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Karen Köhler, 1974 in Hamburg geboren.

Literatur

„Miroloi“ von Karen Köhler: Ein Mädchen singt sich ein Totenlied

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Karen Köhlers Debütroman wird zum Teil erstaunlich aggressiv kritisiert. Dabei erzählt „Miroloi“ klug und spannend von einer Selbstbefreiung.

Das Mädchen hat keinen Namen, kein Woher und kein Wohin. Es ist nicht wie die anderen im Dorf. Was das heißt, erfährt es jeden Tag. Wenn die alten Frauen es „Eselshure“ nennen und die kleinen Kinder ungestraft Steine nach ihm werfen. Wenn es bei der wöchentlichen Andacht allein in der letzten Reihe sitzt. Wenn es seine geliebte Katze Minki erdrosselt vor dem Haus findet und weiß, jeder der Dörfler könnte der Mörder sein. Schönes Dorf wird der Ort genannt, an dem eine Priesterkaste über die Regeln des Zusammenlebens entscheidet, an dem die Männer viel dürfen und die Frauen wenig. Für das Mädchen ist er die Hölle.

Karen Köhler erzählt in ihrem Debütroman „Miroloi“ die Geschichte einer jugendlichen Außenseiterin, die gegen die starren Regeln ihrer Umwelt rebelliert und dabei zu sich selbst findet. Ein klassischer Coming-of-Age-Roman, für den Köhler eine ungewöhnliche Form wählt. „Miroloi“ steht für Totenlied, das Mädchen singt es für sich selbst, in 128 Strophen erzählt es sein Leben. Manche dieser Kapitel ähneln tatsächlich Liedzeilen und bestehen nur aus wenigen Worten. Wie das 37. über die erste verbotene Begegnung mit dem zukünftigen Geliebten: „Ich versuche, ihn zu vergessen beim Aufwachen. Versuche, ihn zu vergessen beim Atmen. Beim Inderweltsein. Den ganzen Tag strenge ich mich an und versuche, ihn zu vergessen.“ Andere Strophen kommen wie längere Tagebucheinträge daher, doch die Grundstruktur verleiht dem Roman einen eigenen Rhythmus, eine besondere Dramaturgie, die das Lesen vorantreibt.

Für das Setting des Romans hat Köhler bereits in den wenigen Wochen seit dem Erscheinen von „Miroloi“ viel Kritik einstecken müssen. Zu scherenschnittartig sei die von ihr entworfene Inselwelt, wenig glaubhaft die Konstruktion eines vom zivilisierten Außen der Gegenwart so gänzlich abgeschotteten patriarchalen Staates im Staate, so die – vornehmlich männlichen – Kritiker. Die in ihrer Heftigkeit überraschenden Verrisse kulminierten in der Frage, ob das Werk der Autorin, die mit ihrem Erzählband „Wir haben Raketen geangelt“ 2014 auf sich aufmerksam machte, denn überhaupt noch Literatur sei. Ja, was denn sonst?!

Karen Köhler: Miroloi. Roman. Carl Hanser Verlag, München 2019. 464 Seiten, 24 Euro. 

Was Köhler tatsächlich gelungen ist, ist der Entwurf einer Dystopie im ganz klassischen Sinne: Ihr Schönes Dorf ist eine Welt, wie sie nicht sein soll. In der Tradition von Eygenij Zamjatins „Wir“ oder Margaret Atwoods „The Handmaid’s Tale“ bedient sich Köhler der klassischen Formcharakteristika utopischer Literatur: der Isolation des Gemeinschaftswesens – das Schöne Dorf liegt auf der Schönen Insel -, der Dominanz gesellschaftlicher Normen, die das Zusammenleben bis hin zur Fortpflanzung reglementieren, der Sektion von Machtstrukturen, die sich den Protagonisten lediglich in Ausschnitten oder nach und nach offenbaren.

Im Schönen Dorf sind es der Ältestenrat und die Bethausmänner, die, vorgeblich auf der Basis der Khorabel, des religiösen Basiswerkes, ein starres Korsett von Verboten und Geboten pflegen. Die „Göttergesetze“ bestimmen nicht nur, wann geerntet und wann gefeiert wird. Sie legen auch fest, dass Kristof nicht kochen darf, Jannis nicht singen und Mariah nicht lesen. Dass Sofias Mann seine Frau blauprügeln kann, so oft er will. Wer die Regeln verletzt, kommt an den Pfahl auf dem Dorfplatz.

Köhlers Heldin sprengt die Ketten, indem sie sich die Räume jenseits der Enge und Engstirnigkeit des Schönen Dorfes erliest – die geistigen wie die physischen gleichermaßen. Indem sie die für Frauen verbotene Welt der Buchstaben und Wörter erobert, erkennt sie das System der Unterdrückung. Und sie lernt, sich auszudrücken. Köhler findet für diesen Prozess eine ganz eigene Sprache, die manchmal seltsam anmutet, meist aber eine poetische Kraft entfaltet. „Tausendaugen“ für die einander ständig überwachende Dorfgemeinschaft, „Drübenversprechen“ für das Meer, das die Insel umgibt, „Lichtsammler“ für die Augen des geliebten Jungen.

In dem Maße, in dem das Mädchen sich selbst verändert, nimmt sie auch die Risse der Menschlichkeit in der zunächst als lückenlos feindselig wahrgenommenen Dorfwelt war: den Nachrichtensprecher Jannis, mit dem sie an einem sonnigen Nachmittag im Olivenhain die Kleider tauscht. Die Bäckerin Irini, an deren Teigbottich sie erfährt, wie sich Solidarität anfühlt. Der schroffe Müller, der ihr Geheimnis bewahrt. Sie zeigen, dass das unmenschliche System der Dorfgemeinschaft nicht nur Schrecken hervorbringt, sondern auch Ansätze von Hoffnung.

„Miroloi“ ist eine mitreißende Geschichte von Menschwerdung und Selbstermächtigung gegen alle Widerstände. Mag sein, dass Köhlers Roman einen Nerv trifft, weil er in einen feministischen Zeitgeist passt. Das macht ihn allerdings nicht weniger lesenswert.

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