawiria zum ersten Mal nach Deutschland, seit 1989 lebt sie fest hier, lange in Köln, seit einigen Monaten in Frankfurt. Die Unterschiede in der Mentalität von Indonesiern und Deutschen könnten nicht größer sein. Wieder lacht die Journalistin, ein Lachen, das ganz tief von innen kommt. „Die Indonesier sind nicht so nach außen gewandt, sie arbeiten leise an einer Sache und erst ganz am Ende sprechen sie darüber.“ Die Deutschen dagegen, nun ja, sie redeten viel mehr über das, was sie beschäftige, „sie zeigen jede einzelne Stufe her und erzählen davon.“ Schon gar nicht sprächen die Indonesier leichtfertig über Gefühle und Gedanken. „Sie schlucken, was ihnen an Negativem begegnet und versuchen in der Stille, einen Ausweg zu finden.“

In den Zeiten der Diktatur in ihrer Heimat sind die Indonesier in Frankfurt und in anderen deutschen Städten eng zusammengerückt, haben ein Netzwerk geknüpft. „Es gibt Communities in fast allen Großstädten“. Und die Journalistin ist überall bestens vernetzt. Die indonesische Gemeinschaft in Frankfurt ist sehr klein, gerade einmal 384 Staatsbürger sind in der Stadt offiziell gemeldet, eine davon ist Koesoemawiria. Wir sprechen über Heimat. „Meine Heimat ist meine zweite Heimat“, sagt die Autorin und meint Indonesien. Dort lebt ihre Mutter noch, dort wohnen andere Familienangehörige. Aber natürlich hat sie längst in Deutschland Wurzeln geschlagen.

Zwischen Frankfurt und der indonesischen Hauptstadt Djakarta klaffen tatsächlich Welten. In Djakarta, der Metropole mit 13 Millionen Einwohnern, „herrscht ständig Stau – für drei Kilometer brauchen sie mit dem Auto eine Stunde.“ Edith Koesoemawiria hat sich an die deutschen Städte gewöhnt, Kommunen wie Köln oder Frankfurt, „so klein und angenehm“. In Frankfurt faszinieren sie die schönen Kinderspielplätze.

Natürlich erinnert sie sich noch an den kleinen Bambushain im Dorf ihrer Mutter. Aber sie ist sich „nicht sicher, ob ich in Indonesien noch leben könnte.“ Zu stark sind die Prägungen, die sie in Jahrzehnten in Deutschland erfahren hat. Nein, die Tochter indonesischer Eltern ist entschlossen: „Ich will hierbleiben“.

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