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Schriftstellerin Mirna Funk.
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Schriftstellerin Mirna Funk.

Roman

Mirna Funk „Zwischen Du und Ich“: Die eigenen Wunden und die der Ahnen

  • vonUlrich Seidler
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Kampf mit der Opferrolle: Mirna Funks Roman „Zwischen Du und Ich“ erzählt vom Befreiungsversuch einer Jüdin

Seit 1992 setzt Gunter Demnig Stolpersteine aus Messing ins Pflaster, um ganz konkret an jene Jüdinnen und Juden zu erinnern, die in der jeweiligen Straße wohnten, bevor sie verschleppt und ermordet wurden. Die Steine sagen nicht viel, sie tragen Namen, Lebensdaten, wenn bekannt die Todesursache und kennzeichnen die Adresse. Sie umreißen damit Schicksale, abgeschnittene Biografien wie Familiengeschichten und verknüpfen sie mit der Gegenwart. Sie sind Schmerzpunkte im Unschuld vorspiegelnden, geschichtsvergessenen Alltag.

Nike, die 35-jährige Ich-Erzählerin aus Mirna Funks Roman „Zwischen Du und Ich“ wohnt seit zehn Jahren in Berlin-Mitte, August-, Ecke Oranienburger Straße. Der Zufall wollte es, dass der Stein vor ihrer Tür ausgerechnet den Namen ihrer jüdischen Urgroßmutter trägt. Nike fährt mit dem Fuß aus ihrer Sandale und spürt mit dem großen Zeh die Buchstaben entlang: Dora. Geboren 1912, gestorben 1941 irgendwo in Frankreich. Während Nikes liebevollem Stolperritual radelt mit drei Kindern und einer Frau im Schlepptau Sascha vorbei, mit dem sie als 18-Jährige zusammen war und der ihr etwas angetan hat, was sie nach den vielen Jahren sofort zurückbeamt und 15 Minuten lang weinen lässt.

Verdrängte Identität

Mirna Funk ist Jüdin und wie Nike Anfang der 80er Jahre in Ost-Berlin geboren. Die Urenkelin des Schriftstellers Stephan Hermlin hat sich bereits zuvor mit der jüdischen Minderheit und ihrer verdrängten und gebrochenen Identität im realexistierenden Sozialismus auseinandergesetzt. Das ist nun auch das Forschungsthema von Nike, die zum Spott ihrer Großmutter Vorträge hält und Konferenzen organisiert.

In „Zwischen Du und Ich“ kann man nun nachvollziehen, wie schmerzhaft es ist, als Kind der zweiten Generation „durch den Identitätssumpf gezogen“ zu werden, wie es Funk einmal in der „Berliner Zeitung“ formuliert hat. Dabei lassen Nikes Mutter Lea und Großmutter Rosa wenig Interesse an der Familiengeschichte erkennen. Es kommt, was nach den Thesen der Psychoanalyse kommen muss: Die tabuisierte Gewaltgeschichte wuchert als Muster in die Bindungen und Persönlichkeiten hinein und bricht dann an anderer Stelle und zu unerwarteter Zeit hervor. Die Wunden der Ahnen bluten weiter.

Nike geht nach Israel, um von dort weiterzuarbeiten und eine Pause von ihrem Berliner Leben zu machen. Als Jüdin kann sie die israelische Staatsbürgerschaft annehmen und die deutsche behalten. Sie kappt ihre Wurzeln, um ihre Wurzeln zu finden. Und sie entflieht ihrer eigenen Gewaltgeschichte, um in eine neue zu geraten.

Das Buch:

Mirna Funk: Zwischen Du und Ich. Roman. dtv, München 2021. 302 Seiten, 22 Euro.

Man muss aufpassen, dass man nicht zu viel verrät, aber es ist doch schon auf den ersten Seiten symbolisch so viel angelegt, dass man ahnt, in welche Richtung sich die Handlung zuspitzt und wie sie zugleich nach Erlösung lechzt. Der Spannungsbogen hält. Mit dem Umzug nach Tel Aviv bekommt der Roman einen zweiten, alternierenden Erzählstrang, der das Geschehen aus der Perspektive von Noam schildert, allerdings nicht in Ich-, sondern in Er-Form. Der grammatikalische Abstand der 3. Person männlich lässt einen deutlich kritischeren Blick auf diese zweite Hauptfigur zu, die ebenfalls mit einer eigenen Missbrauchs- und Gewaltgeschichte – und einem ererbten Trauma – leben muss. Das Magnetfeld zwischen den beiden baut sich auf.

Aber Noam ist ein eitler, geradezu pathologisch selbstgefälliger „Haaretz“-Kolumnist mit Potenzproblemen. Gelobt für seine engagierten Texte, gibt er sich selbst der sozialen Verwahrlosung hin und schafft es noch nicht einmal, die hygienischen Grundanforderungen des Alltags zu bewältigen, geschweige denn seine eigene Rolle zu reflektieren. Aber schön volles und dunkles Haar hat er mit Mitte 40, eine Seltenheit bei Männern in Israel.

So scharf und mitleidlos dieser Antagonist ins Auge gefasst wird, so verschwommen und unsicher bleibt der Blick auf Nikes Umgang mit ihrem Leid, das sie gleichwohl keinen Augenblick in Ruhe lässt und sie überall immer wieder neu vor den Kopf stößt. Im Buch wird die strukturelle Gewalt gegen Frauen thematisiert, der Völkermord in Ruanda kommt zur Sprache, natürlich der Holocaust.

Alles steht unter Verdacht

Alles hat offenbar schon allein dadurch miteinander zu tun, weil es sich in die Seele von Nike eingeprägt hat und ihr den freien Zugang zum eigenen Wesen verstellt – zu allem, was sie tut und wie sie ist. Jede sexuelle Regung, jede Verbindungsaufnahme, jeder Charakterzug steht unter Verdacht. Die Verrichtungen des Alltags werden zuweilen enervierend ausführlich in kurzen Sätzen aufgelistet, so, als hätte jemand Angst, die Hand vom Geländer zu nehmen. Und auch in den Dialogen gibt es seltsam redundante Passagen, als könnten die Redenden sich selbst nicht immer glauben. Alles an Nike scheint ihr selbst fremd zu sein. Aber sie nimmt den Kampf an, sie springt mal und mal tastet sie sich schrittweise hinab in die Abgründe ihrer Vergangenheit.

Als sie vom Ende der Urgroßmutter in Toulouse erfährt – aus einem Polizeibericht, der in der Gedenkstätte Yad Vashem archiviert ist –, blättert sie nur kurz hin und her und flüchtet. Es ist ein Schlüsselsatz, der folgt: „Ohne Nazis kein Toulouse, ohne Toulouse keine Vergewaltigung, ohne Vergewaltigung kein Mord, ohne Mord eine andere Rosa, ohne Mord eine andere Lea, ohne Mord ein anderes Ich.“

Wenn das Buch zu Ende ist, hat sich einiges erledigt. Aber der größte Teil von Nikes Kampf um ihre Identität, erst recht ihre Heilung, liegt noch vor ihr.

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