Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Ein sturmgepeitschter Atlantik konfrontiert die Menschen auf der „Orion“ mit ersten und letzten Fragen.
+
Ein sturmgepeitschter Atlantik konfrontiert die Menschen auf der „Orion“ mit ersten und letzten Fragen.

Historischer Roman

„Von Vergeblichkeit reden nur Zauderer ...“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    VonClaus-Jürgen Göpfert
    schließen

Mirko Bonné führt in seinem großangelegten Roman „Seeland Schneeland“ Menschen in einen schicksalshaften Kampf mit der Natur.

Es ist ein Buch, das auf merkwürdige Weise aus der Zeit gefallen scheint. Ein Roman, der das Erzählen feiert, die Lust am großen Spannungsbogen, die Begeisterung an detailreich aufgeladenen Bildern, die Emotionen wecken. Ein Roman, der klassische Vorbilder heraufbeschwört, Joseph Conrad etwa, aber auch Leo Tolstoi, dessen „Anna Karenina“ wir immer wieder begegnen.

Mit „Seeland Schneeland“ zieht Mirko Bonné eine literarische Summe seiner bisherigen Romane und Erzählungen aus den vergangenen drei Jahrzehnten. Aber auch der Lyriker Bonné, der unter anderem William Butler Yeats, E.E. Cummings und Emily Dickinson übersetzt hat, schimmert in den Stimmungen durch, die er zu erzeugen versteht. Fünfzehn Jahre hat der frühere Journalist, Altenpfleger und Taxifahrer an dem Roman geschrieben. In ihm spiegeln sich die Lebenserfahrungen des mittlerweile 55-Jährigen, der weit gereist ist und die USA und China ebenso kennt wie den Iran, Russland, Südamerika und die Antarktis.

Mirko Bonné schickt den alten Dampfer „Orion“ in den Sturm

„Seeland Schneeland“ blendet zurück nach Wales und England vor genau 100 Jahren, als der betagte Dampfer „Orion“ Portsmouth verlässt mit Ziel New York. Die Menschen an Bord wollen den verheerenden Folgen einer Pandemie, der Spanischen Grippe, die Millionen das Leben gekostet hat, ebenso entkommen wie den auch den Verwüstungen des Ersten Weltkriegs in Europa.

Eingeschifft hat sich unter anderem die 24-jährige Ennid Muldoon aus Newport, die den Tod ihres Kurzzeit-Ehemanns überwinden möchte, eines Jagdfliegers, der in Frankreich getötet wurde. An Bord des Schiffes begibt sich der junge US-Milliardär Diver Robey, der mit unmäßigem Trinken seine verzweifelte Suche nach einem Sinn in seinem Leben betäuben will. Außerdem ist da Merce Blackboro aus Newport, den Bonnés Publikum aus dem Roman „Der eiskalte Himmel“ von 2006 kennt, als Teilnehmer der Antarktis-Expedition von Sir Ernest Shakleton.

Ennid Muldoon ist Blackboros große, unerfüllte Liebe, die beiden haben nur ein einziges Mal, verschreckt und flüchtig, miteinander geschlafen. Entsetzt muss Merce feststellen, dass sich Ennid für immer aus Wales verabschiedet. Er will ihr nach. Vor der Küste Schottlands gerät die „Orion“ mit 2000 Menschen an Bord in einen gewaltigen (Schnee)sturm und droht zu sinken.

Diesen dramaturgischen Kern umspinnt Bonné mit zahlreichen weiteren Figuren und Nebenhandlungen und entfaltet so ein großes erzählerisches Panorama. Dem Erzähler bei der Arbeit zuzusehen, macht Freude. Es „pöttert“, tutet, hämmert, pocht, der alte Dampfer „schwojte“.

Das Buch

Mirko Bonné: Seeland Schneeland. Roman. Schöffling & Co., Frankfurt a. M. 2021. 448 S., 24 Euro.

Grundsätzlich folgt Bonné dem Adorno-Diktum, dass es kein richtiges Leben im falschen geben kann. Die Menschen seiner Romane kämpfen hart darum, sich aus einem falschen Leben zu befreien, den richtigen Weg zu finden, was keineswegs allen gelingt. Immerhin kann sich Bryn Meeks, der treue Helfer des Tycoons Robey, im Alter von 57 Jahren endlich offen zu seiner Homosexualität zu bekennen.

Ob daraus ein Happy End folgen kann, bleibt offen. Bonné ist kein Träumer, sondern ein Berichterstatter aus der Realität. Seine Bücher spiegeln, bei aller Poesie des Erzählens, die gesellschaftliche Wirklichkeit, die stets überzeugend recherchiert ist.

Einer der gesellschaftlichen Hintergründe ist im Roman die rasante technologische Entwicklung vor 100 Jahren. Diver Robey träumt von einem Flugzeug, dem es gelingt, zum ersten Mal Passagiere in größerer Zahl über den Atlantik zu transportieren. Er testet in England und Wales Maschinen, ohne eine geeignete zu finden.

In einer mitreißenden Episode durchstößt er mit einer Maschine Sturmwolken „so kalt, weiß und endlos wie das ungemachte Bett Gottes“. (Zwei Jahre zuvor, am 14. Juni 1919, waren John Alcock und Arthur Whitten Brown in einem umgebauten Langstreckenbomber erstmals nonstop von Neufundland nach Irland geflogen). Der Roman macht uns mit weiteren Innovationen bekannt: Lastwagen tauchen im abgelegensten Wales auf, schwere Motorräder bahnen sich ihren Weg selbst durch den Tiefschnee.

Auch Figuren der Zeitgeschichte gibt Mirko Bonné kurze Auftritte

Figuren der Zeitgeschichte treten auf, in New York etwa ganz kurz der Schriftsteller Francis Scott Fitzgerald und seine Ehefrau Zelda. Oder Charles Spencer Chaplin, dessen Film „The Kid“ 1921 die Kinos in Wales erreicht. Oder Victoria Hearst, die Tochter des Zeitungs-Moguls William Randolph Hearst, die inkognito auf der „Orion“ reist.

Ein längeres Wiedersehen gibt es mit Ernest Shakleton, der die Teilnehmer seiner früheren Expedition zu einer neuen Südseereise zusammenholen möchte. Und auch mit Blackboro im Schneesturm von Wales noch einmal zusammentrifft. Shakleton rät seinem früheren Gefährten eindringlich, Ennid von dem untergehenden Schiff vor der Küste zu retten: „Von Vergeblichkeit reden nur Zauderer ... .“

Bonnés Motto spricht eine der Figuren fast beiläufig aus: „Man hat immer etwas zu verlieren, zuerst die Würde, die Seele des Lebens.“ Inmitten heftigster Naturgewalten, dem entfesselten Meer, Schneesturm und bitterer Kälte aber ist es schwierig sich zu behaupten. Es gibt einen Mord auf dem offenen Meer. Bonné weiß, wie das dramaturgische Gerüst auch über Hunderte von Seiten aufzubauen und das Erzähltempo zu erhöhen ist.

Und immer wieder kommt Bonné auf die Klassiker zurück, die er liebt und ins Deutsche übertragen hat. In ihrem Koffer führt Ennid nicht nur „Anna Karenina“ mit, sondern auch John Keats. Wenn sie in ihrer winzigen Koje unter Deck beim wütenden Sturm nicht einschlafen kann, liest sie von der Nachtigall: „Sich auflösen, verschwinden und am Schluss vergessen, / was im Laubwerk dich nie stört, / die Qual, das Fieber und den Überdruss, / hier, wo ein jeder jeden stöhnen hört.“ Mirko Bonné entwickelt die klassischen Vorbilder weiter, sich ihrer stets bewusst.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare