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Bei der Geiselnahme am 5. September 1977 in Köln starben drei Polizisten und der Fahrer starben. Hanns Martin Schleyers Leiche wurde am 19.10.1977 gefunden.
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Bei der Geiselnahme am 5. September 1977 in Köln starben drei Polizisten und der Fahrer starben. Hanns Martin Schleyers Leiche wurde am 19.10.1977 gefunden.

Die mittlere Ebene der Macht

Einstiger Nazi, trinkfester Verhandlungspartner der Gewerkschaften: Lutz Hachmeister will das Bild Hanns Martin Schleyers von Klischees und falschen Zuschreibungen befreien

Von ANGELA GUTZEIT

Vom Ende blieben nur noch diese unauslöschlichen Bilder: Hanns Martin Schleyer, der bullige Arbeitgeberpräsident mit den Schmissen an der Wange. Nun ein Gefangener der RAF. Mit tiefen Ringen unter den Augen und einem trostlosen Blick, gerichtet in die Kamera seiner Peiniger. Und auch diese gerannen zu Stereotypen mit ihren hartkonturierten Gesichtern, aufgereiht auf hunderttausendfach verbreiteten Fahndungszetteln, und versehen mit dem Flair der unerbittlichen Stadtguerilla. Was für ein Thema für einen Medienfachmann wie Lutz Hachmeister, diese Bilder neu zu beleuchten, auf ihre Wirkung im Fernsehzeitalter hin zu befragen und ihren Stillstand aufzuheben, in dem sie seit den siebziger Jahren verharren!

Das ist der Anspruch, den Hachmeister zu Beginn seines Buches Schleyer. Eine deutsche Geschichte formuliert: Er will die Protagonisten des damaligen Geschehens noch einmal aus den Tiefen der Vergangenheit neu aufeinander zuführen und insbesondere Schleyer von allen - medialen - Zuschreibungen befreien, das stillstehende Bild des RAF-Gefangenen mit dem Schild um den Hals und des "vom Staat Geopferten" in Bewegung setzen. Schleyers Biographie sei seit seiner Ermordung ein Tabu, so Hachmeister, die Konfrontation des Linksterrorismus deutscher Provenienz mit Repräsentanten des verhassten kapitalistischen Nachfolgestaates des Naziregimes seitdem versiegelt - obwohl diese Konfrontation das Land doch so sehr verändert habe.

Aber war Hanns Martin Schleyer tatsächlich dieser hochrangige "Überkapitalist"? Ein "Boss der Bosse" der bundesdeutschen Nachkriegsindustriellen mit der verbrecherischen Nazivergangenheit? Und gab es überhaupt ein politisches Konzept der RAF, in das sich die Geiselnahme Schleyers im Herbst 1977 durch das "Kommando Siegfried Hausner" einpassen lässt? - Fragen aus der historischen Distanz. Um sie beantworten zu können, will der Autor, der im vergangenen Jahr auch einen viel beachteten Film zum selben Thema vorlegte, nicht vom Ende Schleyers her schreiben, wie ihn die öffentliche Meinung fixiert habe, sondern sich mit unverstelltem Blick dem Werdegang dieses Mannes nähern, von seinem Anfang her erzählen, und insbesondere seine Funktionen während der NS-Zeit erhellen.

Institutionen und Funktionsträger

Aber hier taucht gleich die erste Schwierigkeit auf. Denn auch das heutige Interesse am Leben Hanns Martin Schleyers lässt sich gar nicht anders begründen als von seinem Ende her. Wäre er nicht Opfer der RAF geworden, wäre dieses Buch nicht entstanden. Es würde der Spannungsbogen fehlen. Und so liest man tatsächlich hier auch auf das Ende hin - und hat dabei an den ersten 150 Seiten, das ist immerhin fast die Hälfte des Buches, recht schwer zu kauen. Der Grund dafür ist relativ simpel: Schleyer, um es vorweg zu nehmen, hat über weite Strecken eine recht durchschnittliche Biographie - eher eine des Mittelmaßes als der Höhepunkte. Es mag ja sein, dass, wie Hachmeister im Vorwort diese teilweise unergiebige biographische Spurensuche begründet, die junge Funktionselite der NS-Zeit von der Geschichtsschreibung nicht hinreichend berücksichtigt worden sei. Es fehlte bislang die Kenntlichmachung der "mittleren Ebene der Macht", so der Autor. Und das sei die selbst gestellte Aufgabe der so genannten "neuen Biographien", zu denen er seine Schleyer-Publikation nachdrücklich zählt.

Aber diese "mittlere Ebene der Macht" hat eben - zumindest als Einzelbiographie - doch recht wenig Spannendes zu bieten. Jugend und Schulzeit des 1915 geborenen Offenbachers als Sohn eines NS-treuen und zum Denunziantentum neigenden Gerichtsassessors lassen sich noch genauer fassen, was Details zu seiner heranreifenden Persönlichkeit angeht. Aber dann wird es zunehmend mühsamer. Hanns Martin Schleyer war zwischen 1937 und 1943 Leiter der Studentenwerke von Heidelberg, Innsbruck und Prag. Das lässt sich alles noch recht lückenlos belegen. Dafür aber ist Hanns Martin Schleyer als Mensch kaum noch fassbar. Hachmeisters Recherchen gleiten über weite Passagen ab in trockene Darstellungen von Institutionen und ihren Funktionsträgern, obwohl der selbst gesetzte Ansatz ja gerade lautet, sozialwissenschaftliche Institutionenanalyse mit einer biographischen, "verstehenden" Erzählweise zu verbinden.

Noch problematischer wird es in den weiteren, aber doch so wichtigen Kapiteln über Schleyers beruflichen Einstieg in Wirtschaftskreise während der NS-Zeit. Ab 1943 ist Schleyer beispielsweise im Zentralverband der Industrie für Böhmen und Mähren tätig und wird nach kurzer Zeit die rechte Hand des Präsidenten Bernhard Adolf. Dieser Verband war dafür zuständig, die tschechische Industrie im Protektorat den deutschen Interessen zu unterwerfen und arbeitete eng mit Funktionsträgern der NSDAP zusammen.

Man erhält hier ohne Frage wertvolle Informationen über die Wirtschafts- und Parteielite im besetzten Böhmen und Mähren. Für sich gesehen ist das eine interessante Studie. Aber Hanns Martin Schleyer ist in diesen Kreisen kaum zu verorten, ja geht oft seitenweise vollends verloren. Hachmeister begründet das mit einer schwierigen Quellenlage, weil Akten in der Endkriegszeit vernichtet worden seien. Deshalb behilft der Autor sich dann so manches Mal mit diffusen Zuschreibungen. Das hört sich dann beispielsweise so an: "Das also war die Sphäre des ,Zentralverbandes' ..., mit der Hanns Martin Schleyer 1942 in Berührung gekommen ist." Oder : "Schleyer hätte auch blind und taub sein müssen, wenn er von der ,Entjudung' und ,Arisierung' in Böhmen und Mähren nichts mitbekommen hätte." Oder: "Das alles war mit seinem nationalsozialistischen Weltbild kompatibel." Oder: "Im Windschatten des Rüstungsobmannes (Friedrich Kuhn) ist Hanns Martin Schleyer mit nach vorne gesegelt." Dürftiges Fazit: Schleyer war nie ganz vorne, aber auch nicht hinten. Er war irgendwie mittendrin dabei!

Sicher ist im Kern: Hanns Martin Schleyer war als junger Mann NSDAP- und SS-Mitglied. Er hatte seine spätere Karriere - wie so viele - seinen Funktionen in der NS-Zeit und alten Seilschaften zu verdanken. Erst in der Nachkriegszeit wird es dann spannend mit Schleyer, und das Buch gewinnt an Dichte und Aussagekraft. Schleyer erhält Kontur als joviales, trinkfestes Verhandlungstalent mit den Gewerkschaftern. Knallhart in der Sache, aber zuverlässig bei den einmal ausgehandelten Ergebnissen. Ein geselliger Mensch, der gern in Kölner Bahnhofskneipen verschwindet, um bis in die Morgenstunden zu kegeln. Ein rhetorisches Talent mit organisatorischer Begabung, aber schließlich in seiner Doppelfunktion als BDI/BDA-Präsident hoffnungslos überfordert.

Vom Hassobjekt zum Opfer

Nicht zuletzt aber die Medien stilisierten ihn zum "Boss der Bosse", wozu seine "wohlgenährte" Erscheinung und die Physiognomie mit den Schmissen aus den Zeiten in einer schlagenden Verbindung ihr Übriges taten. Auch Bernd Engelsmanns Buch Großes Bundesverdienstkreuz (1974), das nach Hachmeisters Worten von "DDR-Stellen" großzügig unterstützt worden sei und in dem Schleyer unter anderem fälschlicherweise als "SS-Kampfkommandant" bezeichnet werde, habe Schleyer zum Hassobjekt linker Kreise gemacht.

Hier ist Lutz Hachmeister offensichtlich ganz in seinem Element, wenn er ausführt, dass die RAF mit Schleyer als Entführungsopfer nicht zu Rande kam. Zum einen, weil die Geisel im Verlauf ihrer "Verhöre" immer weniger in die vorgefertigte Schablone des Imperialisten und Naziverbrechers hinein passte. Dann, weil den Kidnappern auch die intellektuelle Kompetenz gefehlt habe, mit ihren Informationen über Schleyer öffentlich zu agieren. Des weiteren: Je länger Schleyer in der Gewalt der RAF gewesen sei, desto stärker sei der in der Öffentlichkeit eher ungeliebte Wirtschaftsführer zum beklagenswerten Opfer mutiert. Ihn gegen gefangene Gesinnungsgenossen auszutauschen - die eigentliche Motivation zur Geiselnahme - diese Möglichkeit hätten sie sich jedoch schon aufgrund der vorangegangenen Morde an Schleyers Fahrer und seinem Begleitschutz von vorne herein verstellt.

"Mit ihrem Vater- und Staatskomplex", so resümiert Hachmeister, "die in der Ermordung Schleyers kulminierte", habe die RAF dazu beigetragen, eine zählebige "neue Mitte" aus "technokratischer Sozialdemokratie und linksbürgerlichen Christdemokraten" als Konsensraum in der Abwehr des Linksterrorismus herauszubilden. Dies herzuleiten aus der Entstehung und Konfrontation bundesdeutscher "Parallelwelten" in der Nachkriegszeit ist Lutz Hachmeister gut gelungen. Im Buch aber insgesamt eine überzeugende Biographie zu erkennen, die sich sinnvoll mit sozialgeschichtlicher Analyse von Strukturen beschäftigt, fällt zumindest im ersten Teil sehr schwer.

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