+
Die Menschen nutzen jede Gelegenheit, der Realität zu entfliehen.

Mircea Cartarescu

Mircea Cartarescu: Levitation lautet die Antwort

  • schließen

In seinem Roman „Solenoid“ bringt Mircea Cartarescu nicht nur Bukarest zum Schweben.

Ein Solenoid ist eine zylindrische Metallspule, die bei Stromdurchfluss wie ein Stabmagnet wirkt. Mircea Cartarescu katapultiert mit diesem an sich banalen technischen Vorgang seine Leser in einen literarischen Parallelkosmos, ja gar in die vierte Dimension, aus der sie nach 900 Seiten nur widerstrebend in die Realität zurückkehren.

Dies gelingt ihm durch ein autobiographisches Spiel: Was wäre gewesen, wenn er, statt zum prominentesten Gegenwartsschriftsteller seines Landes zu werden, ein unbekannter Rumänischlehrer geblieben wäre? Die Antwort gibt sich eben jener namenlose Lehrer in Form eines angeblich privaten Journals selbst: „Weil ich kein Schriftsteller bin, habe ich das unerklärliche Privileg, aus dem Inneren meines Manuskripts heraus zu schreiben, allseits von ihm umgeben, taub und blind für alles, was mich von meiner Sträflingsarbeit abhalten könnte. Ich habe keine Leser, habe nicht das Bedürfnis, ein Buch zu signieren. Hier, im Bauch des Manuskripts, durch seine verschlungenen Eingeweide irrend, auf sein merkwürdiges Gebrabbel hörend, spüre ich meine Freiheit und ihren unverzichtbaren Begleiter: den Wahnsinn.“

Der Ich-Erzähler versichert unentwegt schreibend, dem Schreiben abzuschwören – ein paradoxes Unterfangen, das Tantalusqualen, aber ebenso entsprechende Genüsse verheißt. Immer wieder geht es um einen Herbstabend 1976: An diesem entscheidenden Datum trägt der stolze Student der Philologie im Mond-Lesekreis an der Universität sein Epos „Der Niedergang“ vor – und wird gnadenlos verrissen. Nach diesem Schock zieht sich der verhinderte Dichter auf die Pädagogik zurück.

Aber das ist nicht so einfach: Kein Gebäude im Roman ist kartographierbar, bei keinem lassen sich die Zimmer oder Stockwerke zählen, ähnlich wie in Piranesis „Carceri“. Das gilt auch für die Grundschule Nr. 86 am Stadtrand von Bukarest, die in matten Grüntönen oszilliert. Der Rumänischlehrer hat erhebliche Mühe, das richtige Klassenzimmer zu erreichen und glaubt, schon Jahre beim Treppensteigen verbracht zu haben, dabei ist der schlichte Bau einstöckig.

Als des Wahnsinns zartfüßige Boten entern mit dem ersten Satz Insekten den Text, denn der Ich-Erzähler hat sich Läuse eingefangen. Auch sonst sieht er sich an seinem Arbeitsplatz von Kerbtieren umgeben, etwa beim Blick auf die Klassenbesten: „Die dreißig Fotos in sechs Reihen (...) kommen mir in dem grünlichen Licht dermaßen gespenstisch vor, dass es mich stets schaudert. Es sind Larvengesichter, alle gleich und trotzdem jedes anders, als wären diese Schaukästen mit den Klassenbesten große Insektarien an den Wänden eines Naturkundemuseums.“ Da prangen, kriechen und fliegen sie wieder – Mircea Cartarescus geliebte Insekten. Bereits sein bisheriges Opus magnum, die Romantrilogie „Orbitor“ – auf deutsch etwa „Blendung“ –, prägt der Schmetterling als Symbol der Verwandlung. Nun will das sardonische Paralleluniversum der Milben erkundet werden.

Mircea Cartarescu kam am 1. Juni 1956 in Bukarest zur Welt. Dieses Geburtsdatum teilt er generös mit der Hauptfigur, ebenso wie einen Zwillingsbruder, der nach der Geburt verschwand. Cartarescu, dessen Eltern vom Lande stammen, arbeitete als Hauptschullehrer und später als Universitätslektor für rumänische Sprache und Literatur, bis er 1978 als Lyrik- und Prosaautor debütierte. Mit der Hauptfigur Mircea aus „Orbitor“ und dem Ex-Kollegen aus „Solenoid“ teilt er die Adresse der elterlichen Wohnung im Plattenbau und den schwelgerischen Blick auf Bukarest: „Es war die Stadt, die ich von meinem Fenster in der Stefan cel Mare aus sah, und die ich, wenn ich es denn geschafft hätte, Schriftsteller zu werden, endlos beschrieben hätte.“

„Solenoid“ springt munter zwischen Kindheit und Gegenwart des Protagonisten hin und her und gewährt allen Sujets die gleiche Berechtigung: Träumen, Ängsten, ausführlichen Lebensbeschreibungen von Mathematikern sowie Lektürefrüchten mittelalterlicher Geheimschriften wie dem Voynich-Manuskript mit seinen rätselhaften Badeszenen. Im Kontrast dazu steht die Außenwelt der sozialistischen Volksrepublik Rumänien, der wohl grausamsten Diktatur in Osteuropa nach 1945. Der sogenannte Zauberwürfel von Rubik entfaltet im Lehrerkollegium, das Cartarescu mit köstlicher Ironie porträtiert, ein hohes Suchtpotential, so wie die Menschen jede Gelegenheit nutzen, der Realität zu entfliehen, und sei es in Sekten. Aber nur der armselige Schulpförtner wird tatsächlich wie gewünscht von Außerirdischen entführt.

„Solenoid“ ist ein kybernetischer Sehnsuchtsroman, der sich in 51 Kapiteln zum Horror-Roman wandelt. Dabei blitzt stets die für Cartarescu typische farbenprächtige und plastische Komik auf, mit der er die Auswüchse der Mangelwirtschaft oder weibliche Sehnsüchte aufspießt. Das Buch steht in der surrealistischen Tradition der „Magnetischen Felder“ von André Breton und Philippe Soupault. Weitere Referenzgrößen sind der Science-Fiction-Großmeister Stanislaw Lem und Mihai Eminescu als Begründer der literarischen Phantastik in Rumänien. Unverkennbar ist auch der Einfluss von Tudor Arghezis Bukarester Phantasmagorie „Der Friedhof“ von 1936, in der es heißt: „Die eine, die hellsichtige Hälfte unseres Lebens verbringen wir mit den Toten, und die andere Hälfte schlafen wir. Was bleibt für uns übrig?“

Cartarescus Antwort lautet: Levitation. Das Schweben oder Fliegen klingt bereits in seinem 7000 Verse umfassenden Gedichtzyklus „Levantul“ an. Der Protagonist von „Solenoid“ erlebt das seligmachende Levitieren beim Radfahren und im „geleeweichen Saphir“ des Wannenbades: „Das Wasser setzt mir zu, schwer umfängt es mich, lässt mich in seiner Mitte levitieren. Ich bin der Kern einer Frucht mit grünblauem Fruchtfleisch.“

„Solenoid“ ist ein extremer Körpertext, der über die Physis Auswege aus der Wirklichkeit sucht. So leidet der Ich-Erzähler unter einer abstrusen Zahnarzt-Phobie, die sich zum Alptraum verstetigt. Ein Jugendfreund im TBC-Präventionsheim suggeriert ihm, dass sein Körper „in einer unterirdischen Klinik einer Manipulation unterzogen wurde, an die ich mich überhaupt nicht erinnern konnte, von der meine späteren Träume aber mittels ihres erschreckenden Bildervorrats Zeugnis ablegen sollten“. Unter der Kuppel des Gerichtsmedizinischen Instituts wartet am Schluss eine Art Jüngstes Gericht – auf einem zwanzig Meter hohen Zahnarztstuhl.

Zweimal verliebt sich der Romanheld. Zu Anfang in ein Haus in Gestalt eines Schiffes, das er einem alten verschrobenen Erfinder abkauft. Das windschiefe Gebäude wird von einem Turm gekrönt, in dessen Mitte ein verstaubter Zahnarztstuhl thront. Der Erfinder prahlt damit, unterhalb des Hauses einen Solenoiden vergraben zu haben. Doch erst der Physiklehrerin Irina, die mit ihrem Kollegen zielstrebig eine Liaison eingeht, gelingt es, die titelgebende Magnetspule in Aktion zu bringen: Nach dem Sex schwebt sie über dem Bett. Damit eröffnet sich für den Hausbesitzer auf Knopfdruck eine neue Welt. Er gründet mit Irina eine Familie, zu der er bedingungslos steht – selbst im Angesicht der finalen Apokalypse, ausgelöst durch das Zusammenspiel von sechs enormen Solenoiden im Untergrund der Stadt.

Auch wenn das mächtige Epos zu einem überraschend schlichten Happy End findet, das an dieser Stelle nicht verraten sei, so legt Mircea Cartarescu doch wieder ein überwältigendes Zeugnis seiner schöpferischen Phantasie ab. Die deutsche Ausgabe von „Solenoid“ fällt durch die außergewöhnliche Gestaltung des schwarzweißen Einbands auf, den physikalische Wellenlinien zieren. Sie wäre undenkbar ohne Ernest Wichners hingebungsvolle Übersetzungsleistung, die bis zur Kreation von Begriffen wie „Reisescu“ oder „Zerknüllescu“ reicht. Mit „Solenoid“ hat Mircea Cartarescu sein Bukarest, das schließlich in den Himmel abhebt, endgültig zu einem Schauplatz der Weltliteratur gemacht.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion