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Misanthropischer Mitläufer

VS Naipauls "Magische Saat": Leidensgeschichte des unbedarften Willie Chandran, der sich indischen Guerillakämpfern anschließt

Von PETER MÜNDER    

"Wie konnte jemand überhaupt den Mut aufbringen, einen Satz zu formulieren", fragt sich der verunsicherte und desorientierte Grübler Willie Chandran, als er im indischen Gefängnis-Hospital nach langer entbehrungsreicher Zeit im Dschungel wieder Bücher lesen darf. Der völlig aus der Bahn geworfene Autor, der sich für sieben Jahre einer indischen Guerillagruppe anschloss, betrachtet während seiner jahrelangen Haftzeit auch Aspirin- und Hustensirup-Flaschen und ist überwältigt vom Selbstvertrauen der Beipackzettelschreiber. Selbst die banalsten Hinweise auf Risiken und Nebenwirkungen sind nun für ihn eine großartige Offenbarung, eine "Steigerung des intellektuellen Vergnügens, ein Hinweis auf Dinge, von denen er bisher wenig wusste". Dabei hatte Willie ja selbst während seiner Londoner Jahre den Mut aufgebracht, Sätze zu formulieren:  Als Mitarbeiter der BBC produzierte er zahlreiche Beiträge und publizierte einen kaum  beachteten Roman, den er selbst mit einer vernichtenden Kritik bedachte: "Lasst das Buch doch eingehen, ich hätte es nie schreiben dürfen".  

Phlegma, dein Name ist Willie: Resignativ, mit  weinerlichem Selbstmitleid, ohne Biss und Stehvermögen gab Willie seine literarischen Ambitionen auf. Ohne Ehrgeiz, ohne Perspektive driftet er in immer neue Rollen und Verhaltensmuster, ohne je eine greifbare Identität zu entwickeln. Eigentlich ist dieser indische Mann ohne Eigenschaften immer zur falschen Zeit am falschen Platz mit unpassenden Aktivitäten beschäftigt. Nie ergreift er selbst die Initiative, immer ist er der fremdgesteuerte Handlanger Anderer.

In dem 2001 veröffentlichten Roman Ein halbes Leben (s. FR vom 13. Dezember 2001) hatte der im selben Jahr mit dem Nobelpreis ausgezeichnete VS Naipaul die Lehr- und Wanderjahre dieses unsteten Grüblers beschrieben. Willie Chandran hatte Indien verlassen, einen Neuanfang in London versucht und mit seiner Frau  achtzehn Jahre in Mozambique verbracht. Seine Affäre mit einer Nachbarin, auch die jungen Bordellmädchen konnten ihn  nur vorübergehend aufmuntern. Desinteressiert  und phlegmatisch lässt er alles an sich vorbeiziehen: Die koloniale Epoche, die beginnenden Revolten gegen die portugiesischen Kolonialherren, die Impressionen aus den Bordellen, schließlich auch die Trennung von seiner Frau. In Berlin nimmt ihn dann seine  Schwester Sarojini auf, eine linksliberale Dokumentarfilmerin, die sich auf Berichte über Befreiungskämpfe  in Ländern der Dritten Welt kapriziert hat und über gute Kontakte zu diesen Gruppen verfügt. Hier setzt nun die Fortsetzung Magische Saat ein.

Bei der falschen Truppe

Als Willies Visum abgelaufen ist, bedrängt ihn Sarojini, sich einer indischen Guerillagruppe anzuschließen. Mit dem Enthusiasmus eines desinteressierten Freizeitsportlers, der überlegt, in welchen Fußballclub er eintreten soll, stößt  Willie Chandran tatsächlich zu einem Revoluzzer-Häuflein. Doch es stellt sich heraus, dass der mit  einer Rolex am Handgelenk ausgerüstete Willie bei der falschen Truppe gelandet ist. Aussteigen kann er nicht, so macht er notgedrungen weiter mit unsinnigen Nachtübungen im Dschungel von Andrah Pradesh und geheimen Kurier-Missionen. Sympathisanten versorgt er mit Waffen, außerdem muss er immer wieder  das Imitieren von Vogelgezwitscher üben, das als geheimes Erkennungssignal dient.   

Da die Dorfbevölkerung die Möchtegern-Kämpfer nicht ernst nimmt, werden Landbewohner willkürlich umgebracht, womit sich die Guerillas  mehr Respekt verschaffen wollen. Willie wird zur  Durchführung  einer solchen Exekution gezwungen und zweifelt danach  immer stärker am Sinn dieser Aktionen, die keine klar definierten politischen Ziele haben. Als er sich im Vertrauen auf eine großzügige Amnestie der Polizei stellt, wird er jedoch inhaftiert. Erst die Initiative der Schwester kann Willie, inzwischen fünfzig Jahre alt, vorzeitig zur Entlassung und zur Rückkehr nach London verhelfen. Hier gibt ihm ein befreundeter Unternehmer die Chance, eine Ausbildung als Grafiker zu machen und bei einem Architektur-Magazin mitzuarbeiten. Offen bleibt, wie lange dieser somnambule Anti-Held sich für diese Perspektive erwärmen kann.

Mit Exkursen  über  ein allzu verwirrendes Londoner Multi-Kulti-Gemisch, mit Beschreibungen der sexuellen Vorlieben des befreundeten Anwalts Roger, mit dessen Frau Willie eine Affäre hat, und mit Überlegungen über den allgemeinen Verfall der Sitten endet diese Magische Saat, die nirgendwo magische Kräfte entfaltet.

Wenn es ein Leitmotiv im Leben des außengelenkten, antriebsschwachen Grüblers Willie Chandran  gibt, dann ist es Halbherzigkeit. Willie Chandran, den Naipaul  ja schon in Ein halbes Leben als großen Zauderer  beschrieb, ist hier keineswegs zum entschlossenen, idealistischen Befreiungskämpfer mutiert. Vielmehr  akzeptiert er mit fatalistischer Gleichmut  den nervtötenden pseudo-militärischen Drill,  das Herumstreifen in abgelegenen Wäldern und das aufdringliche Schnorren bei verarmten Landbewohnern. Der  Guerillakampf  ist für ihn eine Art ABM-Maßnahme: Unbequem, aber wie soll er sonst die Zeit totschlagen? Den Anstoß lieferte  vor einigen Jahren Naipauls Begegnung mit zwei Führern einer Untergrundbewegung in Andrah Pradesh. Dabei wurde er wohl mit dem ritualisierten Selbstzweckcharakter dieser Bewegungen  und dem Verrat  idealistischer Befreiungsziele konfrontiert.    

Inkarnation des Burnout-Syndroms

Der über siebzigjährige Naipaul hatte  letztes Jahr während einer Lesung beim British Council in Neu-Delhi angekündigt, dies sei sein letzter Roman: "Ich bin zu alt und mir fehlt die Energie, um weiterzuschreiben". Vielleicht  hat er deswegen  seinen zwar jüngeren, aber extrem müden, ideenlosen Protagonisten Willie Chandran  wie eine Inkarnation dieses Burnout-Syndroms gestaltet? Mit seinen bissigen Kommentaren und kritischen Reiseberichten aus Indien und anderen Ländern der Dritten Welt (Land der Finsternis, Eine islamische Reise) hatte sich Naipaul als distanzierter Beobachter ohne eindeutiges politisches Engagement gezeigt. Denn  Autoren mit einem eindeutigen politischen Sendungsbewusstsein haben nach seiner Ansicht ihre Glaubwürdigkeit  verspielt. Seine in Islamische Reise geäußerte Kritik an autoritären islamischen Systemen ist ebenso bissig  wie überzeugend, seine Polemik gegen  den Autorenkollegen Salman Rushdie dagegen grotesk: Die von Ayatollah Khomeini gegen Rushdie verhängte Fatwa  bezeichnete Naipaul einmal als " ziemlich  drastische Literaturkritik".  

Vielleicht will Naipaul nun mit Hilfe des alter ego Willie und dessen lauwarmen Sentenzen über erotomane Briten und  verkorkste indische Freiheitskämpfer das Image des allzu  polemischen Heißsporns konterkarieren?  Stellenweise macht Willie ja auch Anstalten, seine früheren kritischen Ansichten zu korrigieren.  So hatte er etwa indische Reinigungskräfte bisher nur als überflüssige "Verteiler von Dreck" angesehen, jetzt ermahnt er sich, deren Aktivitäten ernster zu nehmen.

Fatal ist, dass der Biss und die kritische Perspektive  früherer Naipaul-Reportagen und Romane einer beliebigen Nonchalance gewichen sind  und sich Willies Halbherzigkeit und Unmotiviertheit im Erzählduktus des Autors widerspiegeln. Ohne Fixpunkt, ohne Ziel driftet er als gelangweilter Flaneur  durchs Leben. Ob Indien oder Mozambique, London oder Berlin: Ein diffuser Grauschleier liegt über diesen Stationen, so blass wie Willies Erinnerungen wirken auch die Figuren in diesem Melodrama.  

"Es ist falsch, eine Idealvorstellung von der Welt zu haben. Das ist die Wurzel allen Übels, damit beginnt das Verhängnis", räsonniert Willie  am Schluss.   Als ernst gemeinte Aufforderung, sich durchs Leben zu wursteln ist diese Stammtisch-Weisheit gerade in Hinsicht auf indische Verhältnisse ein zynisches Plädoyer für die Beibehaltung eines rigiden Kastenwesens, extremer Ausbeutung und der Perpetuierung gesellschaftlicher  Konflikte.

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