"Mit dir wäre mir das nicht passiert"

Brigitte Seebacher verfasst eine Biographie ihres Genossen und Gatten Willy Brandt

Von ALEXANDER GALLUS

Was ist das bloß für ein Buch? Es liest sich insgesamt gar nicht schlecht und ist selten langweilig, an einigen Stellen schön boshaft-unterhaltsam. Es wirkt aber nicht wie aus einem Guss, sondern setzt sich aus verschiedenen Teilen zusammen. Hagiographische Passagen sind darin ebenso vorhanden wie autobiographische, biographische und historische Abschnitte.

Diese eigentümliche Mischung war vielleicht unvermeidlich angesichts der Autorin: Brigitte Seebacher, zunächst Willy Brandts Genossin, dann Geliebte, schließlich seine dritte und letzte Ehefrau. Die Nähe zum Protagonisten des Buches ist unbestritten und hätte eine Erinnerungsschrift der Witwe mit allerlei persönlichen Impressionen erwarten lassen, gleichsam als Fortsetzung der Memoiren (Freundesland) von Brandts zweiter Ehefrau Rut. Doch dieser Anspruch wäre Brigitte Seebacher wohl schon deshalb zu gering gewesen, weil sie sich dann stets im Schatten ihrer Vorgängerin gesehen hätte. Die immerhin über dreißig gemeinsamen Jahre mit Rut waren persönlich (drei Kinder) wie politisch (Kanzlerschaft) wohl seine bedeutendsten.

Ein Meister des Rückzugs

Seebacher ist für ihre scharfe publizistische Klinge bekannt, stand als Journalistin erst im Dienste der deutschen Sozialdemokratie, später in dem der Deutschen Bank. Außerdem ist die promovierte Historikerin als Lehrbeauftragte am Seminar für Politische Wissenschaft der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn tätig. Auf ihre Frage, nach seinem Tod aus ihr werden solle, antwortete der sterbenskranke Willy Brandt: "Dann schreibst Du ein Buch über mich." Und tatsächlich: Die Schilderung des Geliebten in den ersten Jahren ihres gemeinsamen Lebens ist genauso liebevoll wie die des todkranken, vom Krebs gezeichneten Ehemanns anrührend. Je näher Brigitte Willy persönlich ist, desto besser ist das Buch. Sie beschreibt ihn als einen umgänglichen und genügsamen Menschen, der ein "Fremdling überall" blieb und ein "Meister des Rückzugs" war. Manches Mal beschwert die Autorin ihn allerdings mit viel Pathos: "Den Rückzug wohin? Ins Innerste. Wo er unberührbar ist, frei, sich nicht beugt. Auch vor dunkler Nacht nicht."

Je mehr sich das Buch politisch-historischen Fragen und anderen Persönlichkeiten zuwendet, mit denen Willy Brandt während seines Lebens zusammentraf, desto schwächer und einseitiger wird es. Von Beginn an porträtiert und beurteilt Brigitte Seebacher die Weggefährten Willy Brandts, ob Förderer und Mitstreiter oder Konkurrenten und Gegner. Um eine abgewogene Würdigung selten bemüht, nimmt sie Zuordnungen nach einer Art Freund-Feind-Schema vor. Sie streicht in dieser Hinsicht selbst einen Unterschied zu Willy Brandt heraus: "Unser beider Art zu denken und zu schreiben war gegensätzlich. Er glättete und rundete, wo ich überspitzt hatte."

Eine Eigenschaft Willy Brandts war, glaubt man Seebacher, die Nachsicht gegenüber Neidern und Feinden. Es scheint so, als wolle sie dies im Nachhinein kompensieren. Zu den wenigen, die Lob erfahren, zählen Felipe González, den Brandt "mochte wie einen Ziehsohn", der "liebe Freund" Klaus Schütz und Helmut Kohl, der in den letzten Lebenswochen Willy Brandts der "erste und einzige Besucher" war, der auch ein Wort für Frau Seebacher hatte. Klaus von Dohnanyi schneidet gleichfalls gut ab - ob seiner nationalen Gesinnung, die vielen Linken und Sozialdemokraten 1989/90 abging, das hatte die Autorin bereits in ihrer durchaus erfrischenden Streitschrift Die Linke und die Einheit (1991) heftig gerügt.

Die Liste der Verdammten ist lang, man kann wohl behaupten, so lang wie der gesamte Band. Sie reicht von Richard von Weizsäcker über Lech Walesa und den "Juso Eichel" bis zu den "Koschnicks, Vogels und Raus", denen "mehr als nur die Fortüne" fehlte. Egon Bahr schreibt sie einen Verstand zu, "dem analytische Kraft innezuwohnen schien". Einen Architekten seiner Politik wollte Brandt in ihm aber nie erkennen, weiß Seebacher. Vernichtend urteilt sie über François Mitterrand und Oskar Lafontaine: "Mitterrand legte sich Überzeugungen zu wie Kleider. ? Die Kunst des Beidrehens beherrschte er vollkommen. Gestaltungskraft ging ihm in gleichem Maße ab. Ein Gespür für geschichtliche Triebkräfte hatte er nicht." Lafontaine, berichtet sie, habe Brandt an einen Luftballon erinnert: "Wenn man reinpiekst, ist die Luft raus."

Doch es sind zwei andere Personen, denen Seebacher mit noch größerem Argwohn begegnet, weil sie ihnen die Verantwortung für den Kanzlersturz 1974 zuschiebt: Rut Brandt und Herbert Wehner. Sie wird nicht müde zu betonen, dass ihr Willy später immer wieder gesagt habe: "Mit dir wäre mir das so nicht passiert." Die "Spannkraft" ihres Heroen musste damals, Anfang der Siebziger, nachlassen, "erst recht angesichts der Kälte, die ihn zu Hause umgab". Im Falle Wehners möchte man beinahe von überschäumendem Hass sprechen. Die Schrift wirkt manchmal wie der "Anti-Wehner". Brigitte Seebacher hängt der (Verschwörungs-)Theorie an, dass mit Wehner der ewige Kommunist im Verbund mit Moskau und Ostberlin Brandt ans Messer geliefert habe. Doch trotz aufwändiger Archivrecherchen bleibt sie einen schlüssigen Beweis für die Intrigen-These schuldig. Eine Meisterin der Andeutung und Suggestion jedoch ist sie.

Der Kanzlersturz

Anders als es sich für einen Historiker geziemt, fühlt sie sich nur unzureichend in die Motiv- und Interessenlage der beteiligten Akteure ein: Weshalb sollten sich die Machthaber im Osten ein Ende der Brandtschen Kanzlerschaft gewünscht haben? Eine Frage ohne Antwort. Die Argumentation der beiden Brandt-Biographien Gregor Schöllgens (2001) und Peter Merseburgers (2002), die Seebacher geflissentlich ignoriert, halten sich da an die verfügbaren Quellen und geben überzeugendere Antworten. Ihnen zufolge ist Brandt am Ende an sich selbst gescheitert: Die Affäre Guillaume lieferte nur noch den Anlass für den Kanzlersturz. Brandt sei zwei Jahre nach dem großen Wahlsieg von 1972 erschöpft und ausgebrannt gewesen, litt an Resignation und einer angeschlagenen Konstitution, was sich etwa an einem wenig energischen Führungsstil zeigte.

Auch manch anderes Urteil Seebachers über die politische Verortung Willy Brandts erscheint fragwürdig. So ist es wohl richtig, dass Brandt gemeinsam mit seinem Ziehvater Ernst Reuter früher als andere in der SPD für die konsequente Westbindung der Bundesrepublik eintrat. Doch verkennt diese allzu pointierte Würdigung, dass Brandt 1952 für ein genaues Ausloten der Stalin-Note plädierte, später die Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG) missbilligte und in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre ein wiedervereinigtes bündnisfreies Deutschland für bedenkenswert hielt.

Wenig überzeugend ist auch die Behauptung, Brandt sei kein Mann der Mediengesellschaft gewesen. Gerade unter Willy Brandt, den Seebacher richtig als Charismatiker charakterisiert, machten sich die Sozialdemokraten mit den Erfordernissen eines modernen Wahlkampfs vertraut. Die Wahlkämpfe ab 1961 wirkten hinsichtlich Werbung und Stil wie des Einsatzes professioneller Wahlkampfmanager und -methoden "amerikanisiert". Schließlich strapaziert die Autorin allzu sehr das Bild vom leidenschaftlichen deutschen Patrioten Willy Brandt. Nicht nur bei diesem letzten Aspekt entsteht der Eindruck, dass Brigitte Seebacher ihre Sichtweise auf Willy Brandt überträgt. Am Ende sagt das Buch mehr über sie als über seinen Protagonisten aus. Jeder muss selbst entscheiden, ob dafür die Lektüre lohnt.

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