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Mircea Cartarescu: „Melancolia“ - Die Entdeckung der Einsamkeit

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Von: Katharina Granzin

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Mircea Cartarescu.
Mircea Cartarescu. © ANTON ROLAND LAUB -

Es ist schrecklich, es hat eine Schönheit: Mircea Cartarescu umkreist in „Melancolia“ den Menschen in seiner Wahrnehmungsblase

Wenn der Mensch ein Kind ist, hat die Welt oft noch nichts Festes. Sie besteht aus Sinneseindrücken, die das Kind interpretiert und weiterspinnt, sich im phantasievollen Spiel einen eigenen Kosmos schaffend. Versatzstücke aus der wirklichen Welt tauchen darin oft in verwandelter Form auf; sie übernehmen gleichsam Rollen, ändern ihre Bedeutung, durchlaufen Metamorphosen.

Später, wenn das einstige Kind älter geworden ist, nimmt auch die Welt um es herum konkretere Formen an, wird solider, weist dem nun erwachsenen Individuum einen festen Platz zu. Die meisten Menschen nehmen diese Entzauberung mit einer gewissen Erleichterung an, liegt doch in einer Welt mit festen Konturen und Regeln auch eine große Sicherheit. Doch ab und zu gibt es ein Individuum, das sich diesem Ausweg aus der existenziellen Unsicherheit verweigert und Künstler oder Dichterin wird.

Mircea Cartarescu ist (neben einer Laufbahn als Lehrer, Universitätsdozent und Literaturredakteur) Dichter geworden. 1956 in Bukarest geboren, verlebte er einen großen Teil seines Lebens im Rumänien von Nicolae Ceau-sescu. Erst nach dem Sturz des Diktators und dem Fall des Eisernen Vorhangs begann Cartarescu, der bis dahin vor allem Gedichte geschrieben hatte, in größerem Stil Prosa zu veröffentlichen.

„Melancolia“, ins Deutsche übertragen von Cartarescus langjährigem, wohl kongenial zu nennenden Übersetzer Ernest Wichner, führt die wiederkehrenden Themen seiner Texte nun weiter zurück in der Zeit. Auch der Bukarester Kosmos des opulenten Romans „Solenoid“ hatte sich aus der Biografie des Autors selbst gespeist, hatte das wenig glamouröse Leben eines jungen Lehrers verwandelt in eine surrealistisch-visionäre Phantasmagorie. „Melancolia“ nun umkreist in kürzeren Texten, die man mangels anderer Begrifflichkeit Erzählungen nennen kann, die Konzepte Kindheit und Jugend. Die Texte bilden einen in sich abgeschlossenen Zyklus, mit einem Prolog und einem Epilog und dazwischen drei längeren Erzählungen.

Das Buch

Mircea Cartarescu: Melancolia. A. d. Rumän. v. Ernest Wichner. Zsolnay. 272 S., 25 Euro.

In „Die Stege“ entdeckt ein kleiner Junge erstmals die Einsamkeit. Allein zu Hause, entwickelt sich ein imaginärer Kosmos aus der Vorstellung, dass dieser Zustand dauerhaft sein könnte, falls die Mutter eines Tages vergäße, vom Einkaufen zurückzukehren. Das Kind sieht die Jahreszeiten kommen und gehen, bewundert den malerischen Wechsel des Lichts in der Wohnung, wagt sich schließlich über nächtlich auftauchende Luftstege ins benachbarte Fabrikgehäuse, wo es eine gigantische Vaterfigur aus Kautschuk findet, und schließlich ins Kaufhaus in der Stadt, wo es ganz in einer ebenso großen Mutterfigur aus Schokolade verschwindet.

Anders als die anderen Erzählungen endet diese mit der tröstlichen Rückkehr in die wieder in ihr Existenzrecht gesetzte Wirklichkeit: Die Mutter kommt nach Hause, und der Einsamkeitskosmos des Kindes löst sich auf. Diesen Ausweg ins Konkrete halten die anderen Texte nicht bereit. „Die Füchse“ handelt von Geschwistern, von einem Jungen, der seiner kleinen Schwester vorzulesen pflegt und für sie mit den Spielzeugen im Kinderzimmer Vorstellungen veranstaltet. Diese Welt, die die Kinder gemeinsam bewohnen, ist so real für sie, dass selbst ihre Eltern nur wie außerhalb dieser Blase zu existieren scheinen. Als eines Tages Krankheit und drohender Tod eindringen, ist es so, als sei die Katastrophe aus dem phantastischen Spiel selbst erwachsen.

In „Die Häute“ schließlich durchlebt ein 15-Jähriger die Identitätsnöte der Pubertät auf vielen Ebenen und begreift voller Schmerz, dass seine Art, die Welt wahrzunehmen, radikal von seinem Körperempfinden definiert wird, und dass diese Wahrnehmung immer unvollständig und begrenzt bleiben wird. Für die verschiedene Körperlichkeit von Männern und Frauen stehen die „Häute“, die alle Männer und Jungen (unsichtbar) in ihren Schränken horten, während die Frauen, wie der Heranwachsende staunend erfährt, eine weitaus grundlegendere Metamorphose durchlaufen...

Prolog und Epilog zu diesen drei Erzählungen beschrei(b)en in bildreich mäandernden Narrativen die abgrundtiefe Einsamkeit des Menschen. Und trotz allem, trotz eines spürbar tief empfundenen Leidens am Dasein und der „Melancolia“ angesichts der Unmöglichkeit jeder echten Transzendenz der menschlichen Begrenztheit, halten Cartarescus Erzählungen einen paradoxen Trost bereit, der in ihrer ganz und gar eigenartigen Schönheit liegt. Sogar innerhalb der Grenzen einer einzelnen menschlichen Wahrnehmungsblase scheint es möglich zu sein, Dinge zu schaffen, deren Vollkommenheit auch von anderen wahrgenommen werden kann.

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