„Sechzigtausend Grabstellen hat der Frankfurter Hauptfriedhof. In jeder liegen mindestens einhundert Romane.“ Foto: Rolf Oeser
+
„Sechzigtausend Grabstellen hat der Frankfurter Hauptfriedhof. In jeder liegen mindestens einhundert Romane.“ 

Literatur

77 Minuten-Romane

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
    schließen

Kleine Szenen, Beobachtungen, Ausrisse. Trümmerstücke großer Texte, die beim Lesen womöglich Ausgangspunkte für neue Geschichten werden. Vieles ist Fantasie, manches ist abgeschrieben, jeder kann anbauen und dazwischen schreiben. Ein Spiel für Familien, Wohn- und Bürogemeinschaften.

Friedrich Alt, Molekularbiologe, hat gewettet, 2020 in der Stadt aufs Auto zu verzichten. So lernt er in der U2 die Kosmetikverkäuferin Evelin Moll kennen.

In Fechenheim will der 79-jährige Alfred Preissler gemeinsam mit der Polizei einen Trickbetrüger stellen. Doch etwas geht schief und plötzlich fällt ein Schuss.

Die 23-jährige Anna Weber aus Kassel fährt an einem Januarmorgen im Zug nach Frankfurt zu einem Bewerbungsgespräch. Zwanzig Minuten Verspätung. Sie steht an der Tür, möchte sofort hinausspringen. Der Zug stoppt nicht am Prellbock. Eine viertel Stunde später liegt Anna Weber im Krankenhaus.

Als Zehnjähriger wünschte sich Ulrich Becker, in einem U-Boot im Main zu fahren und von dort aus den in Gefahr geratenen Mädchen zu Hilfe zu kommen.

Michael Sommer, 70 Jahre alt, war in seiner Jugend durch die Straßen Frankfurts gezogen und hatte mit Hunderten seiner Genossen gerufen: „Bürger, kommt herunter vom Balkon, unterstützt den Vietkong“. 1996 war er das erste Mal in Vietnam. Er hatte keine Ahnung gehabt, wie schön dieses Land ist. Seit damals verbringt er jedes Jahr mindestens einen Monat dort.

Albrecht Wernecke hat sie nicht vergessen. Vor fünfzig Jahren sah er sie im Seminar. Seitdem nie wieder.

Barbara Adler gehörte einer kommunistischen Gruppe an. Sie hatten die Grünen unterwandern wollen. Jetzt ist sie schon seit Jahrzehnten eine Grüne.

Sechzigtausend Grabstellen hat der Frankfurter Hauptfriedhof. In jeder liegen mindestens einhundert Romane.

Ihr erstes Haus hatte Brigitte Donner 1982 gekauft. Im Wendland, nachdem sie zwei Jahre zuvor die Freie Republik Wendland ausgerufen hatte. Jetzt hat die Unternehmensberaterin drei Häuser in Frankfurt in bester Wohnlage.

Walter Wimmer, 63, verzichtet endlich, um seiner 13-jährigen Enkelin eine Freude zu machen, auf Fleisch und geht zwei Mal in der Woche mit ihr eine Stunde spazieren. Sie sagt, er sei der Einzige, der ihr zuhöre.

Die Kosmetikverkäuferin Evelin Moll, 35 Jahre alt, lernt in der U-Bahn einen in seine Lektüre vertieften Mann kennen, der ihr, als sie ihn anspricht, einen Vortrag hält, dem sie erliegt.

Lukas, 25 Jahre alt, joggt seit ein paar Wochen im Palmengarten. Die 23-jährige Anna überholt ihn am Bambushain. Sie ist viel schneller als er, das spornt ihn an. Aber bald hat er sie aus den Augen verloren. Als er sich später beim Bootsverleih auf die Bank setzt, sieht er sie wieder.

Erika Schreiber lebt in einer Litfaßsäule auf der Bockenheimer Landstraße und beobachtet von dort aus, was passiert. Da sie nicht zu sehen ist, fordert sie niemand auf, bei was auch immer mitzumachen.

Als Georg aufwacht, erinnert er sich, durch die Arndtstraße geflogen zu sein, knapp über den Laternen. Er ist sich sicher, das nicht geträumt zu haben.

Anita hatte ihm ihr Lieblingsbuch geliehen. Franz gibt es ihr nicht zurück. Es sei sein Lieblingsbuch geworden, erklärt er ihr.

Helmut Sieveking war der freundlichste seiner Mitschüler gewesen. Jetzt, fünfzig Jahre später, scheint er unverändert. Aber er ist Mitglied der AfD und schimpft darüber, dass niemand mehr Gedichte auswendig lerne.

Auf dem Hessenplatz verlor er seine Angst. Als er eines Abends über den dunklen Platz rannte, erschrak er vor einer riesigen Dogge, die auf ihn zusprang. Die erschrak allerdings auch und wich in die – zum Glück – andere Richtung aus. Hermann war geheilt. Inzwischen hat er allerdings wieder Angst vor Hunden.

Alles, was wir denken und tun, sagt ihm der berühmte Philosoph, hänge davon ab, dass hinter dieser Tür kein Abgrund ist.

P. hatte seit Jahren sein kleines, ererbtes Haus nicht mehr verlassen. Er las ein wenig und hörte viel Musik, zu der er laut sang. Ohne die Zugehfrau wäre er tot, aber auch glücklich gewesen.

Franziska traf sich einmal in der Woche mit alten Freundinnen in einer Wohnung in der Mylius-Straße. Sie ärgerte sich jedes Mal, dass sie hingegangen war. Was hätte sie alles tun können in der Zeit! Die Woche drauf ging sie wieder hin.

Manchmal dachte Richard Schwarz an die Kellner in seinem Lieblingslokal, die Anfang der 80er Jahre einer nach dem anderen an Aids gestorben waren. Er schämte sich, überlebt zu haben. Und so lange.

Sie hatte hier in fünf Jahren zehn Kilo verloren. Wenn sie noch einmal fünf Jahre hier bliebe, wäre kaum noch etwas übrig von ihr. Beate Schneider nannte bei sich das Haus, in dem sie wohnte, „Das fressende Haus“.

Der Trainer ist gut befreundet mit den Eltern des von ihm missbrauchten Jungen. Für den Sommer ist eine gemeinsame Ferienreise der beiden Familien geplant.

Theodor Roth war zwanzig und nahm Tabletten. Er überlebte. Zehn Jahre später warf er sich vor einen Zug. Er kam in einen Rollstuhl. Mit 42, er hatte inzwischen an der Goethe-Universität eine Dissertation und eine Habilitation geschrieben, gelang es ihm, sich samt seinem Rollstuhl aus dem zwölften Stock eines Pariser Hotels zu stürzen.

Sylvia sang gerne. Am liebsten im Chor. Das macht Thomas, dessen zwölftes Opfer sie wird, sich zu nutze. Nicht einmal der beste Profiler hätte in dem freundlichen älteren Herrn, der eine Schwäche für Singen und Wandern hat, einen Serienmörder erkannt.

Wissen Sie, sagt ihm ein obdachloser Streuner, hinter jeder Tür ist ein Abgrund. Es ist nur eine Frage des Zeitpunktes.

Gudrun sah in der Tagesschau Donald Trumps nach vorne gestriegelte Haartolle und stellte sich vor, wie er seinen Friseur anschrie, sie noch weiter nach vorne zu treiben.

Arno hält Hof. Er hatte von drei Frauen ein Dutzend Kinder und inzwischen auch ein weiteres Dutzend Enkel. Seit er 2008 alles verloren hatte, ernährte er nicht mehr sie, sondern sie ihn. Aber einmal im Jahr, an seinem Geburtstag, darf er im Rocco Forte Joseph den Ernährer spielen von dem Geld, das seine Kinder ihm zustecken.

Wenn etwas still liegt, bleibt es still liegen, es sei denn, jemand bewegt es. Daher rührt das ganze Unglück der Welt, denkt Benno und grinst.

Über ihre Liebe zu Leo, ihrem Klassenkameraden, sprach Lisa nur mit ihrer Urgroßmutter. Alle anderen in ihrer großen Familie, fürchtete sie, würden sich lustig machen über die Gefühle einer Zehnjährigen.

Charlotte gefiel der Mann, der sie bei der Volksbühne angesprochen hatte. Aber als er dann im Fundus ihr erzählte, wen er alles kannte, verabschiedete sie sich. Die Schnittmenge war zu groß.

„Jetzt bin ich seit 47 Jahren Mönch, bete täglich sieben-, acht-, neunmal zu Gott. Noch nie hat er mir geantwortet. Was mache ich falsch?“, denkt Pater Hildiger.

Sandra sitzt im Brentanobad. Um sie herum Freunde und Freundinnen. Sie doziert. So saß Buddha unter dem Bodhi-Baum.

Mario Lehmann sitzt im Lesesaal der Universitätsbibliothek. Möglichst nahe an der Horkheimerbüste. Er liest fasziniert und verständnislos Carlo Rovelli. Der lässt die Zeit verschwinden, zieht sie wieder hervor. Mario ergibt sich dem Zauberer.

Mehr als die Hälfte der Einwohner Frankfurts hat ausländische Wurzeln, weiß der aus Berlin stammende Heinrich Stritzke. Er weiß auch, dass er keinen davon näher kennt. Er kommt sich dumm vor.

Fleur steht vor der geschlossenen Terrassentür ihres Hauses in der Holzhausenstraße. Sie sieht auf die Gardine und denkt: „Warum wurde ich als Frau geboren?“ Sie weiß nicht, dass es sie nicht gibt. Sie ist nichts als ein Reklamefoto für einen Pharmakonzern.

Vater Land und Mutter Erde streiten unentwegt. Am Ende wird Mutter Erde siegen, erzählt ein Lied aus Bonames.

Die Götter treffen sich im Hotel Excelsior am Hauptbahnhof. Sie wollen ihre Einsätze koordinieren. Um dem irdischen Chaos, für das selbstverständlich die Menschen verantwortlich sind, ein Ende zu machen.

Wolfgang hatte Frankfurt schon lange verlassen, als er erklärte: Die Revolutionslust, das ewige Opponieren hat die Talente meiner Freunde verkümmern lassen.

Chris Tratter nimmt sich vor, in seiner kleinen Wohnung in der Bleichstraße im Jahre 2020 eine Zeitschrift zu gründen. „Die Sichtbaren“ soll sie heißen.

„Rief nun schon der große Wächter“ steht im Buch. Im Manuskript stand zunächst statt „schon“ „ärgerlich“ und danach „zornig“. Max Walser schreibt darüber seine Dissertation.

Nach der Arbeit gehen sie zu viert in O’Reillys Irish Pub. Karaoke. Thiele und Daubert brillieren, Wild so lala. Widmann fällt durch. Entsprechend verteilt sich die Laune.

Dass ihr Vater sie Hera taufte, trägt sie ihm immer noch nach. Bovenschen heißen sie, also Rinderhirten und dann nennt er sie nach Homers „kuhäugiger Göttin“. Niemals wird sie über seine Witze lachen können.

Danach, sie liegen noch nebeneinander, sagt Carla zu ihm: „Wenn alles funktioniert, lösen wir uns in Küssen auf. Heute sind wir mehr wie zwei Steine aneinander gestoßen.“

Mike glaubt nicht an die Wiedergeburt. Jedenfalls nicht an die nach dem Tode. Aber er weiß, dass er in diesem Leben mehrmals geboren wurde. Du bist nicht mehr der, in den ich mich verliebt hatte, hat er schon oft gehört.

Herbert war siebzig und weniger als je in der Lage, Briefumschläge zu öffnen, deren Inhalt ihn mit seiner Armut konfrontierte: amtliche Schreiben, Mahnungen usw. Die Angst vor der Katastrophe überwältigte ihn so, dass die unausweichlich wurde.

Rainer Kopf ist dreißig und schon lange Alkoholiker. Er versteht sich sehr gut auf die Kunst, das zu verbergen. Was er nicht weiß: Seine Mutter kann das ebenso gut.

Viola Herzbruch sitzt gerne mit ihrer Freundin Elif Döpfner vor dem Café Hauptwache und kommentiert die Menschen. An niemandem lassen sie ein gutes Haar. Wenn die beiden jungen Frauen nach zwei Stunden aufstehen, umarmen sie einander und sind glücklich. Bald werden Kinder und Männer wieder zu Hause sein. Das Meckern müssen sie dann ihnen überlassen. Zuhause sind sie zuständig fürs Positive.

Die Schöne Müllerin ist ein Restaurant im Nordend mit dicken Holztischen. Charlotte Horn sitzt dort in dem Gefühl, hier hätten schon ebenso ihre Mutter und Jahrzehnte zuvor ihre Großmutter gesessen. Ihr Freund sagt: „Als der Homo sapiens entstand, zerstörte er den Lebensraum des Neandertaler. Nur hier im Baumweg hat sich dessen Habitat erhalten.“

Donnerstag, 9 Uhr. Judith Assmann nimmt ihren Platz ein in der Bibliothek des Museums für Weltkulturen. Seit mehr als einem Jahr arbeitet sie an einer Weltkarte der Affekte. Manchmal verzweifelt sie. Emotionen sind flüchtig. Gleichzeitig aber ist kaum etwas so nachhaltig wie sie.

„Warum kochst du mir nicht, was ich mag?“ „Warum magst du nicht, was ich dir koche?“

Paul Dürr sitzt im Stadtrat. Er ist stolz auf das, was er zusammen mit seiner Fraktion geschafft hat, sagt er. Jetzt aber geht er den Oeder Weg hoch und erschrickt bei dem Gedanken an das, was eigentlich getan werden müsste.

Im Institut für Sozialforschung sitzt Julian Zollinger und fragt sich, ob unsere Sinne, die ja auf unser Überleben als biologische Art ausgerichtet sind, überhaupt dazu geeignet sind, Gesellschaft wahrzunehmen.

Im Café im Liebieghaus schreibt Roswitha Heim in ihren Laptop. Sie möchte aus der Geschichte der Heiligen Agnes, wie sie in der Legenda Aurea erzählt wird, einen pornographischen Roman machen. Aus der Sicht eines römischen Soldaten, der aufgefordert worden war, die jungfräuliche Agnes zu vergewaltigen, sodass man sie legal töten konnte.

Alan Zuse und seine Gefährten sind direkt aus dem Jahr 2222 vor den Harmoniekinos in der Dreieichstraße gelandet. Dort läuft gerade „Das geheime Leben der Bäume“. Sie hoffen, so mehr über diese ihnen unbekannte Lebensform zu erfahren. Als sie merken, dass die Bäume nicht riechen, fangen sie an zu randalieren.

Im Käfer’S im Flughafen erzählt X einem Journalisten von seinem Vater, einem international gesuchten Gangster. Der Journalist ist enttäuscht: „Soll ich drüber schreiben: Geschichten, die niemanden interessieren?“ „Gute Idee“, meint der sichtlich von dem Einfall elektrisierte Sohn des Verbrechers.

Richter Bernd Steuer traut seinen Ohren nicht, als der Angeklagte ihm erklärt: „Hochwürden, Sie wissen doch: Das Schlechte kommt ganz spontan, mühelos. Zum Guten dagegen muss man sich anstrengen. Das Gute ist in Wahrheit doch eine hohe Kunst.“

Mundschutzmasken sind in Frankfurts Apotheken ausverkauft. Heinrich Stritzke liest das in der Rundschau. Er kauft 15 000 Mundschutzmasken. Zu einem Preis, der fünfzig Prozent über dem von vor einer Woche liegt. Aber er ist überzeugt davon, dass es dauern wird, bis das Virus sich nicht mehr ausbreitet.

Husain Rashid arbeitet bei Saturn. Nebenbei ist er Schläfer. Er wartet darauf, die Zünder einsetzen zu können, die er entwickelt hat. Aber schon seit einem Jahr hört er nichts mehr von seinem Kontakt. Hat er ihn vergessen, abgeschrieben gar?

In einer Wohngemeinschaft in der Gutleutstraße sitzt ein Dutzend junger Leute an einem Tisch. Auf dem liegen verschiedene Karten. Darauf sind Stromnetz und Wasserversorgung der Stadt eingetragen. Sie sind euphorisiert angesichts ihrer Möglichkeiten.

„Antworten interessieren mich nicht“, sagt Hermann. „Ich vergesse sie sofort wieder. Worüber ich mich wirklich freue, das sind Fragen.“ Er sitzt mit seiner Frau am Küchentisch im Mittelweg. Sie betrachtet ihn spöttisch: „Dann kannst du wieder mit einem Vortrag antworten“.

„Bitte hinterlassen Sie eine Nachricht nach dem Ton.“ War das Gottes Stimme?, fragt sich Pater Hildiger in jenen überhellen Momenten, da er sein Leben als eine Kette von Desillusionierungen ansieht.

Beate beobachtet das Paar am Nebentisch. Er steckt ihr Mittel- und Zeigefinger in den Mund. Sie saugt heftig daran. Dann hört sie ihn sagen: „Wann darf ich deine prächtigen Hüften ausprobieren“. Beates Begleiter aber hört nicht auf, von seiner Hundephobie zu erzählen.

Im August wird Theresa dreizehn. Sie fragt sich: Wozu leben wir? Was machen wir hier? Wann erfahre ich das? Steht es in einem Buch? Wird es mir jemand sagen? Werde ich es wie eine Erleuchtung plötzlich wissen? Während ich auf dem Willy-Brandt-Platz stehe und auf eine Straßenbahn warte? Theresa weiß, dass sie diese Fragen niemandem stellen darf. Sie würde sich lächerlich machen mit ihrer Suche nach dem Sinn des Lebens.

„Mit Charme und netten Worten ist nichts getan. Wer eine Gesellschaft verändern möchte, der muss bereit sein zur Gewalt, zur Vernichtung des Status quo nicht nur, sondern auch derer, die ihn verteidigen“, so hatte er früher gesprochen. Inzwischen hat er vorgezogen, sich selbst zu ändern.

Ulrich Becker ist Mitte zwanzig, als er am Ufer unter dem Eisernen Steg steht und von Frauenarmen hinuntergezogen wird in den Main. Dort wird er in einer Grotte von einer Nixe zu Tode geküsst.

Paul Dürr baut Gleichstellungszentren in Frankfurt und Umgebung. In ihnen leben Männer und Frauen, die zeigen wollen, dass eine Gesellschaft ohne Geschlechterunterdrückung möglich ist. Dort werden auch Beratungsstellen etabliert. Im Sommer 2031 wird auf das Gleichstellungszentrum auf der Mainzer Landstraße ein Anschlag verübt. Ein Bekennerschreiben der „Wilden Kerle“ ist überschrieben mit: „Männer bleiben Männer“.

Pater Hildiger redet auf Viola Herzbruchs Tochter ein: „Komm in die Kirche, bete zu Gott, höre dir die tollen Geschichten an. Es wird dir gefallen und Gott machst Du eine Freude damit.“ „Aber“, erwidert das Mädchen, „ist Gott denn nicht glücklich?“

„Zehn Massaker gab es, 1500 Attentate mit viertausend Toten und 35 000 Verletzten. Alles in Italien zwischen 1960 und 1976. Ein Bürgerkrieg.“ Renzo Caccavale lebt seit Mitte der siebziger Jahre in Frankfurt. Er kam mit einer Gruppe von Lotta Continua. Er versteht die Deutschen nicht: „Damals entdeckte die deutsche Linke Italien als Vorbild. In der SPD bildete sich eine Toskana-Fraktion. Ihr seid verrückt. Aber gut macht ihr es vielleicht gerade deshalb.“

Im Gleichstellungszentrum in der Nordweststadt spricht Paul Dürr über die verrückte Welt, in der Männer sich darauf verließen, dass Frauen schon alles richten werden, aber weiter darauf beharrten, die Starken zu sein. Gleichzeitig, so Dürr, ließen die Frauen die Männer in ihrem Glauben und kümmerten sich weiter ums Ganze. Dürr amüsiert das nicht. Er geißelt unsere Verlogenheit.

In der Nähe der dozierenden Sandra flüstert der schmale junge Physiker Shing-Tung Wang der neben ihm liegenden Anita wohlig ins Ohr: „Wir liegen hier und geben elektromagnetische Strahlung ab und empfangen sie. Die Sonne überschwemmt dich damit. Dein Körper tut alles, damit du nicht über 37 Grad kommst. Dafür gibt er fortwährend 100 Watt an die Umgebung ab. Du meinst, du liegst hier faul rum, in Wahrheit aber bist du ein Hochofen!“

Er blickt durch ein Teleskop hinüber zur schönen Fleur. Jeden Sonntag putzt Husain Rashid seine Waffen: amerikanische Karabiner, tschechische Maschinengewehre, japanische Gewehre. Nachher wird er noch seine chinesischen Dadao Schwerter pflegen.

Thomas Schieder wandert gerne. Große Strecken. Die 112 Kilometer des Malerweges im Elbsandsteingebirge hatte er mit Sylvia zurückgelegt. Für die 13 Etappen des Rheinburgenwegs (210 Kilometer) versucht er gerade Judith Assmann zu gewinnen. Sie mag sich aber nicht über eine so lange Zeit von der Arbeit an ihrem Gefühlsatlas weglocken lassen. Sie schlägt Tagestouren im Taunus vor.

Roswitha Heim stellt ihrem pornographischen Roman über die Heilige Agnes als Motto den Satz voran. „Die in den Texten verwendeten geschlechtsspezifischen Bezeichnungen schließen prinzipiell alle unterschiedlichen Geschlechtszuschreibungen ein.“

Die Arbeit an den „Sichtbaren“ kommt gut voran. Chris Tratter beschäftigt sich daneben jetzt mit der Geschichte des Klangs. „Der Big Bang“, erklärt er Alan Zuse, den er vor der Harmonie trifft, „war stumm. Zum ersten Laut des Universums kam es, als sich darin Strukturen zu bilden begannen. Es war ein sehr tiefer Ton mit einer sehr, sehr niedrigen Frequenz, aber er durchschlug das ganze Universum.“ Alan, der das alles besser weiß, schweigt. Er will wissen, was der Erdling sagt.

„Vermeide“, sagt Beate zu Hermann, von dem sie sich noch immer nicht getrennt hat, „dich selbst zu beherrschen. Du tust dir dann nur selbst an, was die anderen dir anzutun versuchen.“

„Weißt du“, sagt Shing-Tung Wang, als sie im Gemalten Haus zu Abend essen, „die Wahrheit ist, dass selbst die besten Umweltwissenschaftler nicht mehr über die Erde wissen, als die Ärzte auf dem Schlachtfeld von Waterloo über die Körper der verwundeten Soldaten.“ Anita wackelt mit dem Kopf und sagt: „Und…“.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare